Para-WM der Leichtathletik in London "Krachende Niederlage zulasten des Behindertensports"

Die Para-WM der Leichtathletik wurde hierzulande trotz deutscher Erfolge kaum wahrgenommen. Das ärgert den Behindertensportverband. Präsident Beucher sieht einen klaren Rückschritt - und nimmt die Medien in die Pflicht.

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SPIEGEL ONLINE: Die Para-WM der Leichtathletik in London ist beendet. In Deutschland hat das aber kaum jemand mitbekommen. Wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?

Beucher: Ich bin nachhaltig verärgert und habe kein Verständnis dafür, dass so wenig berichtet wurde. Umso mehr, wenn man sich den Erfolg des deutschen Teams ansieht. Wir sind mit nur 23 Athleten vertreten gewesen und haben achtmal Gold, siebenmal Silber und siebenmal Bronze geholt - und das ohne sieben aktuelle Paralympics-Sieger von Rio. Das ist eine Erfolgsbilanz und die hätte in Deutschland gezeigt werden sollen.

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    Friedhelm Julius Beucher, Jahrgang 1946, ist seit 2009 Präsident des Deutschen Behindertensportverbands (DBS). Der Verband zählt als Nationales Paralympisches Komitee (NPK) für Deutschland. Von 1998 bis 2002 war Beucher Vorsitzender des Sportausschusses im deutschen Bundestag. Zuvor war er bereits 1990 und 1994 über die Landesliste der SPD in Nordrhein-Westfalen in den Bundestag eingezogen. 2006 wurde Beucher für sein politisches und soziales Engagement das Bundesverdienstkreuz verliehen.

SPIEGEL ONLINE: Nun betrifft eine solche geringe Aufmerksamkeit aber nicht nur den Behindertensport, sondern auch viele olympische Sportarten. Warum hätte es gerade bei der Para-WM der Leichtathletik anders laufen sollen?

Beucher: Wir wollen keinen Behindertenzuschlag, sondern wir wollen Gleichrangigkeit von olympischem und paralympischen Sport auch in den Medien gelebt wissen. Aber wenn ich die Berichterstattung zur Para-WM der Leichtathletik mit der zur Fußball-EM der Frauen vergleiche, dann befinden wir uns hier in einem unangemessenen Verhältnis.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Beucher: Bei der Para-WM in London sind schon vor dem Start mehr als 250.000 Karten verkauft worden, am Ende waren es mehr als 300.000 Tickets. Das ist ein Zuschauerrekord außerhalb der Paralympics. Dann muss dieses Event den Anspruch haben, sich mit der Fußball-EM der Frauen vergleichen zu können. Aber es gab eine krachende Niederlage zulasten des Behindertensports, was hier an Berichterstattung stattgefunden hat. Da sind ARD und ZDF ihrem öffentlichen Sendeauftrag nicht nachgekommen.

SPIEGLE ONLINE: Das liegt wohl auch daran, dass Fußball in Deutschland am meisten Interesse weckt. Glauben Sie, dass es daneben genug Interesse für eine umfassendere Berichterstattung zur Para-WM gegeben hätte?

Beucher: Es kann nur bedingt Interesse an unserem Sport entstehen, wenn er nicht gezeigt wird. Und wenn wir gezeigt werden, gibt es auch Zustimmung. Die ARD hat in diesem Jahr sowohl die Nordische als auch die Alpine Ski-WM im Para-Sport in die attraktiven Wintersportsendungen integriert. In den Phasen haben die Leute nicht abgeschaltet, teilweise haben vier Millionen Menschen die Beiträge gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Bei den Paralympics hat die mediale Aufmerksamkeit stark zugenommen. Warum hat sich das nicht auf die WM übertragen?

Beucher: Weil wir außerhalb der Paralympics noch nicht so angekommen sind, zum Teil durch Nichtwissen um die sportliche Wertigkeit. Wenn beidseitig Unterschenkelamputierte auf 100 Meter unter elf Sekunden laufen, sind das Weltklasseleistungen. Die gehören in die Berichterstattung und nicht in das Archiv eines Behindertensportverbands. Wir erheben nicht den Anspruch auf stundenlange Live-Berichterstattung. Aber bei einigen Top-Entscheidungen haben wir in Kooperation mit dem internationalen Verband selbst Interviews mit unseren Athleten geführt und sie ARD und ZDF zukommen lassen. Das kann es nicht sein.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur im TV war wenig zu sehen. Auch SPIEGEL ONLINE hat nicht über die WM berichtet. Was hätten Sie hier erwartet?

Beucher: Das Mindeste, das ich erwarte, ist eine regelmäßige Erwähnung der erreichten Plätze. Dass man nicht den Vierten und Fünften nennt, ebenso herausragende Ergebnisse, kann ich verschmerzen. Aber Gold, Silber und Bronze bei über 1100 Athleten aus aller Welt - das ist auch eine Frage des Respekts gegenüber der sportlichen Leistung.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren einige Tage selbst vor Ort. Wie haben Sie die WM in London erlebt?

Beucher: In der Stadt gab es riesige Werbetafeln, auch im Fernsehen wurde auf das Event hingewiesen. 30 Stunden kamen live auf Channel 4, auch das französische Fernsehen hat die Wettkämpfe am Abend live gezeigt. Und auf dem Weg zum Olympiastadion verschlägt es einem die Sprache, wie großflächig rund um die Arena für das Event geworben wird und die Menschen ins Stadion strömen. Wenn in Deutschland eine Para-Veranstaltung stattfindet, muss man Hinweise mit der Lupe suchen. In London war das eine andere Liga. Abends waren teilweise 35.000 Zuschauer im Stadion, an einigen Vormittagen sind Tausende Schulkassen gekommen. Diese Stimmung hätte man wunderbar nach Deutschland transportieren können und auch müssen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist sicher auch eine Folge der Paralympics 2012 in London.

Beucher: Sie waren ein Quantensprung in Sachen Wahrnehmung, Berichterstattung und Begeisterungsfähigkeit der Zuschauer. Und das hat sich auch auf Rio übertragen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr trifft es den Behindertensport, dass mit München und Hamburg zwei deutsche Großstädte mit der Bewerbung um olympische und paralympische Spiele gescheitert sind?

Beucher: Die Paralympics in Deutschland mit einer adäquaten Berichterstattung wären für uns unglaublich wertvoll gewesen. Kinder und Jugendliche streben auch im Behindertensport nach Vorbildern. Und je näher und öfter sie ihnen präsentiert werden, desto stärker drängt Nachwuchs in den Sport. Das ist ein Ergebnis des Leistungssports. Und das wird im paralympischen Bereich genauso konsequent gelebt wie im olympischen.

SPIEGEL ONLINE: 2018 kommt die Para-EM der Leichtathletik nach Berlin. Befürchten Sie leere Ränge?

Beucher: Sich an London zu messen, ist irreal. Aber wir müssen schon jetzt darum kämpfen, viele Tausend Zuschauer ins Stadion zu holen. Bald wird es erste Gespräche mit Verantwortlichen von ARD und ZDF im Hinblick auf die Berichterstattung zu den olympischen und paralympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang geben. Eine erste mediale Chance, mit den tollen Ergebnissen der deutschen Mannschaft in London für Berlin und den Para-Sport zu werben, ist aber vertan worden. Wie weit es uns jetzt mit anderen Events gelingt, das nachzuholen, müssen wir sehen.



insgesamt 34 Beiträge
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noalk 24.07.2017
1. Beucher hat vollkommen recht
Da habe sich die Sportredaktionen von ARD und ZDF mit Blamage bekleckert. Die hatten wohl noch damit zu tun, sich die Tränen wegen der flötengegangenen Fußball-BL-Rechte aus den Augen zu wischen.
brehn 24.07.2017
2. naja
naja...ganz ehrlich...ich hätts mir nicht angeguckt. Obwohl ich (wie sicherlich viele andere auch) für (gut gemachte) Inklusion bin und auch dafür bin dass auch gehandicapte Menschen ihren Sport und Spass ausüben können sollen, so hätte es mich wirklich nicht die Bohne interessiert, wenns im TV kommt...bin ich da alleine?! Gabs denn für Interessierte nicht die Möglichkeit das Online zu verfolgen, bspw irgendwelche Streams?
jan07 24.07.2017
3.
Ich finde es toll und bewundernswert, wenn Behinderte Sport treiben. Aber sie sollten es vor allem für sich selber tun und nicht erwarten, dass es eine große Öffentlichkeit wirklich interessiert.
rafael_dauner 24.07.2017
4. Warum?
Warum sollte mich eine Para-WM interessieren? Nur weil die Sportler behindert sind? Oder weil es politisch korrekt ist?
Velbert2 24.07.2017
5. Redaktionelle Unabhängigkeit
Natürlich meint jeder, der sich für ein spezielles Thema interessiert und sei es auch nur aus beruflichen Gründen, dass die Medien nicht ausreichend über dieses Thema berichten. Trotzdem gilt auch hier die redaktionelle Unabhängigkeit der Medien. Alle Lobbyisten zufriedenzustellen gelingt nie, so viele Sendeminuten oder redaktionelle Seiten hat kein Medium.
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