Schach-Weltmeister Carlsen Das Wunderkind ist müde geworden

Es war eine Titelverteidigung, ohne zu überzeugen. Erst im Tiebreak spielte Magnus Carlsen seine Qualitäten bei der Schach-WM aus. Der Norweger hat seinen Schwung aus früheren Jahren eingebüßt.
Magnus Carlsen, Herausforderer Fabio Caruana (r.)

Magnus Carlsen, Herausforderer Fabio Caruana (r.)

Foto: IVAN MUDROV/ dpa

Es war der Wettkampf der beiden derzeit besten Schachspieler der Welt: Magnus Carlsen, Nummer Eins der Weltrangliste, Fabiano Caruana, die Nummer zwei. Das hört sich nach Spektakel an. Carlsen glaubte daher auch vor dem Duell, dass es viele entschiedene Partien geben werde. Doch mit seiner Vorhersage lag der Weltmeister komplett falsch: Alle zwölf regulären Partien endeten Remis. Das hat es in der Geschichte der Schachweltmeisterschaften noch nicht gegeben. Erst der Tiebreak musste die Entscheidung bringen.

Carlsen hat damit seinen vierten Wettkampf um die Weltmeisterschaft gewonnen und bleibt mindestens zwei weitere Jahre Schach-Weltmeister. Caruana war gut, aber nicht gut genug. Überzeugend war aber auch Carlsens Vorstellung nicht. Außer im Stichkampf wirkte der Weltmeister gehemmt und spielte fast ängstlich.

In einer der Pressekonferenzen wurden die Spieler gefragt, welchen großen Schachspieler sie zum Vorbild hätten. "Mein Vorbild bin ich selbst vor vier Jahren. Ich würde gern so spielen, wie ich damals gespielt habe", antwortete Magnus Carlsen. Was wie ein Witz klang, war ernst gemeint.

Schon mit 13 Jahren hatte Carlsen begonnen, als Schach-Wunderkind die Spitzenspieler das Fürchten zu lehren. Mit 20 Jahren übernahm er die Führung in der Weltrangliste. Mit 22 Jahren wurde er Weltmeister. Jetzt ist er 28 Jahre alt, seit zehn Jahren in der Weltspitze. Jetzt, in London, wirkte er müde. "Ich habe in den letzten zwei Jahren nicht gut gespielt", sagte er auf der Abschlusspressekonferenz selbstkritisch. "Ich muss an meinem Schach arbeiten."

Das hatte sich im Verlauf der vergangenen Wochen mehrmals gezeigt, dabei hätte der Norweger schon in der ersten Partie in Führung gehen können. Mit den schwarzen Steinen hatte der Weltmeister seinen Herausforderer in der Sizilianischen Rossolimo-Variante überspielt, doch Carlsen ließ mehrere Gewinnmöglichkeiten ungenutzt. Caruana befreite sich, am Ende gab es ein Remis. Bei einem Sieg Carlsens hätte der Kampf sicher einen ganz anderen Verlauf genommen.

Schon bald zeigte sich, dass beide Spieler Probleme mit ihrem Weiß-Repertoire hatten. Normalerweise hat Weiß mit dem Anzugsvorteil das bessere Spiel, und Schwarz muss um den Ausgleich kämpfen. Nicht bei diesem Wettkampf. Mit den weißen Steinen ging Carlsen allen eröffnungstheoretischen Diskussionen aus dem Weg. Wenn möglich, strebte er mit dem Damentausch ein frühes Endspiel an.

Doch der Plan, Caruana dort zu überspielen, ging nicht auf. Der US-Amerikaner kämpfte in seinen Weißpartien zwar mit konkreten Varianten um einen Eröffnungsvorteil, doch auch seine Strategie verfing nicht. Carlsen war in seinem Schwarz-Repertoire einfach zu gut vorbereitet und wusste auf jeden neuen Versuch eine gute Antwort.

Mini-Vorteile blieben ungenutzt

In der zweiten und siebten Partie eröffnete Carlsen mit dem Damengambit und holte dort nichts heraus. In der vierten und neunten Partie wählte Carlsen die Englische Eröffnung. Caruana antwortete in einer Stellung, die man mit vertauschten Farben aus der Sizilianischen Verteidigung kennt, nicht unerwartet mit dem Modezug 6Lc5, doch Carlsen hatte dagegen überraschenderweise kein wirksames Rezept zur Hand.

In der neunten Partie vergab Carlsen durch einen ungeduldigen Zug einen kleinen Vorteil. In der sechsten und elften Partie eröffnete Carlsen mit dem Königsbauer. Mit einem merkwürdigen Springerzug (4.Sd3) wich er in der sechsten Partie den Hauptvarianten der Russischen Verteidigung ängstlich aus, kam in Nachteil und musste lange um das Remis kämpfen. Mit einer Minusfigur konnte er sich in eine Festung retten. Der norwegische Supercomputer "Sesse" errechnete während der Partie zwar einen Vorteil für Caruana, doch für einen Menschen war das kaum zu sehen.

Caruana eröffnete ausschließlich mit dem Königsbauern, und Carlsen antwortete stets mit der Sizilianischen Verteidigung. In seinen ersten drei Weißpartien probierte Caruana die Rossolimo-Variante, erzielte damit jedoch keine positive Wirkung. Dann wechselte er in den Partien acht, zehn und zwölf zur Offenen Variante, traf aber auch hier auf einen ausgezeichnet präparierten Weltmeister, der die Sweschnikow-Variante vorbereitet hatte. Diese drei Partien waren die interessantesten des ganzen Wettkampfs.

In der achten Partie konnte Caruana eine chancenreiche Position erreichen, übersah aber einen prinzipiellen Zug, und sofort glich Carlsen aus. Der Weltmeister entwickelte dann in Partie zehn eine gefährliche Königsflügel-Initiative und zwang Caruana zu aufmerksamer Verteidigung.

Im Tiebreak ein völlig anderes Bild

Die zwölfte und letzte reguläre Partie verlief selbst für Experten sehr merkwürdig. Carlsen hatte sich bereits nach der elften Partie vorgenommen, die letzte Partie Remis zu spielen und die Entscheidung im Stichkampf zu suchen. Schon in den ersten Zügen machte Carlsen ein stilles Remisangebot durch Stellungswiederholung. Caruana wich ab und wollte weiterspielen. Dann fand der Herausforderer aber keinen guten Plan und geriet in eine ungünstige Stellung. Carlsen nutzte dies jedoch nicht aus, ließ eine sehr starke Möglichkeit ungenutzt liegen und bot stattdessen in überlegener Stellung Remis an. Ein Angebot, das Caruana nicht ablehnen konnte.

Es folgte der Tiebreak, in dem zunächst vier Partien mit 25 Minuten Grundbedenkzeit und zehn Sekunden Zeitzugabe pro Zug angesetzt waren. Und hier bot sich ein völlig anderes Bild. Ein vor Selbstvertrauen strotzender Carlsen zerlegte seinen Gegner förmlich. In der ersten Partie half der Gegner etwas, aber nachdem Carlsen diese gewonnen hatte, war sie wieder da, die große Leichtigkeit, mit der Carlsen früher so dominiert hatte.