Kritik an WM-Hitze-Marathon "Mein Herz hat gerast, ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt"

Nur 40 Läuferinnen schafften es ins Ziel, einige kollabierten, die Siegerin lief den langsamsten WM-Marathon der Geschichte: Die erste Medaillenvergabe der WM in Katar war für einige Läuferinnen "beängstigend".

Mayada Al Sayad kühlt sich während des Laufs mit Wasser
REUTERS/Dylan Martinez

Mayada Al Sayad kühlt sich während des Laufs mit Wasser


Die kenianische Topfavoritin Ruth Chepngetich hatte Grund zum Jubeln, als sie in der Nacht in Doha im Marathon die erste Goldmedaille der Leichtathletik-WM gewann. Von 68 Starterinnen kamen jedoch nur 40 ins Ziel. Grund: die extreme Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit, die einige Läuferinnen kollabieren ließ. Nach dem Wettbewerb gab es deutliche Kritik.

Die Silbermedaillengewinnerin Rose Chelimo aus Bahrain sagte nach dem Rennen: "Es war sehr heiß und irgendwann kam mir der Gedanke, aufzuhören. Aber ich bin weitergelaufen und habe gebetet, dass ich das Rennen beenden kann."

Deutlicher wurde Mayada Al Sayad, die nach 3:10:30 Stunden als Vorletzte das Ziel erreichte. "Es war schrecklich", sagte die 26-jährige Langstreckenläuferin vom 1. VfL Fortuna Marzahn, die für Palästina startet, der ARD: "Mein Herz hat gerast, ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt."

Von den moderaten Temperaturen von rund 25 Grad im klimatisierten Stadion von Doha konnten die Marathonläuferinnen nicht profitieren. Sie mussten ihr Rennen, das um 2.32 Uhr Ortszeit beendet wurde, bei über 32 Grad und rund 73 Prozent Luftfeuchtigkeit austragen.

"Beängstigend, einschüchternd, entmutigend"

"Es war wirklich beängstigend, einschüchternd und entmutigend", sagte Kanadas Lyndsay Tessier, die Neunte wurde: "Ich bin einfach nur sehr dankbar, dass ich auf den Beinen ins Ziel gekommen bin." Es sei "alarmierend", dass so viele Läuferinnen aufgeben mussten. Bronzemedaillengewinnerin Helalia Johannes aus Namibia sagte: "Ich kann nicht sagen, dass ich das Rennen genossen habe."

Hilfe für eine erschöpfte Teilnehmerin des Marathonlaufs
Ali Haider/EPA-EFE/REX

Hilfe für eine erschöpfte Teilnehmerin des Marathonlaufs

Die Italienerin Sara Dossena, EM-Sechste von Berlin 2018, musste bereits nach einem guten Viertel der Distanz entkräftet aufgeben und wurde im Rollstuhl von der Strecke gefahren. Laut ARD und Deutschlandfunk seien Kameraleute bedrängt und daran gehindert worden, die kollabierenden Athletinnen zu filmen. Den Zieleinlauf unter Flutlicht hätten kaum noch Fans verfolgt.

Chepngetichs Siegeszeit war mit 2:32:43 Stunden zudem die langsamste in der WM-Geschichte. Damit ist keine der Athletinnen die gültige Olympia-Norm für Tokio von 2:29:30 Stunden gelaufen. Allerdings vergibt der Leichtathletik-Weltverband IAAF bei einer WM so genannte Platzierungsplätze, maximal an die besten Zehn insgesamt und maximal je drei Plätze pro Nation.

Aufgrund der Hitze in Katar mit Tagestemperaturen von über 40 Grad wurden die Straßenwettbewerbe in die Nacht verlegt. Die Geher und Geherinnen werden am Samstag über 50 km erst um 23.30 Uhr Ortszeit (22.30 Uhr MESZ) auf die Reise geschickt, im Ziel werden sie zwischen 3.15 und 4.00 Uhr am Morgen sein. Der Marathon der Männer findet in der Nacht vom 5. auf den 6. Oktober statt.

ngo/dpa/sid



insgesamt 69 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pampuschka 28.09.2019
1. Die wussten doch, was auf sie zukommt.
Als Sportler hatte alles getan um zu verhindern, dass ich mich für die Eitelkeit einiger reicher Katari selbst hätte foltern müssen. Gilt auch für die Fussball-WM 2022, die mit Toten enden wird. Was da passiert zeigt, dass in hoch gezüchteten Körpern selten ein gesunder Geist steckt.
Humanfaktor 28.09.2019
2. Korruption und Geldgier
Man sollte die Verantwortlichen und die Entscheider, die solchen Unsinn aus unerfindlichen (hahaha) Gründen befürworten, jede Veranstaltungstag ein paar Stunden lang nackt in die Wüste schicken, um sie selbst in den Genuss ihre von Geldgier getriebenen Verantwortungslosigkeit kommen zu lassen.
nerdchen 28.09.2019
3. Und wenn die/der erste SportlerIn tot umfällt...
...macht man das, was sich auch bei vielen Olympiaden (München, Atlanta,...) bewährt hat: Einfach weitermachen! Hauptsache, der Rubel rollt! -nerdchen
satissa 28.09.2019
4. Hetze
Bitte schauen Sie sich mal das Temperaturprofil und den Sauerstoffgehalt der Olympischen Spiele in Mexiko an. Damals wurde nicht gehetzt sondern geklotzt.
th.rindt 28.09.2019
5. Erschreckend!
Meine erste Reaktion: wie kann mensch als Sportler an so einem Wettbewerb teilnehmen? Gut, ich frage mich eh, was es für Gründe zu einer "Karriere" als Höchstleistungssportler geben könnte ... Aber wer sich dafür entschieden hat, der ist schnell abhängig - von Sponsoren und von - offensichtlich skrupellosen - Funktionären der versch. Verbände ... Und für die scheint der Begriff "Fürsorgepflicht" ein Fremdwort zu sein. Macht doch endlich Schluss mit solch sinn- und inhaltslosen Veranstaltungen. Fördert moderaten Breitensport und hört endlich damit auf, jeden Bereich des Lebens diesem unsäglichen Leistungszwang zu unterwerfen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.