Leichtathletik-WM Wie ein norwegischer Vater seine Söhne zu Weltklasseläufern machte

In der Leichtathletik dominierten auf den Mitteldistanzen Läufer aus Afrika, Europäer waren außen vor. Eine norwegische Familie wollte das ändern. Vater und Trainer Gjert Ingebrigtsen erklärt das Projekt, das nie hätte funktionieren dürfen.

Filip Ingebrigtsen (l.) und Henrik Ingebrigtsen
SRDJAN SUKI/EPA-EFE/REX

Filip Ingebrigtsen (l.) und Henrik Ingebrigtsen

Ein Interview von Eike Hagen Hoppmann


In Europa laufen die drei norwegischen Brüder Ingebrigdsen dem Rest schon länger davon. Sie heißen Jakob, 19, Filip, 26, und Henrik Ingebrigtsen, 28. Europameister sind sie jeweils schon mindestens einmal geworden. Nun könnte der WM-Titel folgen. Über 5000 Meter hat es am Montag bei den Titelkämpfen in Doha zwar nicht geklappt, da waren die Afrikaner dann doch überlegen, aber über die 1500 Meter am Sonntag gibt noch eine weitere Gelegenheit. Dort werden Jakob und Filip ebenfalls an den Start gehen, vermutlich mit noch etwas besseren Chancen.

Ein Erfolg in einem der Rennen wäre das Ziel einer gemeinsamen Familienmission, die von Vater Gjert Ingebrigtsen, 53, geleitet wird. Als Trainer seiner Söhne arbeitet er seit Jahren darauf hin, dass die besten Mitteldistanzläufer der Welt nicht mehr aus Afrika, sondern der norwegischen Stadt Sandnes kommen. Mittlerweile scheinen die Ingebrigtsens nahe dran an diesem Ziel. Wie haben sie es so weit geschafft?

Zur Person
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    Gjert Ingebrigtsen, 53, arbeitet in einem Logistikunternehmen und lebt mit seiner Frau und sieben Kindern im norwegischen Sandnes. Er trainiert seine Söhne Jakob, 19, Filip, 26, und Henrik, 28. Die Brüder gehören zu den besten Läufern der Welt über die Mitteldistanz, haben bei der EM schon jeweils mindestens einmal Gold geholt. Auch bei der Leichtathletik-WM in Doha zählen sie zum Favoritenkreis.

SPIEGEL: Herr Ingebrigtsen, Ihre Söhne Jakob, Filip und Henrik gehören zu den besten Läufern der Welt über die Mitteldistanz, Sie sind ihr Trainer. Gibt es für Sie noch etwas anderes außer Sport?

Ingebrigtsen: Eigentlich sind wir gar keine Sportfamilie. Ich interessiere mich nicht für Sport. Ich habe im Fernsehen keinen Sportkanal abonniert, ich lese keine Sportzeitschriften. Ich mache das alles nur, weil meine Jungs mich darum gebeten haben.

SPIEGEL: Wie kam es dazu, dass Sie Trainer Ihrer Söhne wurden?

Ingebrigtsen: Das war nicht meine Idee. Mein Sohn Henrik kam auf mich zu und sagte: "Papa, ich möchte einer der besten Läufer der Welt werden. Kannst du mir dabei helfen?" Also habe ich angefangen, Trainingspläne zu erstellen. Zu diesem Zeitpunkt, etwa vor zehn Jahren, hat Henrik noch Langlauf gemacht, auch da war ich bereits sein Trainer. Er hatte nie einen anderen als mich.

SPIEGEL: Dabei hatten Sie weder eine Trainerausbildung noch genaue Kenntnisse des Sports. Haben Sie sich das Wissen angelesen?

Ingebrigtsen: Nein.

SPIEGEL: Haben Sie andere Trainer kontaktiert oder sich sonst irgendwo Ratschläge geholt?

Ingebrigtsen: Auch nicht. Als wir angefangen haben, kannte ich niemanden in der Sportbranche. Als ich Trainer kennenlernte, brauchten wir sie nicht mehr.

SPIEGEL: Waren wenigstens Ihre Söhne besonders talentiert?

Ingebrigtsen: Nein, sie haben früher keinen Leistungssport getrieben. An den Wochenenden waren wir ab und zu in den Bergen wandern. Aber das war nur ein bisschen körperliche Aktivität und kein richtiges Training. Die Jungs waren als Kinder vielleicht überdurchschnittlich aktiv, aber rein physisch haben sie nicht die allerbesten Voraussetzungen.

Henrik Ingebrigtsen
Lucy Nicholson/ REUTERS

Henrik Ingebrigtsen

SPIEGEL: Trotzdem sind Ihre Söhne extrem erfolgreich. Warum?

Ingebrigtsen: Das ist nicht auf magische Weise passiert. Natürlich habe ich auch viele Fehler gemacht. Aber mittlerweile weiß ich, was funktioniert. Es ist eine Mischung aus Learning by Doing und Intuition. Wir haben unseren eigenen Plan und machen unser Ding. Ich kenne meine Jungs genau. Und natürlich gehört auch etwas Glück dazu. Sie haben bewiesen, dass sie die Besten in Europa sind. Jetzt wollen wir zeigen, dass wir auch die Besten der Welt sind.

SPIEGEL: Das klingt alles sehr einfach, fast banal. Verstehen Sie, dass man da skeptisch werden kann?

Ingebrigtsen: Wir arbeiten jeden Tag hart. Man kann uns dabei sogar zuschauen (beim öffentlichen norwegischen TV-Sender NRK gibt es eine Fernsehserie über die Familie; Anm. d. Red.). Entscheidend ist: Wir machen nichts anderes, als zu laufen. Wir wollen nicht gut in der Schule oder in Mathe sein. Wir wollen nur gut laufen können. Wir konzentrieren uns nur auf diese eine Sache. Ich glaube, dass das viele Leute nicht verstehen. Sie können sich nicht in uns hineinversetzen.

SPIEGEL: Was ist besonders schwer in ihrer Doppelrolle als Vater und Trainer?

Ingebrigtsen: Schwierig wird es, wenn man als Trainer etwas sagen muss, das aus Sicht des Vaters vielleicht unverantwortlich wirkt, insbesondere bei der Gestaltung des Trainings. Aber als Trainer muss ich das tun.

Jakob Ingebrigtsen träumt vom WM-Gold
Michael Steele/ Getty Images

Jakob Ingebrigtsen träumt vom WM-Gold

SPIEGEL: Was noch?

Ingebrigtsen: Ich mache mir Sorgen, dass mich die Jungs nur noch als Trainer und nicht als Vater sehen könnten. An erster Stelle bin ich das aber: ihr Vater. Ich möchte nicht darauf reduziert werden, ein Trainer zu sein. Den Trainerjob mache ich nur, weil meine Jungs das möchten. Ansonsten würde ich damit sofort aufhören.

SPIEGEL: Können Sie das konkreter beschreiben?

Ingebrigtsen: Die Jungs sollten wissen, was ich alles für Sie aufgebe. Ich opfere viel, habe jetzt in der WM-Vorbereitung drei Monate in einem kleinen Apartment in St. Moritz (Ort des Trainingslagers der Familie, Anm. d. Red.) gesessen und den Rest meiner Familie nicht gesehen. Ich war nur für meine Jungs da, kannte ansonsten niemanden. Und dafür bekomme ich von ihnen keinen Cent, ich mache das als ihr Vater. Mein Geld verdiene ich selbst. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Sie das nicht genug wertschätzen.

SPIEGEL: Wie sieht Ihr Leben normalerweise aus?

Ingebrigtsen: In den Wintermonaten gibt es ein halbwegs normales Familienleben. Wir trainieren zwar viel, aber zu den meisten Veranstaltungen fahre ich nicht mit und verbringe mehr Zeit mit dem Rest der Familie. Im Sommer aber reise ich mit den Jungs um die Welt. Zur anderen Hälfte der Familie kann ich dann oft nur über Skype und Telefon Kontakt halten.

SPIEGEL: Klingt stressig.

Ingebrigtsen: Ist es auch. Besonders hart ist es, wenn wir Montag um ein Uhr nachts von einem Wettkampf zurückkommen und ich morgens um sieben schon wieder bei der Arbeit sein muss, oder wir ein Trainingslager absolvieren. Auch in St. Moritz habe ich parallel in meinem normalen Job weitergearbeitet. Um kurz nach sieben saß ich morgens am Schreibtisch, damit ich alles schaffe. Freizeit habe ich nicht.

SPIEGEL: Wozu führt das?

Ingebrigtsen: Auf Dauer ist das ermüdend. Aber was am meisten darunter leidet, ist die gemeinsame Zeit mit dem Rest der Familie. Ich kann nicht mit ihnen in den Urlaub fahren. Mein Urlaub dieses Jahr ist die WM, dafür muss ich mir zwei Wochen freinehmen. Deshalb werde ich ab Januar auf eine 50-Prozent-Stelle wechseln. In den vergangenen Jahren habe ich immer noch einen anderen Vollzeitjob gehabt. Aber das wird mir zu viel. Mein jüngster Sohn wird im Oktober sechs Jahre alt, meine Tochter ist jetzt 13, ich habe Enkelkinder. Mit ihnen möchte ich mehr Zeit verbringen.

Der dritte im Bunde: Filip Ingebrigtsen
Bildbyran/ imago images

Der dritte im Bunde: Filip Ingebrigtsen

SPIEGEL: Was war Ihr größter Fehler?

Ingebrigtsen: Bei Henrik, unserem Ältesten, habe ich es manchmal übertrieben. Die gesundheitlichen Probleme, die er mittlerweile hat, sind auch ein Ergebnis davon, dass ich frühere Verletzungen oder Krankheiten nicht ernst genug genommen habe. Deshalb ist er auch etwas neidisch auf Jakob. Der kann manche von Henrik getesteten Dinge übernehmen - und andere ignorieren.

SPIEGEL: Angenommen, Ihr Sohn Henrik würde Ihnen heute noch einmal dieselbe Frage stellen. Würden Sie den Job wieder übernehmen?

Ingebrigtsen: Nein. Wenn ich damals schon gewusst hätte, was da auf mich zukommt, hätte ich das nicht gemacht.



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kuroro_luzifer 30.09.2019
1.
Aber natürlich. Andere laufen von klein auf, machen Höhentraining, optimieren die Ernährung, haben ein Team aus Fitnesscoaches und Physios usw usf. Und dann kommt eine norwegische Familie ohne Erfahrung oder Talent und stößt in die Weltspitze, weil sie Lust drauf haben...
wdiwdi 30.09.2019
2. Wir wollen nicht gut in der Schule oder in Mathe sein. Wir wollen nur
"Wir machen nichts anderes als zu laufen. Wir wollen nicht gut in der Schule oder in Mathe sein. Wir wollen nur gut laufen können. Wir konzentrieren uns nur auf diese eine Sache. Die gesundheitlichen Probleme, die er mittlerweile hat, sind auch ein Ergebnis davon, dass ich frühere Verletzungen oder Krankheiten nicht ernst genug genommen habe." Und ab 30-35 werden die Söhne dann Sozialhilfe kassieren. Als Läufer kann man kein dickes Bankkonto in der aktiven Zeit akkumulieren, das für den Rest der Lebenszeit reicht. Als Invalide ohne Berufsausbildung wird die zweite Lebenshälfte dann richtig spaßig. Für mich ist das Kindesmisshandlung.
deffnull 30.09.2019
3. @ Nr. 1 und Nr. 2:
Ihr beide habt so viel Ahnung von der Hochleistungssportmaterie wie eine Kuh vom Schlittschuhlaufen. Aber naja, Hauptsache meckern.
hjanko 30.09.2019
4.
Zitat von wdiwdi"Wir machen nichts anderes als zu laufen. Wir wollen nicht gut in der Schule oder in Mathe sein. Wir wollen nur gut laufen können. Wir konzentrieren uns nur auf diese eine Sache. Die gesundheitlichen Probleme, die er mittlerweile hat, sind auch ein Ergebnis davon, dass ich frühere Verletzungen oder Krankheiten nicht ernst genug genommen habe." Und ab 30-35 werden die Söhne dann Sozialhilfe kassieren. Als Läufer kann man kein dickes Bankkonto in der aktiven Zeit akkumulieren, das für den Rest der Lebenszeit reicht. Als Invalide ohne Berufsausbildung wird die zweite Lebenshälfte dann richtig spaßig. Für mich ist das Kindesmisshandlung.
Die 3 haben bestimmt, wie auch der Rest der Norwegischen Ausdauer Sportler, Asthma. Hendrik(?) ist schon öfters durch rüde Fouls gegenüber Konkurrenten aufgefallen. Zu No2 In Norwegen kann man als Spitzensportler ganz gut leben, dort werden viele der Langlaufstars von Firmen üppig gesponsort. Machen sie sich da mal keine Sorgen.
lana.bergerl 30.09.2019
5. Sie?
"Manchmal habe ich das Gefühl, dass Sie das nicht genug wertschätzen." "Sie" mit großem S ergibt hier einen völlig anderen Sinn. Sicher, dass das "Sie" und nicht das "sie" gemeint ist?
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