Männer-WM-Marathon in Doha Man sollte es lassen

Zweiter WM-Mitternachtsmarathon in Doha, diesmal waren die Männer dran. Gewarnt durch die Strapazen beim Frauenrennen, erging es ihnen minimal besser. Doch auch dieses Event war streckenweise ein Geisterlauf.

Thijs Nijhuis, ein Athlet aus Dänemark, kann nicht mehr, Betreuer sind bei ihm
Alexander Hassenstein/ IAAF/ Getty Images

Thijs Nijhuis, ein Athlet aus Dänemark, kann nicht mehr, Betreuer sind bei ihm

Aus Doha berichtet


Auch an diesem Abend musste der Rollstuhl anrücken. Es waren auch wieder Golf-Cars mit Blaulicht unterwegs, immer ganz am Ende des Marathon-Feldes. Normalerweise fährt dort der Besenwagen und fegt Amateurläufer von der Straße, die zu langsam sind. In Doha aber war der Besenwagen ein Krankentransport, und zwar für Spitzensportler.

Die Leichtathletik-WM in Katar hat mit dem Rennen der Männer ihren letzten Marathon gesehen, wahrscheinlich wird es in diesem Land nie wieder einen Marathon geben. Es wäre besser so, er hat hier einfach nichts verloren, das wusste man spätestens mit dem Skandal-Marathon der Frauen; 28 von 68 Topläuferinnen waren unter extremen Bedingungen (32,7 Grad Celsius, 73,3 Prozent Luftfeuchtigkeit) kollabiert und mussten mit Rollstühlen von der Strecke geholt werden.

Läufer Merhawi Kesete aus Eritrea wird am Rand der Strecke medizinisch versorgt
Noushad Thekkayil/ EPA-EFE/ REX

Läufer Merhawi Kesete aus Eritrea wird am Rand der Strecke medizinisch versorgt

Nun waren die Männer dran, wieder fiel der Startschuss eine Minute vor Mitternacht - und für die üblichen Wetterverhältnisse in Doha herrschten beinahe Idealbedingungen: Bei etwa 29 Grad Celsius und 48 Prozent Luftfeuchtigkeit mussten sich die 73 Läufer weniger quälen als die Frauen vor einer Woche.

Manchmal wehte sogar ein kühlendes Lüftchen vom Persischen Golf, der direkt vor der Strecke entlang der Strandpromenade Corniche liegt; der Leichtathletik-Verband IAAF hatte die Anzahl der Verpflegungsstationen noch einmal aufgestockt, noch mehr Sanitäter eingesetzt. Wir haben verstanden, sollte das wohl bedeuten.

Aber es blieb natürlich trotzdem ein hartes Rennen über die 42,195 Kilometer.

So strahlte denn auch immer häufiger Blaulicht in die Nacht von Doha, das erste Mal bereits wenige Kilometer nach dem Start. 18 Athleten mussten am Ende aufgeben, viele von ihnen mussten in einem Behandlungszelt untersucht werden, von schwereren Zwischenfällen wurde zunächst aber nichts bekannt.

Lelisa Desisa feiert Gold: Nach 2 Stunden, 10 Minuten und 40 Sekunden kam er als Sieger ins Ziel
Giuseppe Cacace/AFP

Lelisa Desisa feiert Gold: Nach 2 Stunden, 10 Minuten und 40 Sekunden kam er als Sieger ins Ziel

Der schnellste der 55 Finisher war der Äthiopier Lelisa Desisa, 2:10:40 benötigte er. Das ist keine außergewöhnliche Zeit, der Weltrekord liegt bei 2:01:39 Stunden. Aber bei den immer noch strapaziösen Bedingungen war die Leistung schon bemerkenswert.

Noch spektakulärer aber an seinem Titel: Desisa ist nun der erste Läufer der Geschichte, der die großen Stadtläufe in Boston und New York sowie einen WM-Marathon gewinnen konnte.

Familien der Athleten sind die einzigen Zuschauer

Aber zurück zum Wetter. Hinterher herrschte Einigkeit, dass es schon sehr heiß gewesen sei, aber irgendwie erträglich, zumindest sagten das die Athleten, die es über die Ziellinie geschafft hatten. Einige seien nach den dramatischen Bildern beim Frauen-Rennen früher angereist, um sich mit mehr Vorlauf auf die Bedingungen einstellen zu können.

Toll muss man den Marathon in Doha deswegen aber nicht finden. Zumal auch noch nicht endgültig feststeht, ob es nicht doch ernstere Ausfälle gegeben hat.

Neben der Strecke spielten sich vor allem skurrile Szenen ab, Bilder, die in der Geschichte einer Leichtathletik-WM einzigartig sein dürften. Der Marathon in Katar, das war auch ein internationales Familienfest.

Auch der Athlet John Mason aus Kanada brauchte Hilfe, wurde von einem Betreuer versorgt
Noushad Thekkayil/ EPA-EFE/ REX

Auch der Athlet John Mason aus Kanada brauchte Hilfe, wurde von einem Betreuer versorgt

Überall entlang der Hafenstraße fieberten Angehörige oder Trainingspartner der Athleten mit, gut erkennbar an den Nationalflaggen, die sie am Absperrgitter befestigt hatten. China, Äthiopien, Australien oder Kanada, es war eigentlich jeder Kontinent vertreten. Auf Höhe der Ziellinie hing eine Schweizer Flagge, dort hatten sich Freunde und die Ehefrau von Tadesse Abraham versammelt und ihm die Daumen gedrückt. "Der Tadesse hat sich gut vorbereitet", sagte einer aus der Gruppe: "Der kennt die Hitze noch von Olympia in Rio. Der macht das schon." Nach 2:11:58 Stunden war Abraham mit dem Laut einer Kuhglocke im Ziel begrüßt worden - als zweitbester Europäer wurde er Neunter.

Yassine Rachik aus Italien erfrischt sich während des Laufs
Maja Hitij/ Getty Images

Yassine Rachik aus Italien erfrischt sich während des Laufs

Das Konterfei des Emir guckt zu

Zuschauer, die nicht mit den Athleten verwandt oder persönlich befreundet waren, schien es so gut wie keine gegeben zu haben, und wenn, dann waren es meist doch nur Uber-Fahrer, die auf ihren nächsten Fahrgast warteten. Das hatte dann schon etwas von Geisterstimmung; auf diesen Abschnitten hörte man statt Kuhglocken nur das Summen einer Drohne, die aus der Luft schöne Bilder fürs Fernsehen machte, Aufnahmen von Palmen und Luxushotels, die die Skyline der Stadt bilden, von einem Wolkenkratzer, auf dessen Fassade das Konterfei des Emir zu sehen ist.

Manchmal waren die Athleten auf ihrem Kampf gegen die Hitze schon sehr einsam unterwegs, und wenn sie an den vielen - eigentlich für den Straßenverkehr vorgesehenen - "Slow Down"-Schildern vorbeikamen, dürfte sich das nicht unbedingt positiv auf die Motivation ausgewirkt haben. An den Verpflegungsstationen flogen Wasserflaschen, feuchte Schwämme, Gels mit Kohlenhydraten.

Dann wurde es zwei Uhr. Die Läufer waren nur noch wenige Kilometer entfernt, und plötzlich war es voll geworden im Zielbereich. Dort waren sich die Zuschauer (also vor allem Angehörige) nicht ganz einig, was denn nun von diesem Marathon zu halten sei. Ein Mitglied der südafrikanischen Delegation meckerte über das Tempo: "Schon zwei Uhr und die sind immer noch unterwegs. Warum walken die denn nur?" Andere hatten nur Augen für den Briten Callum Hawkins, der auf den letzten Kilometern noch einmal die Führungsgruppe bestehend aus Kenianern und Äthiopiern attackiert hatte.

Aber sein Kampf wurde nicht mehr mit einer Medaille belohnt, er wurde Vierter. Der Stimmung tat das keinem Abbruch, im Gegenteil. Links und rechts der Ziellinie hatten sich vor allem Unterstützer aus Äthiopien versammelt, und sie durften einen Doppelsieg feiern. Auf Gewinner Desisa folgte vier Sekunden später Mosinet Geremew; die Freude war so groß, dass die äthiopischen Fans am liebsten auf die Rennstrecke gerannt wären. Die katarische Polizei hatte einschreiten müssen, es blieb aber friedlich. Ganz zum Schluss ein Hauch von ausgelassener Stimmung, also genau so, wie ein Marathon eigentlich sein soll.



insgesamt 26 Beiträge
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sgrettche 06.10.2019
1. Sport?
Ich werde wohl nie verstehen, weshalb Menschen sich derartigen Strapazen (Sport kann ich das nicht nennen) aussetzen. Es gibt so viele strenge Regeln in allen Sportarten und Wettbewerben, warum nicht auch zu Temperatur- und Wetterbedingungen?
karlo1952 06.10.2019
2. Die Athleten sind
selbst schuld, wenn sie so eine Veranstaltung nicht gemeinsam boykottieren. Vielleicht findet ja die nächste Leichtathletik-WM im Tschad oder in Ghana statt. Genug zum schmieren gäbe dort bestimmt.
hansfitter 06.10.2019
3.
Schmieren oder nicht. In Tokio können, bei der kommenden Olympiade, ähnliche Zustände herrschen. Worüber werden wir dann meckern? Ein Korruptionsverdacht besteht da ja nicht. Die Athleten und Betreuer wußten seit Jahren daß diese WM kommen würde. Sie hätten sich eben entsprechend vorbereiten müssen
wahrsager26 06.10.2019
4. Was sehen wir?
Wir sehen eines: Leichtfüßig handelt der Mensch gegen seinen Verstand. Im Alltag würde niemand auf den Gedanken kommen,in sengender Hitze auch nur einen Bruchteil einer solchen sportlichen Leistung 'abzurufen'-weil es schlicht zu heiss ist.Über weitere Gründe,warum daselbst das Spektakel abgehalten wird schweigt man besser. Mit Festlegung dieses Ortes wurde eines gezeigt: Das Wohl der Athleten ist den Funktionären egal! Danke
lorn order 06.10.2019
5. Iron Man auf Hawaii
Sind die klimatischen Bedingungen beim Iron Man auf Hawaii nicht noch schlechter? Und die Athleten haben zu dem Zeitpunkt bereits 4,5km Schwimmen und 160km Radfahren hinter sich. Wieso lassen es die Athleten nicht langsamer angehen, wenn Temperatur und Luftfeuchtigkeit ungünstig sind? Weil es sich um eine WM handelt?
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