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11. August 2018, 09:16 Uhr

DLV-Dominanz im Speerwurf

Sie fliegen

Von , Berlin

Christin Hussong macht es den Männern gleich und gewinnt im Frauen-Speerwurf ebenfalls Gold für den DLV. Die deutsche Dominanz in dieser Disziplin war noch nie so groß wie im Moment.

Mit 15 Jahren hat Christin Hussong zum ersten Mal dieses Stadion gesehen, die blaue Laufbahn, die imposanten Ränge, den Speer, der unter dem Jubel des Publikums durch das gesamte Stadion segelt. Aber dieses Stadion war weit weg. Hussong saß in der Pfalz vor dem Fernsehen, und der Speer, der dort segelte, gehörte nicht ihr, sondern Steffi Nerius, die sich im Berliner Olympiastadion 2009 völlig überraschend zur Weltmeisterin krönte.

Hussong saß auf dem Sofa und dachte sich: "Da will ich auch hin." Jetzt ist sie da. Die blaue Laufbahn, die Ränge, der Speer, der so weit fliegt wie nie zuvor bei ihr, und die Gewinnerin, die niemand zuvor als Topfavoritin bezeichnet hatte. Eine Medaillenchance bei der Leichtathletik-EM, klar - die hat man als Deutsche im Speerwurf fast immer - aber gleich Erste? Christin Hussong hat sich mit einem einzigen Wurf einen fast zehn Jahre alten Wunsch erfüllt.

67,90 Meter - nie hat eine Frau zuvor bei Europameisterschaften den Speer so weit geschleudert, mehr als sechs Meter hatte sie Vorsprung vor der Konkurrenz. Hussong, die schon in der Qualifikation eine neue persönliche Bestmarke aufgestellt hatte, legte mit dem ersten Versuch im Wettkampf noch einmal nach. "Ich wollte die Konkurrenz gleich schocken, und das hat ja auch ganz gut geklappt."

Im Winter die Wurfposition verändert

Ihr größter Erfolg war bis zu diesem Abend ein sechster Platz bei der WM 2015 gewesen, im Juniorinnenbereich hatte sie abgeräumt, aber zuletzt bei den Olympischen Spielen von Rio belegte sie den zwölften und letzten Platz im Endkampf. Bei der WM im Vorjahr scheiterte sie schon in der Qualifikation.

Es musste also etwas passieren in der Karriere von Christin Hussong - und es passierte etwas. Im Winter tüftelte sie mit ihrem Vater Udo, der sie als Trainer betreut, seit sie ein Teenager war, an ihrem Wurf. Seitdem verlagert sie das Gewicht mehr aufs rechte Stemmbein, der Wurf hat dadurch an Dynamik noch einmal deutlich gewonnen. Das hat sich ausgezahlt.

Gold für Christin Hussong bei den Frauen, Gold und Silber für Thomas Röhler und Andreas Hofmann bei den Männern: Der Speerwurf ist die Medaillenschmiede des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) geworden. Stark waren sie hier immer schon: Da kann man bei Klaus Wolfermann, dem Olympiasieger von 1972 anfangen, kann an Klaus Tafelmeier und Uwe Hohn erinnern, an Boris und Kristina Obergföll, an Ruth Fuchs und Linda Stahl, an Detlef Michel, Beate Peters und Michael Wessing - aber so beherrschend wie im Moment mit dem Weltmeister und Rekordhalter Johannes Vetter als einen weiteren Siegwerfer war der DLV noch nie.

Was auch daran lag, dass andere Nationen nachgelassen haben: die Finnen vor allem, dieses traditionelle Speerwerferland. Aber auch die Tschechen haben ihre Superstars Jan Zelezny und Barbora Spotáková verloren, ihre Nachfolger sind gut, aber eben nicht mehr sehr gut.

Das neue Werferland heißt Deutschland. Dort, wo sie immer schon die Disziplinen geliebt haben, bei denen man am Sportgerät tüfteln kann und daran, wie man den Umgang mit ihm perfektioniert. Wo eine Armada an Wissenschaftlern in Leipzig, in Kienbaum, in Köln, in Jena an Details feilt, um die DLV-Athleten und Athletinnen noch ein bisschen besser in den sogenannten technischen Disziplinen zu machen. Wo jede minimale Körperbewegung im Anlauf versucht wird, zu optimieren, zu automatisieren. Im Sport ist Deutschland noch das Ingenieurland.

Medaillen in Tokio fast sicher eingeplant

Hussong ist erst 24 Jahre, Röhler, der Olympiasieger und Europameister ist 26, Hofmann ebenso, Vetter 25 - unter den Topwerfern und -werferinnen fällt höchstens Katharina Molitor mit ihren 34 Jahren aus dem Raster. Molitor, die Weltmeisterin von Peking 2015, ist in Berlin über die Qualifikation nicht hinausgekommen. Da neigt sich eine erfolgreiche Karriere dem Ende zu.

Aber alle anderen im Team stehen noch voll im Saft, haben die Olympischen Spiele 2020 von Tokio fest im Visier. Und die Konkurrenz zumindest aus Europa ist weit weg, das haben die Wettkämpfe in Berlin gezeigt. Eigentlich können nur Verletzungen dazwischenkommen, um Olympiamedaillen zu verhindern. Das Dumme: Verletzungen sind in der Leichtathletik, dieser Sportart, in der jeder gebrauchte Muskel bis zum Anschlag strapaziert wird, fast wie ein Schicksal hinzunehmen. Kein Spitzenathlet bleibt davon völlig verschont, dafür sind die Belastungen viel zu hoch.

Gesund bleiben, fit bleiben - das ist für Hussong, für Röhler, Hofmann und Vetter ab sofort die erste Athletenpflicht. Es sind nur noch gut 23 Monate bis zu den Sommerspielen, bis Tokio, wenn die US-Amerikaner, die Jamaikaner und Kenianer den Deutschen die Aussicht auf Medaillen in den Laufdisziplinen wieder fast unmöglich machen. Die Speerwerfer müssen es dann wohl wieder herausreißen.

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