Katars Weltmeister Barshim Retter für einen Abend

Die WM in Katar ist geprägt von teils unerträglichen Bedingungen für die Athleten und Apathie im halbgefüllten Stadion. Doch beim Hochsprung-Wettbewerb war plötzlich alles anders.

Mutaz Essa Barshim bei seinem Triumph im Khalifa Stadion in Doha, seiner Heimatstadt
Beautiful Sports/ imago images

Mutaz Essa Barshim bei seinem Triumph im Khalifa Stadion in Doha, seiner Heimatstadt

Aus Doha berichtet


Auf den Rängen wurde es mit jedem seiner Sprünge lauter, und Mutaz Essa Barshim kam an diesem Abend auf eine Höhe, die ihm diese Saison noch nicht gelungen war. Der Hochspringer aus Katar trieb die Latte weiter und weiter nach oben, Barshim flog wieder. Ausgerechnet hier, in seiner Geburtsstadt Doha.

Und irgendwann hörte man im Stadion nur noch ein Grölen aus geschätzt 20.000 Kehlen. Ganz sicher weiß man das zwar nicht, weil sich die Organisatoren, was offizielle Zuschauerzahlen anbelangt, weiter bedeckt halten.

Aber als Barshim die Latte auch in 2,37 Meter Höhe übersprungen hatte und seine letzten Konkurrenten wenig später gescheitert waren, schien fast jeder Platz im Khalifa Stadion besetzt, auch das Staatsoberhaupt war da. Dann war Ekstase auf den Tribünen, die nicht im Vorfeld der WM mit Planen abgedeckt worden waren. "Das fühlt sich besser an als alles andere bisher. Das ist meine Heimat", sagte der 28-Jährige auf der Pressekonferenz nach seinem Triumph.

Der Gastgeber dieser Leichtathletik-WM musste lange warten auf so einen Abend, einen, der das Prädikat "stimmungsvoll" verdient hat. Bisher hatte es eher so ausgesehen: viele leere Plätze und frustrierte Athleten. Das Schauspiel erinnerte teils an die Stille eines Friedhofs, besonders dann, wenn die Weltmeister zur Geisterstunde auf ihre Ehrenrunden gezogen waren. Wie zuletzt Zehnkampf-Champion Niklas Kaul, da war es bereits kurz nach eins. Mit Freikarten versuchte man in den vergangenen Tagen gegenzusteuern.

Seltenes Bild: Gute Stimmung während der Leichtathletik-WM in Doha
Martin Rickett / DPA

Seltenes Bild: Gute Stimmung während der Leichtathletik-WM in Doha

Der Emir ist der größte Fan

Der Spott blieb aber nicht aus, Kritik auch nicht, vor allem für den internationalen Leichtathletik-Verband IAAF, der die Spiele hierher gebracht hatte, aber auch für den Ausrichter selbst. Die Vergabe steht unter Korruptionsverdacht.

Aber Katar hatte eben dieses eine Ass im Ärmel, eine Wette auf einen stimmungsvollen Abend. Doch es blieb ein Risiko.

Barshim ist zwar Weltmeister von 2017 und Silbermedaillengewinner der Sommerspiele von Rio 2016. Und er ist in seiner Karriere auch schon mal 2,43 Meter gesprungen, zwei Zentimeter unter Weltrekord. Aber seine Vorbereitung für die Weltmeisterschaft war alles andere als optimal: Wegen einer Verletzungspause hatte er in diesem Jahr nur drei Wettkämpfe bestritten. Das hatte selbst Emir Tamin bin Hamad Al Thain in Unruhe versetzt, zählt er sich doch zu den größten Fans von Katars "Posterboy".

Mutaz Essa Barshim ist nämlich nicht irgendein Sportler in diesem Land, er kommt wirklich aus Katar. Warum die Betonung? Katar hat zwar inzwischen eine kleine Auswahl an Leichtathleten beisammen, aber sie besteht vor allem aus Einwanderern, die aus Mauretanien oder Sudan kommen. Katar ist keine Sporthochburg, auch wenn das Land das sehr gern wäre.

Siegerehrung-Panne bildet den Abschluss

Barshim war und ist der einzige gebürtige Katarer mit Medaillenaussichten; er hat seine Sportart an der Aspire Academy gelernt, einer modernen Eliteschule, die rund um den Veranstaltungsort der Leichtathletik-WM nicht zu übersehen ist. Mit Millioneninvestitionen will man dort Superstars im Sport ausbilden, und Barshim soll ihr Vorbild sein.

Ein heimischer Journalist nutzte später die Pressekonferenz, um die Akademie dann auch ins Gespräch zu bringen. "Hast du Aspire diese Karriere zu verdanken?" Barshim musste grinsen, und dann kamen natürlich auch lobende Töne in fließendem Englisch für die Akademie. Es klang so, als spräche der Botschafter des Landes.

Mutaz Essa Barshim hatte nicht die stimmungsvollste Siegerehrung der Geschichte
Nariman El-Mofty / DPA

Mutaz Essa Barshim hatte nicht die stimmungsvollste Siegerehrung der Geschichte

Manchmal ist er allerdings zu übermütig. Die schwere Verletzung im Sommer 2018 hatte er sich zugezogen, weil er unbedingt einen Zentimeter über den Weltrekord (2,45 Meter) springen wollte. Er verlor die Kontrolle. Bänderriss. Die Pause bremste ihn, so sehr, dass niemand wirklich vor Doha wusste: Was geht für den 1,89 Meter großen Schlaks, der nur 65 Kilogramm auf die Waage bringt?

Überraschend viel: Barshim kam gut in den Wettbewerb und leistete sich lange keinen Fehlversuch, aber bei 2,33 Meter hatte er gleich zwei. Das Zittern begann. Doch keine Medaille? Die Anspannung stieg. Aber dann flog er wieder. Ab diesem Moment wurde es von Minute zu Minute lauter. "Dann habe ich alles rausgeholt, was ich hatte", sagte Barshim, und erzählte auch vom Lob des Emirs, der schon gratuliert hatte: "Er ist sehr glücklich, sehr stolz. Ich habe seine Erwartungen übertroffen."

Doch auch dieser Abend sollte nicht ohne Panne enden. Plötzlich mussten Barshim und seine russischen Verfolger Mikhail Akimenko und Ilya Ivanyuk (beide unter neutraler Flagge gestartet) zur Siegerehrung. Nur warum jetzt? Bisher waren die Medaillen erst am Folgetag vergeben worden. Hinterher wusste keiner so genau, warum das diesmal anders war. Vielleicht wollte man die gute Stimmung nutzen, wo schon einmal so viele Menschen da waren.

Das Problem: Die Zuschauer waren längst verschwunden, das Stadion leer, und plötzlich stand Barshim auf dem absurd hohen Podest, das mitten in eine Tribüne gebaut wurde. "Weltmeister zu sein, fühlt sich immer gut an. Aber das war schon etwas seltsam", sagte Barshim, der nun am Samstag geehrt werden soll. Noch ein Auftritt für den Botschafter.



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Seite 1
hankc 05.10.2019
1. Unerträglich
ist lediglich dieser Artikel. Die Athleten selbst berichten mehrheitlich von hervorragenden Bedingungen und angenehmer Athmosphäre.
klaviermann 05.10.2019
2.
Zitat von hankcist lediglich dieser Artikel. Die Athleten selbst berichten mehrheitlich von hervorragenden Bedingungen und angenehmer Athmosphäre.
Quelle?
mantrid 05.10.2019
3. Erbärmliches Zuschauerinteresse
Mögen sich die Athleten vielleicht wohl fühlen, das Zuschauerinteresse im Stadion ist erbärmlich. Der Oberrang ist komplett mit Tüchern verhängt, so dass die Kapazität um 20.000 Plätze verringert wurde. Beim 100m-Finale der Frauen waren vielleicht noch 2.000 Zuschauer im Stadion. Da wären selbst in Deutschlands tiefster Provinz noch mehr Leute zusammengekommen. Die Menschen in Qatar haben offensichtlich keinerlei Bezug zu diesem Sport.
kl1678 05.10.2019
4. verblödung
Wie bei den olympischen Spielen in Brasilien kommt lediglich dann etwas Stimmung auf, wenn die Gastgebernation eine Goldmedaille ergattert. Wie und in welcher Sportart ist dabei völlig egal. Vielleicht sind die Menschen heute, im Vergleich zum antiken Griechenland, wo die Sache erfunden wurde, mittlerweile auch einfach zu blöd.
mase75 05.10.2019
5. @hankc: Äh, nein!
Hier ein paar Zitate von Athleten: Ein "Desaster" sei diese WM, sagt der französische Zehnkämpfer Kevin Mayer, "respektlos" findet die weißrussische Läuferin Volha Mazuronak das Verhalten des Weltverbandes IAAF, "abartig" nennt der zurückgetretene deutsche Diskuswerfer Robert Harting die Bedingungen in Katar. Unddie italienische Marathon-Läuferin Sara Dossena findet nach ihrem Hitzekollaps im Rennen nur ein Wort, um das zu beschreiben, was sie erlebt hat: "schrecklich". "Ich bin ins Stadion gekommen und dachte: Das soll hier wirklich eine WM sein?", sagte Denise Lewis, britische Siebenkampf-Olympiasiegerin 2000, die ihre Landsfrau Dina Asher-Smith über 100 m anfeuern wollte: "Die Athleten arbeiten ein ganzes Jahr hart, um dann vor leeren Rängen zu laufen. Das ist einfach nicht richtig!" "Wir sind aus den vergangenen Jahren verwöhnt, aber hier kommt wirklich kaum Stimmung rüber", sagte die deutsche Sprinterin Gina Lückenkemper nach dem Halbfinale am Sonntag. "Es ging nur ums Überleben, sagte etwa der australische Betreuer Matt Di Massi. Der französische Geher Yohann Diniz etwa wurde deutlich: ?Man hat uns in einen Backofen geschoben. Sie haben aus uns Meerschweinchen gemacht, Versuchstiere?. Die Weißrussin Volha Mazuronak, Fünfte im Marathon, ärgerte sich ebenfalls: "Das ist respektlos gegenüber den Athleten. Die Funktionäre vergeben die WM hierhin, jetzt sitzen sie in kühlen Räumen oder schlafen."
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