Laufhoffnung Jelimo Einmal Champion und zurück

Sie ist 19 Jahre alt, war ein Niemand und will den Weltrekord: Die 800-Meter-Läuferin Pamela Jelimo aus Kenia ist in kürzester Zeit an die Weltspitze gesprintet. Doch dem schnellen Aufstieg folgte eine Krise - bei der Leichtathletik-WM musste sie sogar aufgeben.

Läuferin Jelimo: Dünne Beine, ernster Blick
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Läuferin Jelimo: Dünne Beine, ernster Blick

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Es gibt sie immer wieder im Sport, die Geschichte vom Aufstieg des Außenseiters zum Champion, ein Namenloser wird zum Held. Die Geschichte, die vom Überwinden von Grenzen erzählt, hat etwas Romantisches. Großes Theater, das den Sport so faszinierend macht.

Da ist zum Beispiel Pamela Jelimo aus Kenia. Es ist erst 16 Monate her, da war sie ein Aschenputtel, ein Niemand, heute ist die 800-Meter-Läuferin ein Weltstar. Ein 19-jähriges Mädchen, mit dünnen Beinen, Rastazöpfen und ernstem Blick.

Am 18. April 2008 lief Pamela Jelimo ihr erstes offizielles Rennen über 800 Meter, und was danach folgte, hat es noch nie gegeben: Kenianischer Rekord, Afrika-Rekord, Junioren-Weltrekord. Im vergangenen Jahr blieb sie ungeschlagen, sie holte sich Gold bei den Olympischen Spielen in Peking und wurde belohnt mit einer Million Dollar, weil sie bei den sechs Golden-League-Meetings sechsmal als Erste ins Ziel kam. Eine Million Dollar, das ist 2500-mal so viel wie der durchschnittliche Monatslohn in Kenia.

Manager schickte sie zum Geschlechtstest

Natürlich geben ihre Leistungen Anlass zu Skepsis: Wie kann eine Läuferin, die kaum Erfahrung über 800 Meter besitzt, die gesamte Weltspitze vorführen? Geht das ohne Doping? Man kann, ja man darf niemandem mehr glauben, weder dem Jamaikaner Usain Bolt, dem Weltrekordläufer über 100 Meter, noch Pamela Jelimo. Das ist das Tragische am Sport. Auch wenn es keinerlei Anhaltspunkte für Doping gibt, bestehen doch Zweifel.

Weil Pamela Jelimo in der vergangenen Saison derart überlegen war, schickte ihr Manager sie zu einem Geschlechtstest. Er wollte Zweifel zerstreuen, dass sein Schützling in Wahrheit ein Mann ist. Sie ist keiner. Sie sagt, alle ihre Dopingtests seien negativ gewesen. Aber was heißt das schon? Das waren sie auch bei der US-Sprinterin Marion Jones. 160 Proben unauffällig, die Fahnder überführten sie nicht, ihr Betrug wurde bekannt, als sie vor Gericht zugab, jahrelang leistungssteigernde Mittel genommen zu haben.

Aber vielleicht sind es tatsächlich nur die Gene.

Pamela Jelimo stammt aus Kapsabet, einer Stadt im Rift Valley, Kapsabet liegt südwestlich von Eldoret und ist die Heimat vieler erfolgreicher Leichtathleten wie Wilson Kipketer, Paul Kipkoech und Rita Jeptoo Sitienei. Ihre Mutter war eine ordentliche Läuferin, bevor sie zehn Kinder zur Welt brachte, sieben Mädchen und drei Jungen.

Vor drei Jahren entdeckte sie ein Agent

Als Pamela Jelimo vergangenen Herbst, am Ende der Saison, nach Kenia zurückkehrte, wollten sich der Präsident und der Premierminister mit ihr treffen. In Kapsabet kamen Tausende auf die Straße, um sie zu empfangen, Kinder sagen Lobpreisungen, Männer wedelten mit Plakaten, "Pamela, Marry Me" stand darauf, "Pamela, heirate mich". Die Hauptstraße wurde umbenannt in Pamela Jelimo Street.

Sie wohnt in einem kleinen Bungalow, zusammen mit ihrem Mann Peter Murrey. Einziges Luxusobjekt im Haus ist ein Plasmafernseher. Draußen hängt Wäsche über dem Maschendrahtzaun, der das Grundstück begrenzt. Pamela Jelimo gibt selten Interviews, und auch Sponsorentermine nimmt sie kaum wahr. Pamela Jelimo wusste früh, dass sie schneller rennen konnte als andere Kinder, in der Schule gehörte sie zu den besten Athletinnen. Vor drei Jahren entdeckte sie ein Agent des kenianischen Leichtathletikverbandes bei einem Wettkampf in Eldoret. In Kenia gehören die größten Sportvereine staatlichen Organisationen, Pamela Jelimo bekam einen Job bei der Polizei.

Die wenigsten wussten, wer sie war

Ihren ersten großen Titel gewann sie 2007, bei den afrikanischen Juniorenmeisterschaften in Burkina Faso siegte sie über 400 Meter. Über 200 Meter reichte es jedoch nicht fürs Finale. Sie beschloss daher, von der Kurz- auf die Mittelstrecke umzusteigen. "Die kenianischen Mittelstreckenläufer waren immer meine Vorbilder", sagt sie. "Ich habe mit meinem Trainer darüber gesprochen, dann haben wir entschieden, es mit 800 Meter zu probieren."

Die Entscheidung sollte ihr Leben verändern.

Bei der Premiere über die neue Distanz im April 2008 qualifizierte sie sich gleich für die Afrikameisterschaft: Nach 2:01,02 Minuten lief sie über den Zielstrich. Am 4. Mai gewann sie den Titel in Addis Abeba, in 1:58,70 Minuten. Sie schlug dabei die ehemalige Olympiasiegerin Maria Mutola aus Mosambik.

Sie reiste nach Europa, lief ihr erstes Rennen auf dem Kontinent in Hengelo, Niederlande. Die wenigsten ihrer Gegnerinnen wussten, wer sie war. Sie lief 1:55,76 Minuten, neuer Junioren-Weltrekord. Sie sollte ihn noch dreimal verbessern. Eine Woche später beim Meeting in Berlin: 1:54,99 Minuten. Am 18. Juli in Saint-Denis: 1:54,97 Minuten. Am 28. August in Zürich: 1:54,01 Minuten. Das war die drittschnellste Zeit, die jemals eine Athletin über 800 Meter gelaufen ist.

Aura der Unbesiegbarkeit war zerstört

Sie näherte sich bis auf 0,73 Sekunden dem Senioren-Weltrekord, einem Rekord, der für die Ewigkeit gemacht schien, aufgestellt von der grotesk muskulösen Tschechin Jarmila Kratochvilova vor 26 Jahren - in einer Phase also, als hemmungslos gedopt wurde in der Leichtathletik. Pamela Jelimo lief allen davon.

Daran änderte sich nichts, bis Mitte Juni dieses Jahres. Bei einem Wettkampf in Rabat, Marokko, kam sie nur auf Platz sechs, und in Eugene, US-Bundesstaat Oregon, reichte es sogar nur für Platz sieben, sie blieb elf Sekunden hinter ihrer persönlichen Bestzeit. Sie war zuvor verletzt gewesen, hatte den Trainer gewechselt, es fiel ihr schwer, mit dem Rummel umzugehen, es gab Erklärungen für den Einbruch, aber die Aura der Unbesiegbarkeit war zerstört.

Pamela Jelimo verzichtete daraufhin auf Starts in Europa, sie ging stattdessen nach Kapsabet in Trainingslager, dort wollte sie sich in Form bringen für Berlin. Bei der WM-Qualifikation im Nationalstadion in Nairobi war sie langsamer als die amtierende Weltmeisterin Janeth Jepkosgei, und hinterher sagte sie, der zweite Platz sei "eine Schande". Nun in Berlin schied sie schon im Halbfinale aus. Sie konnte nicht mithalten und gab nach 600 Metern auf.

"Ich möchte normal sein"

Doch sie ist noch jung und träumt davon, den Weltrekord zu brechen. "Ich habe es ein paar Mal versucht, aber es ist nicht leicht. Eine Sekunde schneller als meine eigene Bestleistung. Es ist nicht leicht, nicht leicht." Pamela Jelimo denkt bereits an die Zeit nach dem Sport, Geldprobleme wird sie nie mehr haben. Sie will im Rift Valley eine Schule gründen, wie viele Athleten in Kenia vor ihr. Eventuell geht sie nach Amerika, als Stipendiatin an eine Universität. Sie interessiert sich für Medizin. Sie möchte später mal "in einem Büro sitzen und arbeiten. Ich möchte normal sein".

Das wird schwer. Denn entweder geht sie als eine der größten Sportlerinnen Kenias in die Geschichte ein. Oder als eine der größten Betrügerinnen.



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