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Krause-Sturz beim 3000-Meter-Hindernis: Erhobenen Hauptes ins Ziel

Foto: Bernd Thissen/ dpa

Krause-Drama bei Leichtathletik-WM Ganz groß auch ohne Medaille

Keine Medaille, dafür eine bewegende Geschichte: Europameisterin Gesa Krause stürzte bei ihrem Hindernisrennen, kämpfte sich ins Ziel - und zeigte einen bemerkenswerten Umgang mit ihrem Schicksal.

Aus dem Stadion drang donnernder Applaus in die Interviewzone, als die Stimme von Gesa Krause brach.

Es lief das Frauen-Finale über 200 Meter, die letzte Entscheidung an diesem Abend bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in London. Das Publikum war wie immer voll dabei, und die Euphorie auf den Rängen stand im bitteren Widerspruch zum Befinden von Krause, die in den Katakomben der Sportstätte stand und erklären musste, was schwer zu erklären war.

Bei der WM in Peking vor zwei Jahren hatte die heute 25 Jahre alte Sportlerin überraschend Bronze geholt im Hindernisrennen über 3000 Meter, im vergangenen Jahr in Amsterdam wurde sie Europameisterin. Bei den Titelkämpfen in London hätte sie gerne die nächste Medaille gewonnen, doch schon früh war klar, dass es damit nichts werden würde. Dass es für Krause nur noch darum ging, den Wettkampf zu Ende zu bringen, irgendwie.

In einem chaotischen Finale stürzte sie nach nicht einmal einem Drittel der Distanz ohne eigenes Verschulden. Es kam zur Karambolage mit der orientierungslosen Kenianerin Beatrice Chepkoech, auch einen Schlag gegen den Kopf bekam Krause offenbar ab. Sie fiel zurück, ans Ende des Felds, gab allerdings nicht auf und lief immerhin als Neunte ins Ziel.

Die Geschichte von Krauses Rennen ist eine Geschichte von großem Pech, von großem Kampfgeist und einem erstaunlichen Umgang mit Enttäuschung. Wenn es schon keine Medaille zu bejubeln gab aus deutscher Sicht - die Bilanz bleibt mit einmal Silber weiter trist -, dann brachte das Hindernis-Finale zumindest eine Heldensage hervor.

"Die Spannung war weg"

Krause hätte sich beklagen können, über das Schicksal oder ihre Konkurrentin auf Abwegen, sie hätte voller Selbstmitleid vor die Presse treten oder direkt in die Kabine marschieren können, wortlos, ohne Kommentar. Doch sie zog keine dieser Optionen. Stattdessen zeigte sie Größe, auch wenn sie Probleme hatte, ihre Gefühle zu kontrollieren. Auch wenn sie die Tränen nur mit Mühe zurückhalten konnte. "Das bringt einen voll aus dem Tritt, voll aus der Konzentration, die Spannung war weg", sagte sie über ihren Sturz. Mit ihren Händen bearbeitete sie eine Wasserflasche aus Plastik, es sah aus, als würde sie Halt suchen an der Flasche.

Nach dem Missgeschick habe sie sich gesagt, dass sie ein, zwei Runden lang versuchen würde, den Anschluss wieder herzustellen. Sollte das gelingen, würde sie das Rennen zu Ende bringen. Es gelang. "Ich denke, ich kann stolz sein, noch ein paar Mädels eingeholt zu haben", sagte sie. Doch Stolz war nicht die Empfindung, die Krause in der Interviewzone zur Schau stellte. Sie machte einen deprimierten Eindruck. "Es ist einfach ein schwerer Schlag, wenn man so viel opfert, so viele Wochen im Jahr von zu Hause weg ist und dann nicht das zeigen kann, was in einem steckt", sagte sie mit brüchiger Stimme.

Gesa Krause nach dem Zieleinlauf

Gesa Krause nach dem Zieleinlauf

Foto: Bernd Thissen/ dpa

Natürlich habe sie ans Aufgeben gedacht, im ersten Moment. Doch diesen Gedanken verwarf sie schnell wieder. "Es ist eine Weltmeisterschaft. Ich trainiere nicht ein ganzes Jahr, um das Rennen nach kurzer Zeit zu beenden", sagte sie. Also lief sie weiter, obwohl sie wusste, dass sie nichts mehr zu gewinnen hatte, dass die vorderen Plätze außer Reichweite waren. Sie lief nicht um eine Medaille, sondern gegen ihren Frust. "So etwas muss man erst mal verarbeiten. Das ist schwer in so kurzer Zeit, mit einem Puls von 180 und laufenderweise, in einem Stadion mit 60.000 Zuschauern", sagte sie.

"Trauma" abhaken und in die Zukunft blicken

Anstatt sich zu ärgern über die orientierungslose Chepkoech, die für Krauses Sturz verantwortlich war, hatte sie sogar Mitgefühl mit der Kollegin, der Vorlaufschnellsten, die am Ende Vierte wurde. "Das Ergebnis zeigt auch nicht ihren eigentlichen Leistungsstand. Sie ist doch selbst nicht zufrieden damit", sagte Krause. Und überhaupt: Beim Hindernislauf würden Unwägbarkeiten aller Art eben dazugehören. Beim Hindernislauf sind eben manchmal auch menschliche Hindernisse im Weg. "Ich bin nicht die erste Läuferin, der das passiert. Damit muss man umgehen", sagte sie.

Krause hat sich entschlossen, dieses "Trauma", wie sie ihren Sturz nannte, so schnell wie möglich abzuhaken. Am Sonntag reist sie aus London ab, danach beginnen die Vorbereitungen für die Diamond League in Zürich und für das Istaf in Berlin Ende des Monats. "Da habe ich die Chance, es wieder besser zu machen", sagte sie.

Nach vorne schauen - das ist kein schlechtes Mittel gegen Enttäuschung.