Leichtathletik Schwache Männer bereiten Sorgen

Beim Europacup-Finale in Bremen ist den deutschen Leichtathleten der Spiegel vorgehalten worden. Während die Damen überzeugen konnten, sieht es für die Herren nicht gut aus.


Charles Friedek: "Die Saison ist gelaufen"
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Charles Friedek: "Die Saison ist gelaufen"

Bremen - Trotz einer starken Vorstellung der Frauen präsentierten sich die deutschen Leichtathleten beim Europacup noch längst nicht WM-tauglich. Zwar untermauerten die DLV-Samen mit Platz zwei (117 Punkte) hinter dem erfolgreichen Titelverteidiger Russland (126,5) ihre kontinentale Spitzenstellung. Doch der Absturz der Männer auf Rang sechs (91), der schlechtesten Platzierung seit der Wiedervereinigung, weit hinter dem Sieger Polen (107), und lediglich zwei neue Normerfüllungen für die WM in Edmonton ließen keine rechte Freude aufkommen. "Unsere Athleten müssen noch zulegen", bilanzierte DLV-Präsident Clemens Prokop nüchtern.

Acht Siege für den DLV


Vor knapp 30.000 Zuschauern am Samstag und Sonntag in Bremen verzeichneten die DLV-Athleten acht Siege durch Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler (Karlsruhe), die Diskus-Asse Lars Riedel (Chemnitz) und Franka Dietzsch (Neubrandenburg), Stabhochspringer Michael Stolle (Leverkusen), Kugelstoßerin Nadine Kleinert-Schmitt und 400-Meter-Läuferin Grit Breuer (beide Magdeburg) sowie beide Frauen-Staffeln.

Für den Wermutstropfen sorgte ausgerechnet Dreisprung-Weltmeister Charles Friedek. Der Leverkusener zog sich einen Muskelfaserriss im linken Beuger zu und erklärte danach seinen WM-Verzicht. "Es macht keinen Sinn hinzugehen, selbst wenn die Sache noch in Ordnung kommen sollte. Die Saison ist beendet", sagte der 29-Jährige. Im Hinblick auf die WM Anfang August in Edmonton ist der DLV ohnehin kaum weiter gekommen. Von den 29 ohne Normerfüllung angereisten Athleten sicherte sich neben Drechsler lediglich Speerwerferin Steffi Nerius das Kanada-Ticket. Die anderen traten den Heimweg mit leeren Händen an.

Galgenhumor beim Chef


Angesichts der Tatsache, dass eine Woche vor der letzten Qualifikationschance bei den deutschen Meisterschaften in Stuttgart lediglich 44 Athleten die Voraussetzungen für einen WM-Start erfüllt haben, flüchtete sich Clemens Prokop in Galgenhumor. "Die Leichtathletik lebt noch", stellte der DLV-Präsident lapidar fest. Prokop setzt auf den Faktor Zeit und weiß doch, dass genau diese fehlt. "Man sollte noch nicht den Stab über die Athleten brechen. Die Saison läuft erst seit sechs Wochen", so der DLV-Boss.

Doch die Ergebnisse sprechen für sich. Nach Lage der Dinge wird der DLV zur WM die kleinste Mannschaft seit der Wiedervereinigung entsenden und viele Disziplinen nicht besetzen können. Schon wird im DLV über eine Modifikation der Normen nachgedacht, ließ Rüdiger Nickel, Vizepräsident für Leistungssport im DLV, durchblicken. Nickel hatte schon in Sydney gewarnt, dass sich der DLV auf das Niveau der alten Bundesrepublik zurück entwickle.

Lars Riedel rettet die Männerehre


Auftritte wie die von Grit Breuer, Franka Dietzsch oder Lars Riedel sind da natürlich Balsam für die geschundene Seele. Die 400-m-Europameisterin knüpft nach ihrer Verletzung im Vorjahr, die sie die Olympia-Teilnahme kostete, an alte Tage an. "Die Form wird immer besser, es geht ständig bergauf", freute sich die Magdeburgerin nach ihrer Saisonbestzeit von 50,49 Sekunden. Auch Diskus-Riese Lars Riedel steigerte sich in Bremen auf die Jahresbestweite von 66,63 Meter. "Es wäre noch ein Meter mehr drin gewesen. Ich hoffe, aus dem Trainingslager in Portugal mit einem Niveau von 68 Meter zurückzukommen. Damit hätte ich die Möglichkeit, um eine WM-Medaille zu kämpfen", rechnet sich der viermalige Weltmeister beim Saisonhöhepunkt etwas aus.

Von Eric Dobias, dpa



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