Hürdenläuferin Dalilah Muhammad Die Schnelle mit dem Om

Erst im Juli brach sie den Weltrekord über 400 Meter Hürden, jetzt stellte sie in Doha schon wieder einen neuen auf: Die Amerikanerin Dalilah Muhammad wirkt so bedacht und ist so schnell. Was treibt sie an?

US-Läuferin Dalilah Muhammad:
NOUSHAD THEKKAYIL/EPA-EFE/REX

US-Läuferin Dalilah Muhammad:

Aus Doha berichtet


"In Katar könnte der Rekord wieder fallen", sagte Dalilah Muhammad Ende Juli. Die US-Läuferin hatte damals gerade den Weltrekord über 400 Meter Hürden geknackt - 52,20 Sekunden.

Die alte Bestmarke hielt immerhin 16 Jahre. Aber nun war Dalilah Muhammad bei den US-Meisterschaften in Des Moines 14 Hundertstelsekunden schneller, als es der Russin Julia Pechonkina im Jahr 2003 gelungen war. Doch warum sollte schon in Katar bei der Leichtathletik-WM die nächste Bestzeit fallen? Nur drei Monate später, ausgerechnet im Oktober?

In den meisten Jahren ruhen viele Leichtathleten in diesem Monat bereits, ausgezehrt von einer langen Saison mit vielen Wettkämpfen quer über dem Globus. Doch 2019 musste die Weltelite eine Ausnahme für Katar machen - wegen der Hitze sollten die Titelkämpfe erst im Oktober und nicht wie üblich im September stattfinden. Keine Zeit für Weltrekorde - eigentlich.

Aber Dalilah Muhammad war von sich überzeugt, und die 29-Jährige sollte Recht behalten.

Dalilah Muhammad und ihr Weltrekord
Matthias Hangst / Getty Images

Dalilah Muhammad und ihr Weltrekord

Nachdem der Startschuss zum 400 Meter Hürdenlauf in Doha verklungen war, sahen die Zuschauer im Khalifa Stadion das Duell, das viele so erwartet hatten. An der Spitze jagten sich Muhammad und Sydney McLaughlin, beide US-Amerikanerinnen, beide so verschieden. Die 20-jährige McLaughlin kam immer näher. "Ich spürte, dass sie ganz dicht hinter mir war. Aber ich blieb einfach konzentriert", sagte Muhammad später. Als neue Weltmeisterin mit neuem Weltrekord war sie in die Pressezone gekommen. 52,16 Sekunden - noch einmal vier Hundertstel schneller als im Juli.

Motivationsprobleme zwischen Weltrekorden

Die vergangenen Monate seien nicht leicht für sie gewesen, erzählte Muhammad, die Olympiasiegerin von 2016, auf der Pressekonferenz. Hinter ihr lag ein mittelmäßiger Wettbewerb in Zürich Ende August, sie habe mit kleinen Motivationsproblemen nach ihrem Weltrekord im Juli zu kämpfen gehabt, verbunden mit der großen Frage: Was soll jetzt noch kommen? Wie bleibt man motiviert?

"Ich habe dann einfach weiter trainiert, ich gehe da immer wieder raus und erledige meinen Job", sagte sie, und, dass der Wettbewerb an diesem Abend sehr schnell gewesen sei. "Das hatte wahrscheinlich etwas mit meinem Weltrekord zu tun."

Wenn Muhammad spricht, dann eher ruhig. "Es kam heute alles zusammen. Man muss auch mal Glück haben. Das ist dann sehr schön", sagte sie zu ihrer Fabelzeit. Von ihr gibt es keine lauten Ansagen, kein Getöse um ihre Form und Bestleistungen, es schwingt bei ihr fast immer Understatement mit.

Selbst beim Jubeln wirkt Muhammad oft zurückhaltend
Ahmed Jadallah / REUTERS

Selbst beim Jubeln wirkt Muhammad oft zurückhaltend

Die Tochter eines Imam und einer Sozialpädagogin braucht die Aufmerksamkeit nicht, sagte sie kürzlich der "New York Times". Sie sei muslimischen Glaubens, aber ohne ihn nach außen zu tragen, sie habe nie einen Hijab gehabt, erzählte sie der Zeitung. Nach ihrem Olympiasieg 2016 habe sie zwar registriert, dass sie als Muslima im amerikanischen Sport eine besondere Rolle einnehme; sie sei immer häufiger nach ihrem Glauben oder nach ihrer Meinung zu US-Präsident Donald Trump gefragt worden. "Aber um ehrlich zu sein: Ich kenne die Antworten doch auch nicht immer."

Das harte Jahr der Konkurrentin

Wenn Muhammad in den Sozialen Netzwerken Fotos postet, dann sieht man sie meist in einem ruhigen Moment. 44.000 Fans folgen ihr bei Instagram, für eine Olympiasiegerin läuft sie hier eher hinterher. Ihre Konkurrentin McLaughlin vermarktet sich offensiver, mit Videos, in Jubelposen - über 400.000 Fans hat sie auf Instagram. Es werden wohl noch einige dazukommen, sie steht erst am Anfang ihrer Karriere. Sie ist auf der Überholspur.

Aber hinter der 20-Jährigen liegt ein hartes Jahr. McLaughlin galt vor dem Weltrekord-Wettkampf von Muhammad bei den US-Meisterschaften im Juli als die Favoritin auf den Sieg. Sie hatte zuvor alle ihre vier Leichtathletik-Meetings in diesem Jahr gewonnen. Vor der WM gewann sie noch einmal in Zürich in der Diamond League. Aber in Doha hatte sie doch wieder das Nachsehen. Ihre Zeit: 52,23 Sekunden - das wäre vor drei Monaten noch Weltrekord gewesen.

Nur bei zwei Endläufen kam McLaughlin in diesem Jahr nicht als Erste ins Ziel - und nach beiden Rennen war Muhammad mit einem neuen Weltrekord nach Hause gegangen. Ob das nervt? "Daliah läuft schon so lange, sie kann sich so gut konzentrieren. Ich kann von ihr noch viel lernen, und irgendwann wird auch mein Tag kommen", sagte McLaughlin nach dem Rennen.

Das klingt nicht nach Feindschaft im Team der Hürdenläuferinnen. Keine Giftpfeile wie zwischen Christian Coleman und Noah Lyles, den beiden US-Sprintern, die nach außen gern und offen über den jeweils anderen ablästern. Es klingt eher nach einem aufregenden sportlichen Duell, das spätestens bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio 2020 weitergehen soll.

Ob es dort dann den nächsten Weltrekord von ihr geben wird, wurde Muhammad noch gefragt. "Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt Favoritin bin", sagte sie.

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