Leichtathletik-EM Schatten der Vergangenheit

Für die Leichtathletik-EM in München sind Teile des Olympischen Dorfes von 1972 reaktiviert worden, um den Athleten eine Unterkunft in der Nähe der Wettkampfstätten zu bieten. Doch für die israelischen Athleten wird die EM kein Sportfest wie jedes andere sein.


Terroristen des Kommandos "Schwarzer September" am 5. September 1972 auf dem Balkon des israelischen Olympiaquartiers
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Terroristen des Kommandos "Schwarzer September" am 5. September 1972 auf dem Balkon des israelischen Olympiaquartiers

München - Am Dienstag beginnt in München die Europameisterschaft der Leichtathleten. Für die 2121 Athleten, Betreuer, Trainer und Offizielle wurden die alten Wohnstätten der Olympischen Spiele von 1972 reaktiviert, um den Aktiven die "Wettkämpfe der kurzen Wege" zu ermöglichen. Wie schon vor 30 Jahren, als die Athleten zu Fuß die Wettkampfstätten von ihrer Unterkunft erreichen konnten.

In 801 Bungalows und 598 Appartements des ehemaligen olympischen Dorfes sind die EM-Teilnehmer untergebracht. Bis vor kurzem noch hatten dort Studenten der Münchner Hochschulen gelebt. Um Platz für die Athleten zu machen, mussten Anfang Juli die Kommilitonen ihre Sachen packen und bis Mitte August ausziehen. Damit ist aus einem Teil des Olympiadorfes von 1972 wieder eine Sportlerunterkunft geworden. "Es war unser Wunsch, an eine Tradition, die den olympischen Geist auszeichnet, anzuknüpfen. In diesem schönen Dorf wird eine olympische Atmosphäre wie 1972 entstehen", sagte Helmut Digel, Chef des Organisationskomitees.

Schwärzeste Stunde der Olympiageschichte


Doch mit der Reaktivierung der alten Appartements kommt auch die Erinnerung an die schwärzeste Stunde der Olympischen Spiele wieder. Am Morgen des 5. September 1972 überfielen acht Terroristen der Gruppe "Schwarzer September" das israelische Quartier in der Conolly-Straße 31 im Olympischen Dorf. Sie töteten zwei Israelis sofort, forderten die Freilassung von 200 arabischen Häftlingen in israelischen Gefängnissen und für sich selbst ein Flugzeug. Bei einer Befreiungsaktion auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck kamen alle neun israelischen Geiseln, ein Polizist und fünf Terroristen ums Leben. Die Spiele wurden daraufhin für 34 Stunden unterbrochen. Dann wurden sie, um einen Tag verlängert, zu Ende geführt. "The games must go on", hatte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Avery Brundage, einer erschütterten Welt bei der Trauerfeier für die Opfer des Anschlags zugerufen.

Polizisten am vergangenen Wochenende bei einer Kontrolle des EM-Geländes: "Besondere Sicherheitsvorkehrungen für die israelischen Sportler"
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Polizisten am vergangenen Wochenende bei einer Kontrolle des EM-Geländes: "Besondere Sicherheitsvorkehrungen für die israelischen Sportler"

Der brutale Anschlag, der zwölf Menschen das Leben kostete, verwandelte die "heiteren Spiele" von München in die schwärzeste Stunde der Olympiageschichte, und auch 30 Jahre später sind die Schatten dieses Anschlages allgegenwärtig. Da sich unter den EM-Athleten in München sich auch eine Sportler-Delegation aus Israel befindet, sind besondere Sicherheitsvorkehrungen im Athletendorf getroffen worden.

Obwohl sich die israelischen Sportler von den traurigen Erinnerungen nicht beeinflussen lassen wollen, werden zwiespältige Gefühle stets präsent sein. Zwar sagte der Vorsitzende des israelischen Leichtathletik-Verbandes, Jack Cohen, auf die Unterkunft angesprochen: "Wir haben damit kein Problem, alle Athleten werden im Dorf wohnen." Doch besonders für Ester Roth, die als Gast die israelische Mannschaft begleiten wird, wird die EM kein normaler Wettkampf sein. Roth hatte 1972 als Hürdensprinterin an den Olympischen Spielen teilgenommen und den Terroranschlag hautnah erleben müssen.

Rund tausend Polizisten im Einsatz


Der Terror von damals hat auch 30 Jahre später unübersehbare Folgen, denn die Sicherheit wird bei der EM groß geschrieben. Die Appartements und Bungalows des Athletendorfes, 1972 das olympische Frauen-Dorf, sind durch einen Zaun gesichert. Neben rund tausend Polizeibeamten, die auf dem Olympia-Gelände vor Ort sind, ist auch ein privater Sicherheitsdienst im Dorf im Einsatz. Vermutlich sind auch israelische Spezialisten dabei. "Dazu kann ich keine Stellung nehmen", erklärte Cohen.

Auch Werner Feiler gibt Einzelheiten natürlich nicht preis. Der Sachgebietsleiter im Polizeipräsidium München sagt lediglich: "Auf jeden Fall haben wir für die israelischen Sportler besondere Sicherheitsvorkehrungen geplant." Der massive Polizeieinsatz rund um die EM ist für ihn allemal gerechtfertigt: "Ganz Europa schaut während der EM nach München, da wollen wir besonderen Wert auf die Sicherheit legen. Und wenn nichts passiert, hat sich alles für uns gelohnt."

Die Tatsache, dass Israels Athleten mit dem stabhochspringenden Medaillenkandidaten Alex Averbukh an der Spitze nach München und ins Olympische Dorf zurückkehren, ist in Israels Medien noch kein Thema. Das könnte sich nach Meinung von Beobachtern aber ändern, wenn die sechstägige EM am Dienstag beginnt. In Israel ist nie vergessen worden, wie schäbig sich die Angehörigen der Terroropfer zum Teil behandelt fühlten.



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