Sprinter van Niekerk Unfreiwillig der neue Bolt

Der Südafrikaner Wayde van Niekerk gilt nach dem Abschied von Usain Bolt als neuer Superstar der Leichtathletik - dabei sind die Unterschiede offensichtlich. Auf dem Weg zu seinem zweiten Gold hat er starke Konkurrenz.

Wayde Van Niekerk
AFP

Wayde Van Niekerk

Aus London berichtet


Als die Nationalhymne seines Landes lief, die Nationalhymne Südafrikas, war die Kamera auf sein Gesicht gerichtet. Sie kam immer näher, sein Gesicht wurde immer größer auf den Videowänden des Londoner Leichtathletik-Stadions. Im Grunde genügten diese Bilder schon, um einen Eindruck davon zu bekommen, um was für einen Typen es sich handelt bei dem Sprinter Wayde van Niekerk, dem angeblich neuen Superstar der Leichtathletik.

Er sang die Hymne mit, das war zu erkennen. Seine Lippen bewegten sich zur Musik, doch sie bewegten sich nur ein bisschen, zaghaft. Er schmetterte den Text nicht, und er hatte die Brust nicht durchgedrückt, wie es andere Athleten gerne tun bei dieser Gelegenheit. Es sah aus, als hätte ihn jemand in diese Situation gezwungen. Als sei es ihm unangenehm, auf dem Siegerpodest zu stehen, um seinen Hals die Goldmedaille für den besten Läufer über 400 Meter.

Die Leichtathletik-WM 2017 ist die Abschiedsvorstellung von Usain Bolt, dem Mann, der in den vergangenen Jahren das Gesicht des Sports war, die Werbefigur, der Alleinunterhalter. Deshalb geht es bei den Titelkämpfen am Ort der Olympischen Spiele von 2012 auch um die Frage, wer Bolts Nachfolger werden könnte, und in dieser Frage ist sich die Fachwelt weitgehend einig. Sie hat sich festgelegt auf van Niekerk, den 25 Jahre alten Sprinter aus Kapstadt.

Dabei sind die Unterschiede zwischen den beiden Sportlern nicht zu übersehen.

Bolt ist eine Ein-Mann-Show, ein Spektakel, er liebt es, im Mittelpunkt zu stehen. Van Niekerk ist anders. Wer ihn in London beobachtet, erlebt einen schüchternen, einen zurückhaltenden und demütigen jungen Mann, dem der Trubel um seine Person eher unheimlich ist, so sieht es jedenfalls aus. Nach seinem Sieg über 400 Meter lobte er erst einmal seine Konkurrenten, die ihn zu dieser Höchstleistung getrieben hätten, er dankte Gott und berichtete, dass er vor jedem Wettkampf bete, für sich selbst und auch für seine Mitbewerber.

"Ich verstehe nicht, wie man die beiden in einem Atemzug nennen kann"

Als van Niekerk im strömenden Regen im Halbfinale über 200 Meter antrat und die Kamera vor dem Start wieder auf ihn gerichtet war, lächelte er verhalten, pustete durch, klatschte etwas unbeholfen die Hände über dem Kopf zusammen. So, als wüsste er, dass er mit dem Publikum spielen müsste, er darauf aber nur mittelmäßig Lust hätte. Van Niekerk hat Marketing studiert, doch sich selbst zu verkaufen, das ist nicht seine Lieblingsdisziplin.

Seine Trainerin, die 75 Jahre alte Ans Botha, sagt zu dem Vergleich mit Bolt: "Ich verstehe nicht, wie man die beiden in einem Atemzug nennen kann. Das sind zwei ganz verschiedene Charaktere." Van Niekerk selbst sagt nur: "Ich will mich weiterentwickeln, weiterwachsen, weiter Medaillen holen."

Wayde Van Niekerk (M.)
AFP

Wayde Van Niekerk (M.)

Weiterwachsen, weiter gewinnen. In dieser Hinsicht sieht es gut aus. Er ist der erste Mensch überhaupt, der 100 Meter in unter 10 Sekunden, 200 Meter in unter 20 Sekunden, 300 Meter in unter 31 Sekunden und 400 Meter in unter 44 Sekunden lief. Er wurde 2015 in Peking Weltmeister über 400 Meter, im vergangenen Jahr in Rio de Janeiro Olympiasieger, mit der Weltrekordzeit von 43,03 Sekunden. Er unterbot damit die seit 1999 bestehende Bestzeit von Michael Johnson, in London verteidigte er seinen Titel über 400 Meter erfolgreich.

Die Mission: Gold über die 400 und die 200 Meter

Damit ist van Niekerks Mission bei dieser WM aber erst zur Hälfte abgeschlossen. An diesem Donnerstagabend (22.50 Uhr) tritt er im Finale über 200 Meter an und will seine zweite Goldmedaille. Ein solcher Doppelsieg war bei einer WM erst einem Mann gelungen: Johnson, 1995 in Göteborg.

Leicht wird es nicht werden für van Niekerk. Im Halbfinale tat er sich schwer, schaffte nur über die Zeitregel den Einzug in den Endlauf. Dort erwartet ihn ein harter Gegner, der zudem in Rekordzeit zum Liebling des Londoner Publikums aufgestiegen ist.

Isaac Makwala aus Botswana durfte im Finale über 400 Meter nicht starten, der Leichtathletik-Weltverband hatte ihm wegen einer Magen-Darm-Erkrankung den Zugang zum Stadion verweigert, obwohl sich der Sportler nach eigenen Angaben fit gefühlt hatte. Für die Qualifikation über 200 Meter wurde Makwala kurzfristig zugelassen, er schaffte unter dem donnernden Jubel der Londoner Zuschauer den Einzug in den Endlauf - und wird dort mit einer großen Portion Wut antreten.

Sollte van Niekerk trotzdem gewinnen, sollte er sein zweites Gold bei dieser WM holen, wäre das sein nächster Schritt auf dem Weg, der neue Bolt zu werden. Ob er das will oder nicht.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ichliebeeuchdochalle 10.08.2017
1.
"Als van Niekerk im strömenden Regen im Halbfinale über 200 Meter antrat und die Kamera vor dem Start wieder auf ihn gerichtet war, lächelte er verhalten, pustete durch, klatschte etwas unbeholfen die Hände über dem Kopf zusammen. So, als wüsste er, dass er mit dem Publikum spielen müsste, er darauf aber nur mittelmäßig Lust hätte. Van Niekerk hat Marketing studiert, doch sich selbst zu verkaufen, das ist nicht seine Lieblingsdisziplin." Na, da schreibe ich dann doch mal die Wahrheit. Er hat nicht unbeholfen die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen. Er hat das gemacht, was er seit Jahren macht. Sein Ritual. Er ist religiös und macht eine religiöse Geste ... das Bitten an seinen Gott. Die Geste ist nicht unbeholfen, sie ist ist immer gleich. Sie ist sein Ritual. Mit dem Publikum hat diese Geste nichts zu tun.
zaunreiter35 10.08.2017
2. Immer langsam
mit den jungen Pferden, Herr Ahrens! Der Mijnher van Niekerk muss auch erst noch das Finale über 200m laufen. Das Auffällige an dieser WM ist, dass zahlreiche Doppelstarter Männer wie Frauen, ob jetzt 100m, 200 und/oder 400m und auch 1.500m, 5.000m und 10.000m spätestens bei den Halbfinals in der zweiten Disziplin regelrecht einbrechen. Wie gesehen gestern abend, bei Herrn Niekerk, aber auch beim Finale 400-Flach der Frauen, Allyson Felix und Shaunae Miller-Uibo. Die sind regelrecht stehengeblieben, so dass es ein Überraschungsduo ganz nach vorn schaffte. Ebenso gab es einen Überraschungssieger auf den 400m-Hürden aus Norwegen. Gerade laufen die 5.000m-Vorläufe der Frauen und Genzebe Dibaba ist erst garnicht angetreten, nach ihrer Enttäuschung über 1.500m. DAGEGEN ist eine Deutsche Langläuferin - Alina Reh - gerade persönliche Bestzeit gelaufen. Da kann man schon mal den Hut vor ziehen. Aber genutzt hat ihr das leider nichts.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.