Fazit zur Leichtathletik-WM Glänzend nur bei der Schadensbegrenzung

Die Sportgeschichte ist um eine bizarre Veranstaltung reicher: Die Leichtathletik-WM in Doha. Der Testlauf für die Fußballweltmeisterschaft 2022 hat vor allem denen gefallen, die daran verdienten.

Abschlussfeier im Khalifa-Stadion in Doha
NOUSHAD THEKKAYIL/ EPA-EFE/ REX

Abschlussfeier im Khalifa-Stadion in Doha

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Die Leichtathletik-WM in Katar ist vorbei - und es war nicht alles schlecht. Die Leistung der Organisatoren darf lobend erwähnt werden. Dass der Veranstalter zur Halbzeit der Wettkämpfe Freikarten verteilte, um die Tribünen im Khalifa Stadium endlich vollzukriegen, um für ein bisschen Stimmung zu sorgen - auch eine gute Reaktion. Und so heiß war es dann ja auch nicht, zumindest bei den Veranstaltungen in der klimatisierten Arena.

Die Voraussetzungen waren das Problem dieser WM, das Turnier glänzte dementsprechend vor allem in Sachen Schadensbegrenzung.

Mehr fiel auch dem Präsidenten des deutschen Leichtathletikverbands, Jürgen Kessing, nicht ein, um zu einem positiven Fazit zu kommen. Na ja, manchmal sei es wegen der Höchstleistungen der Klimaanlagen in den Stadien sogar zu kühl gewesen, sagte er.

Aber es waren immer noch ziemlich warme Worte für eine Veranstaltung, die unter dem Verdacht steht, nur in diesem Land stattgefunden zu haben, weil Schmiergelder geflossen sind. In einem fairen Wettkampf hätte Katar diese Veranstaltung wohl nie bekommen. Auch nicht bekommen dürfen. Lesen Sie hier die Hintergründe: Marathon um Mitternacht - warum findet die Leichtathletik-WM in der Hitze Katars statt?

Selbst wenn man es schaffen würde, den Korruptionsverdacht auszublenden, lieferte diese WM genügend andere Gründe, um sie als weitere Entgleisung in einer von Gigantismus und Schmiergeld geprägten Sportwelt zu deuten.

Wo fängt man also am besten an: Bei den vielen Gastarbeitern, die sich auf den Baustellen für Katars Sportveranstaltungen haben totschuften müssen? Bei der Meinungsfreiheit, die in Katar eingeschränkt ist; bei der Unterdrückung von Homosexuellen? Der Sport gibt sich gerne identitätsstiftend, nur wann will er damit endlich mal anfangen?

Grenzen wurden überschritten

Auch aus Sicht vieler Athleten dürfte das Fazit zu dieser WM verheerend ausfallen. Es hat 48 Marathonläufer gegeben, die bei enormer Hitze und Luftfeuchtigkeit ihr Rennen aufgeben mussten, viele von ihnen sind kollabiert, mussten mit Rollstühlen von der Strecke gebracht werden. Die Innenveranstaltungen mögen ertragbar gewesen sein, für die Marathon- und Gehwettbewerbe sind Grenzen überschritten worden, sodass es gesundheitlich bedenklich wurde.

Marathonläuferin Anne-Mari Hyrylainen aus Finnland im Rollstuhl
ALI HAIDER/EPA-EFE/REX

Marathonläuferin Anne-Mari Hyrylainen aus Finnland im Rollstuhl

IAAF-Präsident Sebastian Coe, früher Weltklasse-Mittelstreckenläufer, wäre bei dieser Veranstaltung als ehemaliger Sportler trotzdem gerne dabei gewesen, sagte er in seinem durchweg positiven Fazit. Es habe auf der Langstrecke "keinen einzigen Hitzeschlag gegeben." Coe scheint ein Glas-halbvoll-Typ zu sein.

Heute versteht sich der Brite vor allem als PR-Mann der Leichtathletik, er färbt Dinge schön und umschifft kritische Nachfragen. Dass es während der WM eine Dopingsperre gegen den Leichtathletiktrainer Alberto Salazar gegeben hat? Coe habe bislang nur eine Zusammenfassung lesen können, aber die habe voll und ganz gereicht, um keinerlei Verdachtsmomente gegen die heutigen Athleten des Nike Oregon Projects zu erheben. Und was ist mit den Hormonoperationen, die bei ehemaligen Athletinnen vom heutigen IAAF-Chefarzt durchgeführt worden sein sollen, um ihre Testosteronwerte zu senken - nur so hätten sie wieder eine Starterlaubnis erhalten können? Laut Coe hätten die Eingriffe nichts mit der Regel zu tun gehabt.

Der Athlet wird unwichtiger

Mit diesen ARD-Enthüllungen war die WM gestartet, und sie ging mit Negativschlagzeilen weiter, mit den Kameras, die Sprinter und Sprinterinnen vor ihrem Start von unten filmte. Mitten in den Schritt. Wichtig scheint nur zu sein, dass die Fernsehsender um eine Kameraeinstellung reicher sind. Intimsphäre von Sportlern? Nebensächlich.

Zehnkämpfer Niklas Kaul
Oliver Weiken/dpa

Zehnkämpfer Niklas Kaul

Der Athlet selbst wird damit unwichtiger. Wie sonst ist auch zu erklären, dass die Profis in dieser Saison einen Extramonat an ihr Training anhängen mussten, um beim Jahreshöhepunkt im Oktober - statt wie üblich im August - noch in Form sein zu können; um dann WM-Siege teilweise vor leeren Tribünen feiern zu können? Als Niklas Kaul seinen Zehnkampfsieg auf einer Ehrenrunde mit allen anderen Mehrkämpfern aus dem Männer- und Frauenwettbewerb feierte, dürften Sportler gegenüber Fans im Stadion in der Überzahl gewesen sein. Es war ein Uhr nachts.

Die WM ist vorbei, aber Katar bleibt der Sportwelt erhalten. Das Land hat sich in den vergangenen Jahren reihenweise Großereignisse gesichert. Das größte Prestigeprojekt steht noch aus - die Fußball-WM 2022.

Das Land steht jetzt schon im Zeichen dieses Turniers. Wer sich in Doha bewegt, sieht vor allem Großbaustellen. Autobahnen, U-Bahn-Linien, Luxushotels, neue Staatseinrichtungen - die Stadt wird praktisch rundumerneut, um im Winter in drei Jahren im Rampenlicht glänzen zu können. Jemand wie Coe würde sagen: Sportveranstaltungen sind Katalysatoren der Stadtentwicklung. Das mag auch zutreffen. Fragt sich bloß, für wen?

Bauarbeiter in Katar
GIUSEPPE CACACE / AFP

Bauarbeiter in Katar

Nach der WM 2022 laufen die Arbeitsgenehmigungen etlicher Gastarbeiter aus, sie werden dann nicht mehr gebraucht und müssen das Land verlassen. Kommen sollen dann vor allem die Touristen, darauf baut Katar für die Post-WM-Zukunft, um unabhängig von Öl zu werden. Dafür soll die Fußball-WM werben, dafür gibt das Land Milliarden aus. Ein riskanter Plan, denn attraktiv ist Katar für den Massentourismus als Reiseland eigentlich nur im etwas milderen Winter.

Auf ein positives Image Katars hat diese Leichtathletik-WM jedenfalls nicht eingezahlt. Auch wenn man nicht jede Empörung teilen muss, so bleiben doch genügend Argumente in Erinnerung, die belegen, dass es diese WM an diesem Ort nie hätte geben dürfen.

insgesamt 43 Beiträge
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Jochenberlin 07.10.2019
1. Diese WM war gekauft
Ich habe nur einen kurzen Beitrag darüber im TV gesehen. Katar hat ca. 350.000 € mehr als der Nächstbietende für die Ausrichtung dieser WM bezahlt. Das hat wohl die Vergabe-Verantwortlichen dazu bewogen, hier nur pekuniäre, aber keine vernünftigen Maßstäbe für die Vergabe anzulegen. Es ist ein Trauerspiel, wie hier mit den Sportlern umgegangen wurde. Wer ist denn um Mitternacht auf dem Höhepunkt seiner Fitness?? Die zahlreichen Aufgaben bei den Langstreckenläufen sprechen eine eindeutige Sprache. Kurzzeitige Angstrengungen mögen ja noch tolerabel sein, aber Marathon- oder Zehntausendmeterlauf? Ich will gar nicht daran denken, dass die nächste Fußball-WM auch dort ausgetragen wird. Die Funktionäre, die dafür gestimmt haben, sollten mal selbst einen Langstreckenlauf dort absolvieren müssen!!
tafka_neowave 07.10.2019
2. Und?
Und? Zitat: ⇒ [...] so bleiben doch genügend Argumente in Erinnerung, die belegen, dass es diese WM an diesem Ort nie hätte geben dürfen. ⇐ Neben anderen Bereichen ist es gerade der Sport, der völlig dreist seine korrupten Machenschaften durchzieht... und nicht erst seit heute. UEFA, FIFA, IOC, unser Saubermann Bach, wo man hinschaut wird ungeniert gelogen, betrogen, bereichern sich einige wenige auf Kosten der Allgemeinheit. Scheint ja mittlerweile normal zu sein...quasi zum Guten Ton gehörend. Wenn überhaupt, dann gibts hier und da mal ein Artikelchen/Kommentar, zuweilen melden sich noch ein paar Looser kritisch zu Wort - die, die nichts abbekommen haben, Neider eben - ansonsten wird kackendreist so weitergemacht. Und da bin ich an dem Moment, wo ich feststelle, woran es mir (u.a. und insbesondere) fehtl: Dreistigkeit, Chuzpe und Beziehungen.
tomkey 07.10.2019
3. Quoten
Solange die Einschaltquoten stimmen - egal ob FreeTV oder Bezahlfernsehen - ist es mehr oder weniger uninteressant was wir kritisieren oder anprangern. Wenn TV Stationen Unsummen für das Übertragen bezahlen und dann auch noch die Einnahmen durch hohe Quoten stimmen, dann ist die ganze Kritik mehr oder weniger umsonst. Erst wenn sich das Niemand mehr anschaut kann auch nix damit verdient werden. Das ist eine einfache Rechnung. Wird wohl aber nie passieren. Der nächste Schritt in Sachen Vermarktung ist die WM in Eugene, dem Heimatort von NIKE.
alter_nativlos 07.10.2019
4. CO2.Bilanz
Bestechung? geschenkt, gibt es überall! Ausgenutzte und bisweilen tödlich verunglückte Bauarbeiter? Geschenkt, gibt es auch bei EU-Anwärtern: s. Flughafen Istanbul! Was mich in diesen Tagne überrascht hat ist allerdings die nie gestellte Frage, welche Klimabilanz die WM in Doha hatte und - wichtiger noch - wie die Klimabilanz der WM dort aussehen wird! Tiefgekühlte Stadien, klimatisierte Luxushotels, Flüge von Athleten und Zuschauern tausendfach um den Erdball....Es sollte unseren Klimaschützern doch ein leichtes sein, den CO2 Ausstoß in Taudsenden und anbertausenden Tonnen auszurechnen! Warum geschieht das nicht zumindest bei den Leichtathleten? Sicher wird König Fußball mit Kaiser Franz bei der Fußball-WM zu verhindern wissen.....Fußball steht über dem Recht und erest Recht über klimatechnschen Erwägungen....
dont_think 07.10.2019
5.
die armen Marathon-Läufer! beim Ironman auf Hawaii hätten sie bei ähnlichen Temperaturen noch 180 km Einzelzeitfahren und knapp 5 km Brandungsschwimmen vor sich, wenn man mit dem Lauf anfängt. Oder auch die diesjährige Strassenrad-WM: 7 h Dauerregen. Da wurde niemand mit dem Rollstuhl abgeholt ...
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