Geister-WM in Moskau "Unfreundlich und grimmig"

Überforderte Organisatoren, schlapper Applaus - und leere Ränge im Stadion: Die Leichtathletik-WM in Moskau wird zum Flop. Vor den Olympischen Winterspielen und der Fussball-WM wachsen Zweifel, ob Russland große Sportereignisse stemmen kann.

DPA

Aus Moskau berichtet


Es war ein ungewohntes Geräusch dieser Tage im Moskauer Luschniki-Stadion: Als Stabhochspringer Raphael Holzdeppe im Finale der Weltmeisterschaft seine spätere Sieghöhe von 5,89 Meter überquert hatte, brandete tatsächlich so etwas wie Jubel auf. Holzdeppe dankte es mit zwei erhobenen Daumen. Er freute sich über Applaus während eines WM-Finales, wie es ihn sonst wohl auch auf einem zweitklassigen Meeting in der deutschen Provinz gibt. Immerhin wurde er angefeuert, im Gegensatz zu vielen anderen Athleten in diesen Tagen.

Die Stimmung im Moskauer Stadion ist mau. "Wenn man das mit dem Meeting vor zwei Wochen in London vergleicht oder mit den Olympischen Spielen, ist das echt traurig", sagte Holzdeppes Teamkollege Björn Otto, der Bronze holte: "Sonst schreien einen die Zuschauer über die Latte, hier war gerade mal unsere Kurve zur Hälfte besetzt."

Dabei sollte die Leichtathletik-WM in Russlands Hauptstadt zu einem rauschenden Fest werden. 80 Millionen Euro hat die Veranstaltung im mächtigen Luschniki-Stadion, dem Schauplatz der Olympischen Spiele von 1980, angeblich gekostet. Als Demonstration der russischen Moderne waren die Wettkämpfe gedacht, als ein Beweis dafür, dass diese sportliche Großmacht des Ostens auch sportliche Großereignisse stemmen kann. Denn es steht ja einiges an in Russland in den kommenden Jahren: die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014, vier Jahre später die Fußball-WM. Russland wollte zeigen, dass es die Zuschläge verdient erhalten hat und die Welt sich auf großartigen Sport freuen kann.

"Man fühlt sich total bescheuert"

Doch nach vier Tagen Leichtathletik-WM lässt sich festhalten: Es funktioniert noch nicht wirklich. Die Athleten beklagen sich über leere Ränge und unfreundliches Personal, die Zuschauer schimpfen über weite Wege, die zuweilen nichts als unsinnige Umwege zu sein scheinen. Und, das ist wohl das größte Problem: Kaum einer spricht Englisch, die Verständigung ist oft nur mit Händen und Füßen möglich.

"Es war ein toller Wettkampf", sagte etwa Zehnkämpfer Rico Freimuth, "aber eines muss ich jetzt mal thematisieren: Die Organisation ist schrecklich. Ich verstehe die Menschen nicht, und wenn mir in den Stadionkatakomben jemand Anweisungen geben möchte, und ich ihn bitte, Englisch zu sprechen, redet er einfach auf Russisch weiter. Da fühlt man sich total bescheuert." Er sei während des Wettkampfes extrem gereizt gewesen.

"Keiner lächelt. Das macht keinen Spaß"

Sein Mannschaftskollege, Silbermedaillengewinner Michael Schrader, pflichtete ihm bei: "Die Menschen sind unfreundlich und grimmig. Keiner lächelt. Das macht keinen Spaß." Auch die leeren Sitzreihen bemängelte er: "Bis zum Hochsprung dachte ich, das wäre eine Trainingseinheit. Da waren vielleicht 20 Leute, und es wurde kaum geklatscht." Freimuth hat den Eindruck, dass die WM in Russland niemanden interessiere. "Es war ja nichts los. Das war bei Olympia in London ganz anders."

Sogar bei der Hauptattraktion der Wettkämpfe, dem 100-Meter-Lauf der Männer, waren bei weitem nicht alle der rund 45.000 verfügbaren Plätze besetzt. "Als ich mich aufgewärmt habe, hat niemand gelacht. Alle waren viel zu ernst", schimpfte der spätere Weltmeister Usain Bolt.

Der Eindruck der Sportler deckt sich mit dem der Besucher. Es gibt zahlreiche Volunteers auf dem Stadiongelände, viele von ihnen wollen nach der ersten Kontakthürde sogar helfen. Doch die meisten können es nicht, weil sie sich schlicht nicht verständlich machen können oder keine Ahnung von der Infrastruktur haben. Dass man viermal zwischen zwei Anlaufstellen hin und her geschickt wird - und dabei gerne jeweils einen knappen Kilometer Laufweg zurücklegt -, ist nicht ungewöhnlich.

Dabei kann es sogar vorkommen, dass ein Weg, den man zuvor zwei Tage lang nutzte, plötzlich von einem Bauzaun und fünf Polizisten abgesperrt ist. Warum? Keiner weiß es, keiner will es sagen. Rund um das Stadion haben sich bereits etliche Trampelpfade entlang der vielen Zäune gebildet, es geht also alles irgendwie - mit Geduld und Improvisation.

Es liegt, das muss auch gesagt werden, aber nicht alles im Argen. So funktionieren Technik, Wettkampfabläufe und Shuttledienste durchaus gut. Und innerhalb und außerhalb des Stadions fühlt man sich jederzeit gut aufgehoben. Mehr sogar, die Anzahl an Sicherheitspersonal, Metalldetektoren und Polizei ist beträchtlich. Wenn sie noch mit einem sprechen oder einem wenigstens ein Lächeln schenken würden, es wäre vieles einfacher.



insgesamt 178 Beiträge
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Seite 1
Ursprung 13.08.2013
1. Unbewegte Gesichter
Unter lupenreinen Demokraten oder Despoten ist nie gut lachen. Allenfalls ueber ihn aber das muss man beherrschen koennen per unbewegtem Gesicht.
spon_1804815 13.08.2013
2. gut so
Das ist gut so. Denn da bemt der Doping-Sport endlich das was er verdient. Und die Dopingförderer welche sich auf T-Shirts, Turnhosen und Sportschuhen verewigen können sich das letztlich selbst anschauen. Bravo Moskau, weiter so!!!
kumi-ori 13.08.2013
3. Vielleicht ist es einfach zu viel.
Es gibt zu viele sportliche Großveranstaltungen. Man schafft es kaum noch zwischen zwei Weltmeistersschaften aus dem Sessel aufzustehen und sich ein neues Bier zu holen. Das Ganze ist zu aufgeblasen. Bei der WM gibt es soundsoviele Teilnehmer, und einer nach dem anderen springt, läuft, wirft den Hammer oder was er eben machen möchte. Was ist da groß zu organisieren? Muss doch nicht immer alles wie eine Bambi-Verleihung aublaufen.
albi 13.08.2013
4. Wie wichtig?
Es gibt wirklich wichtigeres wie diese Doping Show
Zaunsfeld 13.08.2013
5.
In Despotien muss man eben erst gucken, ob der Herrscher auch lacht und klatscht und ob es ihm gefallen hat. Erst dann klatscht man selber ... zumindest wenn man danach unbeschadet sein Leben weiterleben will.
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