Lance Armstrong Kleine Pannen pflastern seinen Weg

Zwar trägt Lance Armstrong noch das Gelbe Trikot, doch der vierfache Tour-de-France-Gewinner hat seine Gegner nicht mehr im Griff wie in den Vorjahren. Auf der Königsetappe der Pyrenäen am Montag könnten Jan Ullrich und Alexander Winokurow den US-Amerikaner vom Tour-Thron stürzen.

Von Till Schwertfeger, Loudenvielle


Titelverteidiger Lance Armstrong: "Einige Dinge laufen nicht"
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Titelverteidiger Lance Armstrong: "Einige Dinge laufen nicht"

Loudenvielle-Le Louron - Als Lance Armstrong vor dem Prolog seine mit vier Tour-Siegen in Serie zementierte Übermacht beim härtesten Radrennen der Welt selbst in Frage stellte, nahmen das die Kenner der Szene gelassen als Koketterie des US-amerikanischen Showman hin. "Ich werde nicht jünger und nicht stärker", hatte Armstrong, der im September 32 Jahre alt wird, im Parc des Expositions von Paris verkündet. Das Medienecho war kaum hörbar. Dass "der Unantastbare" ("Süddeutsche Zeitung") auf der Jubiläums-Tour mit seinem fünften Triumph in den Radsport-Olymp zu Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain aufsteigen würde, war fest programmiert.

Rund zwei Wochen später fährt Armstrong zwar im Gelben Trikot und ist doch schwer angeschlagen. Auf wenige Sekunden ist seine Führung vor Jan Ullrich und Alexander Winokurow geschrumpft. Im Zeitfahren vom deutschen Kapitän des Bianchi-Teams deklassiert, in den Bergen schon dreimal vom Kasachen aus dem Team Telekom abgehängt, ist die Titelverteidigung stark gefährdet. "Es ist offensichtlich, dass ich nicht so gut fahre wie in den Vorjahren", weiß Armstrong. Doch den Grund für seine Schwäche kennt er nicht.

Mit dem "Rätsel Armstrong" beschäftigte sich auch die Sonntagsausgabe der "L'Equipe". Deren seit Jahren für den US-Postal-Kapitän zuständige Reporter hat nachgezählt, dass sich Armstrong auf Grund des Wegfalls des Midi Libre zwischen dem Weltcup-Rennen Lüttich-Bastogne-Lüttich und der Dauphiné-Rundfahrt 42 Tage ohne Wettkampf-Kilometer vorbereiten musste. "Nicht ideal anderthalb Monate vor der Tour", schlussfolgerte das Fachblatt im Rückblick.

Bei der Dauphiné Libéré schließlich stürzte Armstrong am 14. Juni auf dem Teilstück von Morzine nach Chambery bei Tempo 80 auf einer Abfahrt. Die erlittene Beckenverletzung brachte den Regenten der französischen Landstraßen offenbar aus dem Gleichgewicht. Zwar gewann er die Gesamtwertung der Rundfahrt, doch am Tag nach dem Unfall fuhr ihm Iban Mayo auf der Königsetappe davon. Armstrong war psychisch wie physisch nicht in der Lage, die Attacke zu parieren.

"Dieses Jahr laufen einige Dinge einfach nicht. Ich weiß nicht warum", gibt sich ausgerechnet der akribische Organisator Armstrong jetzt ratlos, der jahrelang als "Mister Perfect" der Branche galt. Kleine Pannen pflastern in diesem Jahr seinen Weg. Die neue Spezialanfertigung der Fahrradschuhe verursachte Muskelschmerzen. Den 6,5 Kilometer langen Tour-Prolog unterzog der "US-Sportsman of the Year 2002" keiner abschließenden Inspektion und ließ sich deshalb vom schlechten Zustand einiger Pariser Straßenabschnitte überraschen.

Einer der Leitsätze aus der Vita Armstrongs, der vor fünf Jahren sein Krebsleiden besiegte, lautet: "Die Tour de France ist alles in meinem Leben. Sie ist der Grund, warum ich morgens aufstehe." Bereits nach der ersten Etappe aber muss ihm das Aufstehen schwerer gefallen sein. In den Massensturz von Meaux verwickelt, ließ sich Armstrong tagelang von einem italienischen Spezialisten, der zum Umfeld des umstrittenen Sportmediziners Michele Ferrari gehört, am Rücken behandeln. Zudem macht ihm, obwohl in Texas groß geworden, die extreme Hitzewelle in Frankreich zu schaffen. Im Einzelzeitfahren nach Cap' Découverte trank er nicht genug Wasser und dehydrierte.

Von den Folgen hatte Armstrong sich bis Sonntag nicht erholt. Auch auf der zweiten Pyrenäen-Etappe von Saint-Girons nach Loudenvielle-Le Louron verlor er wieder Zeit auf einen Konkurrenten im Kampf um den Gesamtsieg - diesmal gegen Winokurow. "Als ich Mayo attackierte, wollte ich nur ausprobieren, wer mitgeht", beschrieb der Telekom-Kapitän seinen Angriff, der ihm zwischenzeitlich das virtuelle Gelbe Trikot bescherte. Denn der erschöpfte Armstrong ("Ich bin noch nicht wieder bei 100 Prozent") konnte das nicht. Er war nur darauf bedacht, den Schaden zu begrenzen, und blieb auf dem schweren Anstieg auf den Col de Peyresourde stets am Hinterrad vom kontrolliert Tempo machenden Ullrich.

Zum wiederholten Male auf dieser Tour war der US-Postal-Kapitän in der entscheidenden Rennphase allein. Zwar gewann sein Team in diesem Jahr erstmals das Mannschaftszeitfahren - und das in beeindruckender Manier -, doch an den letzten Bergen zeigt Armstrong Edelhelfer, der Spanier Roberto Heras, ungewohnte Schwächen. Auf der ersten Pyrenäen-Etappe fiel der als bester Domestike der Welt geltende Vuelta-Sieger von 2000 beim Schlussanstieg fast vom Rad, in Loudenvielle-Le Louron kam er 18 Minuten nach seinem Boss ins Ziel.

Gezeichneter Armstrong: Verwundbarkeit des Radsport-Supermanns
AP

Gezeichneter Armstrong: Verwundbarkeit des Radsport-Supermanns

Bei Armstrong selbst fällt der unruhige Fahrstil auf. "Das stimmt. Ich gehe mehr als sonst aus dem Sattel", ist sich der bisherige Tour-Souverän dieses technischen Defizits bewusst. "Aber ich weiß nicht warum. Mir selbst fällt das während der Etappen auf. Mist, denke ich dann, ich bin schon wieder aus dem Sattel." Seinen Gegenspielern ist die Verwundbarkeit des Radsport-Superman längst aufgefallen.

"Lance ist nicht so stark wie in den Vorjahren", fand am Sonntag auch Bianchis Sportlicher Leiter Rudy Pevenage, der bis dahin mit seinen Einschätzungen sehr vorsichtig gewesen war. Winokurow, der in Loudenvielle-Le Louron 43 Sekunden auf den Spitzenreiter gut machte, formulierte selbstbewusst: "Ich fühle mich immer noch stark. Ich werde Montag wieder angreifen." Eine ungewohnte Situation für Armstrong, der sich auf einmal Attacken von allen Seiten ausgesetzt sieht.

Vier Jahre lang hatte der US-Postal-Kapitän die Tour de France derart dominiert, dass Beobachter seine Leistungen sogar als übermenschlich einstuften. Doch so stark Armstrong war, so schwach waren seine Herausforderer. Im vergangenen Jahr schon verlor der Top-Favorit - wenn auch nur knapp - das erste Einzelzeitfahren und fühlte sich nach eigenen Angaben auf der ersten schweren Bergetappe "lausig". Doch der Konkurrenz fehlten die Kraft und der Mut, daraus Kapital zu schlagen. Allein ein austrainierter Ullrich wäre ein Gegner auf Augenhöhe gewesen. Doch 1999 und 2002 fehlte der Tour-Gewinner von 1997, in den beiden Jahren dazwischen war dieser zu dick.

Mit einem Comeback, wie es der Deutsche dieser Tage feiert, hatte auch die Armstrong-Entourage nicht gerechnet. Johan Bruyneel, Sportlicher Leiter von US Postal, sagt: "Er ist viel stärker, als ich es erwartet hatte. Er ist jetzt der große Favorit." Armstrong gibt zu: "Ich habe zwar schon in Paris gesagt, dass es knapp wird. Aber dass es so eng wird, ist eine Überraschung."

Auch sein Familienleben stand 2003 auf der Kippe. Anfang des Jahres hatte sich der dreifache Familienvater von seiner Frau Kristin nach viereinhalb Jahren Ehe getrennt, mittlerweile sind sie wieder zusammen. Im Zusammenhang mit der zweiten Konstante in seinem Leben nach der schweren Krankheit sieht der Seriensieger ebenfalls eine Krise heraufziehen und beschäftigt sich in aller Öffentlichkeit bereits mit einer Niederlage. "Wenn ich die Tour vielleicht mit einer Sekunde verliere, werde ich nicht heulen", so Armstrong sechs Etappen vor dem Finale in Paris. "Ich gehe dann nach Hause, trinke ein kaltes Bier und komme nächstes Jahr wieder." Eine bemerkenswerte Aussage für einen, der bisher Sport unter dem Motto trieb: "Siegen ist nicht alles, Siegen ist das Einzige."

Noch allerdings ist Armstrong auf der Siegerstraße. "Luz-Ardiden könnte ein großer Tag werden", hofft der Träger des Gelben Trikots, auf der Königs-Etappe über den Tourmalet am Montag seine Rivalen distanzieren zu können, "ich werde auf jeden Fall mein Bestes geben." Früher war das eine Furcht erregende Drohung.



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