Lance Armstrong "Ich habe einen zweifelhaften Ruf"

Dopinggerüchte begleiten Lance Armstrong auf Schritt und Tritt. Jetzt ging der designierte Tour-Sieger 2001 an die Öffentlichkeit und nahm zu den Vorwürfen Stellung.


Lance Armstrong bei der Dopingkontrolle: "Jeder Fahrer wird als möglicher Doper angesehen"
REUTERS

Lance Armstrong bei der Dopingkontrolle: "Jeder Fahrer wird als möglicher Doper angesehen"

Wie gehen Sie mit den Doping-Anschuldigungen um, die immer wieder vorgebracht werden?


Lance Armstrong:

Ich habe einen zweifelhaften Ruf, weil ich Radsportler bin. Jeder Fahrer, jedes Teams wird als möglicher Doper angesehen. Aber solange einer nicht als schuldig überführt worden ist, betrachte ich ihn als unschuldig.

Gefährden Sie nicht selbst ihren Ruf durch die erst kürzlich bekannt gewordene Zusammenarbeit mit dem italienischen Mediziner Michele Ferrari, der wegen Dopings angeklagt ist?


Armstrong: Ich habe die Verbindung zu Ferrari nie bestritten. Ich denke, er ist ein ehrlicher und unschuldiger Mann. Die Menschen sind nicht dumm, sie halten sich an die Fakten. Sie fragen: Wurde Lance Armstrong jemals positiv getestet? Nein. Wird Lance Armstrong jeden Test bestehen? Ja. Hat Lance Armstrong auf der Tour 2001 Kortison benutzt? Nein. Ich denke, daran glauben die Menschen.


Dennoch gelten in der Öffentlichkeit viele Fahrer noch immer als "rollende Apotheken".

Armstrong: Der Radsport hat eine Menge Fehler begangen. Seit der Festina-Affäre 1998 hatten wir drei fürchterliche Jahre. Aber Doping ist ein Problem des gesamten Sports, nicht exklusiv des Radsports oder von Lance Armstrong. Ich glaube allerdings, dass der Radsport auf dem Weg aus der Krise ist, weil mehr getan wird als in anderen Sportarten. Ich unterstütze den Weltverband UCI und seinen Präsidenten Hein Verbruggen. Sie haben alles getan, was sie konnten. Ich unterstütze Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc. Ich glaube, dass es eine saubere Tour ist.


Sportlich ist die 88. Frankreich-Rundfahrt ja anscheinend bereits entschieden. Wie bewerten Sie die bisherige Leistung Ihres härtesten Konkurrenten Jan Ullrich?


Lance Armstrong: Ullrich ist in viel besserer Verfassung als letztes Jahr und viel schwieriger zu besiegen. Allerdings dachte ich, es würde noch härter werden, ihn zu schlagen.

Warum haben Sie Ullrich beim Anstieg nach L'Alpe d'Huez so lange angeschaut, bevor Sie ihm davonfuhren?


Armstrong: Ich wollte die Situation abchecken und wissen, wie viele Fahrer noch da waren. Der Blick war nicht arrogant gemeint, sondern hatte nur renntaktische Gründe. Ich wollte nur Ullrichs Gesichtsaudruck sehen. Er sah ziemlich gut aus. Ich rechnete damit, dass er mir folgen würde.


Wie ist Ihr Verhältnis zu Ullrich?


Armstrong: Ich mag ihn wirklich sehr. Es ist keine Rivalität voller Hass, sondern eine, die auf gegenseitigem Respekt gründet. Er ist der einzige Fahrer, der mir Furcht einflößt. Wenn er ein gutes Jahr hat, ist er unmöglich zu schlagen.


Dieses Jahr waren Sie nicht zu bezwingen. Wollen Sie nun Miguel Indurains Rekord brechen, der die Tour fünfmal in Serie gewann?


Armstrong: Den Tour-Rekord einzustellen oder zu brechen ist keine Motivation. Ich sehe mich nicht als Indurain, Merckx oder Hinault, sondern darunter. Ich plane meine Karriere höchstens zwei Jahre im voraus. Was 2004 sein wird, weiß ich nicht. Der Rekord wird mich aber auf keinen Fall hier halten, Glück und Freude schon.

Aufgezeichnet von Till Schwertfeger



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