Langstreckenschwimmer van der Weijden Dank Sauerstoffkur zum Olympiasieg

Acht Monate lang 15 Stunden Sauerstoffzelt am Tag: Langstreckenschwimmer Maarten van der Weijden hat seinen Triumph bei Olympia auf extreme Weise vorbereitet. Wenige Jahre zuvor besiegte er ein Krebsleiden. Das als persönlichen Erfolg zu feiern wie Lance Armstrong, liegt dem Niederländer fern.

Aus Peking berichtet


Cees-Rein van den Hoogenband ist unsicher. "2,03 Meter? 2,04 Meter? Oder doch schon 2,07 Meter?", überlegt der Vater des dreimaligen Olympiasiegers Pieter van den Hoogenband, der am Donnerstagmorgen gemeinsam mit dem Papa das Finale der Freiwasserspezialisten verfolgte. Am Ende führten die beiden direkt neben der Ruderstrecke im Nordosten Pekings Freudentänze auf: Pieter, weil er mit dem Überraschungsolympiasieger Maarten van der Weijden in Eindhoven trainiert. Und Vater Cees-Rein, der als Arzt der niederländischen Schwimmer über den riesenhaften Goldknaben, der da vor ihm stand, staunte: "Sauerstoff scheint tatsächlich ein Wachstumsfaktor zu sein."

Ein Witz, natürlich. Van der Weijden war schließlich schon stolze 205 Zentimeter lang, als er sich im Januar zu einer umfangreichen Sauerstoffkur entschloss, bei der er in einem Zelt mit sauerstoffarmer Luft Höhenbedingungen simulierte und damit versuchte, die Sauerstofftransportfähigkeit des Blutes zu erhöhen. "Er wollte eben Höhentraining machen, ohne zu reisen", sagt Cees-Rein van den Hoogenband, diesmal halb im Scherz. Denn neben den 15 Stunden, die er seit acht Monaten Tag für Tag im Sauerstoffzelt verbringt, hat van der Weijden auch richtige Höhenluft geschnuppert: Einmal bei einem Trainingslager im Februar und noch einmal im Juli, jeweils in der Sierra Nevada, insgesamt sechseinhalb Wochen lang.

Und jetzt ist der WM-Vierte über zehn Kilometer Olympiasieger geworden. Eine Überraschung, wobei die eigentliche Geschichte des Maarten van der Weijden nicht von künstlichem Höhentraining im Flachland erzählt. Sondern von Krebs. Vor siebeneinhalb Jahren wurde bei dem Mathematikstudenten aus Eindhoven Leukämie diagnostiziert – im gleichen Jahr, als die südafrikanische Freiwasserschwimmerin Natalie du Toit bei einem Verkehrsunfall in Kapstadt ihr linkes Bein verlor.

Doch du Toit kämpfte, gewann bei den Paralympics 2004 fünfmal Gold und einmal Silber und trat am Mittwoch als erste amputierte Sportlerin bei Olympischen Spielen gegen gesunde Konkurrenten an. Ihr persönliches Schicksal, das beide überwunden haben, verbindet du Toit und van der Weijden. Von sportlichem Biss will der kahlköpfige Niederländer im Zusammenhang mit seiner Krankheit jedoch nichts wissen. Er hat die Autobiografie des siebenfachen Tour-de-France-Siegers Lance Armstrong gelesen – und betonte nun mit der Goldmedaille um den Hals: "In seinem Buch bezeichnet Armstrong seinen Sieg über den Krebs und die Siege auf dem Rad als persönlichen Erfolg. Aber das ist Unfug. Es geht nicht um kämpfen – alles was du brauchst, ist Vertrauen."

Vertrauen in die Medizin. "Die Ärzte haben damals für mich gekämpft, ich habe erst heute gekämpft", sagt der 27-Jährige und spricht über seine Krankheit, die er dank einer Stammzellentransplantation vollständig überwunden hat. "Es hat mich gelehrt, immer nur an den nächsten Schritt zu denken, geduldig zu sein. Wenn du mit solchen Schmerzen im Krankenhausbett liegst, denkst du nicht an den nächsten Monat, sondern an die nächste Stunde." Und genau diese Erfahrung habe ihn nun zu seiner erfolgreichen Wartestrategie im olympischen Freiwasserrennen geführt.

Gewonnen hat er vor dem Briten David Davies, der als Beckenschwimmer vor vier Jahren in Athen Bronze über 1500 Meter holte. Und vor Thomas Lurz. Der 28-jährige Würzburger war neben dem später disqualifizierten Russen Wladimir Djatchin als Top-Favorit gestartet, nach dem Zielanschlag rieb er sich aber erst einmal die Augen: "Ich wusste, dass Maarten stark ist. Aber dass er gleich gewinnen würde, hätte ich nicht gedacht." Der gedrosselte Jubel des gelernten Diplom-Sozialarbeiters Lurz ("Ich bin glücklich, das muss man bei Olympia-Bronze sein") und sein Staunen über van der Weijden sprach Bände über die Leistung des niederländischen Triumphators.

Wie es mit Maarten van der Weijden weiter geht, ist offen. Über seine Teilnahme an der EM Anfang September wird in den nächsten Tagen entschieden, sagt sein Coach Marcel Wouda. Sicher ist aber, dass der Riese aus den Niederlanden seine Sauerstoffzelte jetzt erst einmal abbauen wird. Acht Monate lang nächtens für elf und nach dem Mittagessen noch einmal für vier Stunden ins Zelt zu kriechen, ist schließlich kein Vergnügen. "Die letzten Monate waren ziemlich stressig – wegen Olympia", gesteht er selbst. "Dabei dachte ich, ich kann Stress nicht gebrauchen, sondern muss entspannt sein. Aber offensichtlich geht beides."

Thomas Lurz, der etwas enttäuschte Medaillengewinner aus Franken, hat es noch nie mit künstlichem Sauerstoffentzug probiert. Zu wenig Zeit, zu hoch das Risiko, zu widersprüchlich die Meinungen über den Wert solcher Übungen, sagt Stefan Lurz, der seinen Bruder Thomas trainiert.

Der Mann, der diese Form der Olympia-Vorbereitung bis zum Exzess betrieben hat und noch am Morgen des Rennens mit einer Solarbrille vor den Augen an der Ruderstrecke gesichtet worden war, faltete vor seinem Sprung aufs Siegertreppchen andächtig die Hände. Gedankt hat er dabei aber nicht den Erfindern von Sauerstoffzelten. Sondern all jenen, die in ihrem Leben Geld für die Krebsforschung gespendet haben. "Denn ohne sie", sagte Maarten van der Weijden, nachdem die niederländische Hymne erklungen war, "wäre ich nicht hier."



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