Leichtathletik Baumann spaltet Verband

Im Deutschen Leichtathletik-Verband ist ein offener Streit ausgebrochen, ob Dieter Baumann bei den deutschen Hallenmeisterschaften starten darf.


Dieter Baumann: Verfahren ohne Ende
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Dieter Baumann: Verfahren ohne Ende

Darmstadt - Die gespannte Situation verschärfte eine Entscheidung des Oberlandesgerichtes Frankfurt, die dem Tübinger Rückendeckung gibt. Wie die "Netzeitung" berichtet, erwirkte Baumann-Anwalt Michael Lehner einen "vollstreckbaren Titel". Damit erhält das Urteil des DLV-Rechtsausschusses, der dem 36-Jährigen das Startrecht zugebilligt hatte, Rechtskraft.

Der Olympiasieger von 1992 über 5000 Meter hatte per Eilantrag seine Teilnahme an den deutschen Hallen-Meisterschaften am Wochenende in Dortmund erwirkt, gegen die der DLV jedoch Beschwerde eingelegt hat. Eine Entscheidung des DLV-Rechtsausschusses unter Vorsitz von Wolfgang Schoeppe, der Baumann zunächst im Alleingang das Startrecht zugebilligt hatte, wird nach Auskunft des DLV nicht vor Freitagmittag erwartet.

Juristisches Nachspiel droht

Verbietet der DLV Baumann den Start in Dortmund, droht ein juristisches Nachspiel. Lehner machte deutlich, sollte er den Titel zur Anwendung bringen, würde "das Amtsgericht Darmstadt zur Erzwingung des Startrechts eine Geldstrafe bei Zuwiderhandlung gegen den DLV verhängen. Üblicherweise beläuft sie sich auf 50 000 Mark."

Hintergrund sind die vom Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) angekündigten Sanktionen. Die IAAF, die Baumann wegen Dopings bis zum 21. Januar 2002 gesperrt hatte, könnte im Extremfall allen Teilnehmern an den nationalen Titelkämpfen das Startrecht entziehen, sollte Baumann, wie von ihm beabsichtigt, in Dortmund über 3000 Meter starten. Die Satzung sieht vor, dass alle Athleten von der IAAF gesperrt werden können, die gegen einen gesperrten Athleten antreten.

"Verwirrende Rechtslage"

"Nach meinem Rechtsempfinden hat Herr Schoeppe die einzig mögliche Entscheidung getroffen. Aber vielleicht ist in ein paar Stunden schon wieder alles Makulatur, und ich gelte dann als gesperrt. Bei der verwirrenden Rechtslage kann das doch kein Mensch wissen", erklärte Baumann in einem Interview der Tageszeitung "Die Welt".

Das Urteil des Rechtsausschusses wird aber nicht nur von Baumann, sondern auch vom DLV mit größtem Interesse erwartet. Denn es birgt einige Brisanz. Für den Fall einer Entscheidung pro Baumann sind auf der Präsidiumstagung am Freitag heftige Auseinandersetzungen zu erwarten. "Es gibt unterschiedliche Meinungen", räumte DLV-Präsident Helmut Digel ein, stellte aber klar: "Ich habe kein Interesse, den DLV zu spalten."

"Das IAAF-Urteil gegen Baumann war rechtswidrig"

Der Tübinger Soziologie-Professor hält mit seiner Ansicht nicht hinter dem Berg. "Ich habe schon in Sydney die Probleme angedeutet und die öffentliche Auffassung vertreten, dass das Urteil der IAAF gegen Baumann rechtswidrig war. Daher bin ich der Meinung, dass wir der Entscheidung folgen sollten, die der Rechtsausschuss-Vorsitzende gefällt hat", sagte Digel.

Doch die Mehrheit im Präsidium vertritt eine andere Linie. Es wird nicht einmal ausgeschlossen, dass der DLV eine eigenmächtige Entscheidung trifft, wenn das Urteil des Rechtsausschusses nicht rechtzeitig bis zum 3000-Meter-Vorlauf am Samstagvormittag vorliegt. "Ich bin mir nicht sicher, ob das Präsidium in dieser Angelegenheit einen Beschluss fassen darf", vertritt Digel auch in diesem Punkt eine konträre Meinung. Sein designierter Nachfolger, der DLV-Vizepräsident Clemens Prokop, ist hingegen der Ansicht, das in Sydney vom IAAF gefällte Urteil gegen Baumann zu befolgen.



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