Lockout NBA gibt Fans einen Korb

Verhärtete Fronten in Nordamerikas Basketball-Liga: Im Tarifstreit drohen die nächsten Spielabsagen. Selbst der staatliche Vermittler ist ratlos, weder Clubs noch NBA-Profis scheinen zu Kompromissen bereit. Eine Spaltung in der Spielergewerkschaft könnte die Wende bringen.

Gewerkschaftsboss Derek Fisher: Man habe alles getan, um eine Lösung zu finden
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Gewerkschaftsboss Derek Fisher: Man habe alles getan, um eine Lösung zu finden

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Hamburg - Eine Arbeitslosenquote von über neun Prozent, mehr als 14 Billionen Dollar Staatsschulden, in New York protestieren seit Mitte September Tausende Menschen gegen die Macht der Banken und die Gier der Großkonzerne. Geld ist in den USA derzeit ein heikles Thema.

In solch schwierigen Zeiten könnte der Sport als willkommene Abwechslung dienen: Wenn das Lieblingsteam gewinnt, sind viele Sorgen kurzzeitig vergessen. Doch derzeit können Fans der NBA noch nicht einmal darauf zählen: Die US-Basketball-Liga ist im Streik, seit Juli schwelt der Tarifstreit zwischen Liga und Profis, ein Ende ist nicht in Sicht.

Anderswo mag das Geld knapp sein, in der NBA scheint noch genug da zu sein. Der Gesamtumsatz der National Basketball Association beträgt knapp vier Milliarden Dollar (2,8 Milliarden Euro) - und alle Beteiligten wollen ihren Anteil. Doch die Einkünfte der Spieler sollen beschnitten werden, Liga-Boss David Stern will unter anderem die Gehälter der Profis von bisher rund 2,2 Milliarden Dollar in der Vorsaison um 700 bis 800 Millionen Dollar kürzen, die Spieler lehnen dies ab. Zudem ist eine feste Gehaltsobergrenze von 45 Millionen Dollar (31,2 Millionen Euro) im Gespräch.

Seit drei Monaten treffen sich Basketballer und Club-Eigentümer zu Gesprächen, stets mit dem gleichen Ergebnis: Man wird sich nicht einig. Schon vorvergangene Woche wurden die ersten 100 Spiele der eigentlich am 1. November beginnenden Saison abgesagt.

Nun haben sich beide Seiten gegenseitig den nächsten Korb gegeben, Clubs und Spieler brachen ihre Gespräche unter Aufsicht des staatlichen Vermittlers George Cohen nach fünf Stunden ergebnislos ab. Sogar der erfahrene Cohen ist mit seinem Latein vorerst am Ende: "Unter diesen Umständen ist es meine Einschätzung, dass es keinen Sinn macht, den Vermittlungsprozess derzeit fortzusetzen."

"Es hat den Spielern bisher einfach nicht genug wehgetan"

Weitere Spielabsagen und verlängerter Zwangsurlaub für Dirk Nowitzki und seine Kollegen dürften angesichts der total festgefahrenen Standpunkte die Folge sein. Ein erneuter Gesprächstermin wurde nicht vereinbart. Somit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Liga-Boss David Stern in der kommenden Woche weitere Saisonpartien absagt.

Die beiden Parteien hatten bislang jeweils 53 Prozent des jährlichen Gesamteinkommens von rund 4,3 Milliarden Dollar verlangt. Laut dem stellvertretenden NBA-Chef Adam Silver machten die Eigner der Gegenseite nun ein 50:50-Angebot. Die Spieler hingegen waren lediglich bereit, ihre ursprüngliche Forderung auf 52,5 Prozent zu drücken. Zudem weigern sich die Profis, die von den Besitzern gewünschte harte Gehaltsobergrenze von 45 Millionen Dollar pro Team zu akzeptieren.

Bisher haben die Stars die Folgen des Lockout nicht zu spüren bekommen. Erst ab Mitte November bleiben die Gehälter aus. Die Spieler könnten bei jetzigem Stand rund 170 Millionen Dollar an Einnahmen verlieren. "Es hat den Spielern bisher einfach nicht genug wehgetan", sagte Peter Holt, Besitzer der San Antonio Spurs.

Die Gegenseite sieht das natürlich ganz anders und wirft den Club-Eigentümern vor, derzeit kein Interesse an einer Einigung zu haben. Spielergewerkschaftspräsident und Los-Angeles-Lakers-Profi Derek Fisher hob hervor, dass man unter größtem Bestreben versucht habe, eine Lösung zu finden. "Eine, die dafür sorgen würde, dass Basketball gespielt werden kann und die Angestellten zurück zur Arbeit gehen könnten. Aber unserer Meinung nach hat die Liga daran derzeit kein Interesse", sagte Fisher.

Spielmacher Mo Williams von den Los Angeles Clippers sagt, alle möglichen Zugeständnisse seien gemacht worden. "Wir haben so viel gegeben, wie wir konnten", sagte Williams. Die Öffentlichkeit solle denken, die Eigner arbeiteten an einer Lösung. "Aber in Wirklichkeit tun sie nichts. Doch wir müssen optimistisch bleiben."

Ein Bruch in der Gewerkschaft könnte die Wende bringen

Kevin Love von den Minnesota Timberwolves findet es entmutigend, dass kein klares Ende in Sicht ist. Doch Love kündigte auch an: "Wir werden weiter zusammenhalten und auf eine faire Übereinkunft warten."

Doch so ganz sicher scheint der Zusammenhalt nicht zu sein. Amerikanische Medien berichteten, dass vor allem Geringverdiener einer 50:50-Regelung durchaus zustimmen würden. Weil zur Gewerkschaftsdelegation allerdings überwiegend Spitzenverdiener wie Kobe Bryant (Los Angeles Lakers), Kevin Garnett und Paul Pierce (beide Boston Celtics) gehören, wird bereits über eine Spaltung der Gewerkschaft spekuliert.

Einige hochrangige Spieleragenten hatten vor kurzem ihre Klienten zu einer harten Haltung aufgefordert und die 53-Prozent-Marke als knapp vor der Armutsgrenze beschrieben. Inwieweit dies die Ablehnung des 50-Prozent-Vorschlags beeinflusst hat, ist offen; völlig uneigennützig war er sicher nicht: Je höher die Verträge dotiert sind, desto höher ist ja auch die Provision der Agenten.

Angesichts des drohenden Verdienstausfalls hatten schon etliche jüngere, weniger bekannte NBA-Profis Angebote aus dem Ausland angenommen, vor allem aus Europa und China. Der Russe Andrei Kirilenko, zuletzt in Diensten der Utah Jazz, unterschrieb einen Vertrag bei seinem früheren Club ZSKA Moskau, der Franzose Tony Parker vom mehrmaligen NBA-Meister San Antonio Spurs kehrte zu seinem Heimatverein Asvel Villeurbanne zurück. Bryant steht vor einem Engagement beim italienischen Club Virtus Bologna, sein spanischer Lakers-Kollege Pau Gasol trainiert schon beim FC Barcelona mit.

Die Profis richten sich ganz offensichtlich auf eine längere Aussperrung ein, in einem Fonds der Gewerkschaft sind rund 200 Millionen Dollar zurückgelegt. Beim letzten Arbeitskampf in der NBA vor 13 Jahren fielen die ersten drei Monate der geplanten Saison aus.

Mitarbeit: Maximilian Rau/mit Material von der dpa



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