Leichtathletik-WM Abwarten und Blut testen

Erst Siegesjubel, dann Panik. Bei der Leichtathletik-WM in Berlin lagen die Testergebnisse der 100-Meter-Sprinter noch gar nicht vor, da kursierten bereits Gerüchte über nachgewiesenes Doping. Zu gering ist das Vertrauen in den Weltverband IAAF - die Vorwürfe gegen die Organisation wiegen schwer.

Athletinnen bei der WM: Lasche Kontrollen im Vorfeld
dpa

Athletinnen bei der WM: Lasche Kontrollen im Vorfeld


Usain Bolt rannte am Sonntagabend seinen fulminanten Rekord, der weltweit debattiert wird. Am Montagabend wurde die Diskussion um einen pikanten Aspekt angereichert. Durch das Olympiastadion wabert das Gerücht, wonach ein Teilnehmer des Sprintfinales, womöglich sogar ein Medaillengewinner, in einen Dopingfall verwickelt sein soll.

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF wies die Gerüchte sowohl am Montagabend als auch am Dienstagvormittag zurück: "Wir haben keinerlei Informationen darüber", sagte Kommunikationsdirektor Nick Davies SPIEGEL ONLINE. Auch der Anti-Doping-Sprecher der IAAF Chris Butler ergänzte später am Tage: "Es gibt bislang kein Ergebnis, daher kann ich dazu nichts sagen." Die Analyseergebnisse der Wettkampfkontrolle in Berlin lagen bis dahin noch nicht vor.

Denn es gibt nur zwei Labors in Deutschland, die von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) akkreditiert wurden. Sämtliche Kontrollen der WM werden in den Labors in Köln und Kreischa (Sachsen) analysiert, etwa zu gleichen Teilen. Um dieses Wada-Zertifikat zu erhalten, müssen die Labors unter anderem in der Lage sein, bei internationalen Meisterschaften binnen 48 Stunden alle Tests abzuschließen. Dieser Zeitraum wäre im Falle des 100-Meter-Finals also erst am Mittwochmorgen ausgeschöpft. Denn die letzten Proben wurden erst in der Nacht zum Montag genommen und dann per Express vom Organisationskomitee BOC wahrscheinlich nach Köln gebracht.

"Köln analysiert eher die Substanzen, die gerade in Mode und besonders schwer zu finden sind, etwa die neue Epo-Generation", sagt IAAF-Sprecher Davies. "Deshalb sind die Proben des Sprintfinales, wo auch Epo-Tests gemacht wurden, sehr wahrscheinlich in Köln untersucht worden." Kreischas Laborchef Detlef Thieme erklärte auf Anfrage, selbst im Falle einer negativen, also unauffälligen Probe dauert die Analyse mindestens 24 Stunden.

Kritik hatte es im Vorfeld der WM am lockeren Kontrollnetz gegeben und daran, dass etwa in Afrika und Russland im Jahr 2009 keine Blutkontrollen genommen wurden. Auch verdichten sich die Hinweise darauf, dass in einigen Gegenden Dopingkontrolleure bestechlich sein sollen. Im Vergleich zu anderen Weltverbänden, etwa im Radsport (UCI) und im Eislaufen (Isu), hat die IAAF gerade erst begonnen, Blutprofile von Athleten anzulegen. Nur die Daten von 120 sogenannten Elite-Athleten werden bisher erfasst, erläuterte Dollé.

Ein umfassenderes System, das sich streng an den Vorgaben der Wada orientiert, soll im Januar 2010 etabliert werden. Auf die Frage, wann die IAAF soweit ist wie die UCI, um anhand von Blutprofilen Sanktionen einzuleiten und Indizienprozesse zu führen, mochte Dollé nicht antworten. Er verwies auf einen Mitarbeiter der juristischen Abteilung, der dann erklärte: "Wir hoffen, in einigen Jahren so weit zu sein."



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