Marathonläufer mit Handicap Oft beschimpft, nie aufgegeben

Er ist schwerbehindert, hat oft gesundheitliche Probleme. Dennoch bestreitet Frank Weckler regelmäßig Marathonrennen. Respekt wird dem Frankfurter selten entgegengebracht. Häufig muss Weckler Schmähungen ertragen. Mit dem Laufen aufhören will er freilich nicht.

Von Uwe Martin, Frankfurt am Main


Wenn er läuft, horcht er ständig in sich hinein. Kommen wieder diese Krämpfe, die ihn zur Aufgabe zwingen könnten? Wann wird das Ziel geschlossen, die Zeitmessung eingestellt? Frank Weckler von der LG Eintracht Frankfurt ist ein langsamer Läufer, ein ganz langsamer. Er sagt: "Vielleicht bin ich der langsamste Volksläufer in Deutschland." Könnte sein: Seine Marathonbestzeit steht bei 5:27 Stunden, das war 1998 in Berlin. Doch es kann auch länger dauern, so wie drei Jahre später in New York mit knapp sieben Stunden.

Marathonläufer Weckler: "Ich bin ein extremer Typ"

Marathonläufer Weckler: "Ich bin ein extremer Typ"

Oder es geht ihm so wie 2006 in Frankfurt, da ist er nach 16 Kilometern ausgestiegen, freiwillig. "Es könnte sein, dass ich noch langsamer werde", dachte sich der gelernte Tierpfleger seinerzeit, "und dann nehmen sie dich sowieso raus." Nein, im Besenwagen mochte er nicht vorgefahren werden. Häufig geht es Weckler wie in Frankfurt, wenn "die körperliche Form und die Form im Kopf nicht im Gleichgewicht" sind. Die Beine sagen "weiterlaufen", doch die Psyche mit ihren negativen Gedanken gewinnt.

Weckler ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Laufszene - das betont er selbst: "Es gibt mich, und es gibt die anderen." Weil er trotz einer 50-prozentigen Schwerbehinderung bei den Gesunden dabei sein will; weil er infolge von Wachstumsstörungen nur 1,53 Meter misst und mit seinen Trippelschritten und den ungelenken Armschwüngen auffällt; weil er stets ganz hinten zu finden ist. Seit 24 Jahren jetzt schon. Rund um Frankfurt, wo die Volkslaufdichte so groß ist wie nirgendwo anders in der Republik, ist "Fränkie" in Insiderkreisen beinahe so bekannt wie international renommierte Läufer.

In Kelkheim, nur wenige Kilometer entfernt von seinem Heimatort Sulzbach, wartet Halbmarathon-Zielrichter Paul Müller alljährlich persönlich auf den Nachzügler. "Für dich stoppen wir sogar die Hundertstelsekunden." Körperversteifung der Gelenke, steht seit Geburt in Wecklers Krankenakte, "eine Art Rheuma". Er hat mitunter starke Rücken- und Beinschmerzen; das Körpergewicht unter Kontrolle zu halten, fällt ihm schwer. Mal sind es 63 Kilogramm, dann wieder 69 oder mehr. Austrainiert sieht er wahrlich nicht aus. Anderseits: "Wenn ich nicht laufen könnte, würde es mir schlechter gehen."

Doch Weckler, der an Himmelfahrt in Hofheim/Taunus am Rennen über zehn Kilometer teilnehmen wird, klagt nicht. Im Flur seiner Wohnung stehen 30 Paar Joggingschuhe, an den Wänden hängen Fotos, Medaillen und Urkunden. "Laufen ist für mich kein Hobby, sondern Lebensinhalt. Dabei fühle ich mich wohl." Er sieht sich als ein Athlet, nicht als Asket. Weckler redet über "gutes Essen" und "viel zu viel Alkohol" - ab und zu. Und er redet davon, dass "keine Sau anruft, wenn es einem dreckig geht". In diesen Phasen trägt er eben doch schwer an der Last des Lebens als Behinderter.

Aber Weckler will kein Mitleid: "Die Situation ist schon in Ordnung so wie sie ist." Der kleine Mann hat sich an vieles gewöhnt, gewöhnen müssen. Dass ihm sein Trainer Dietmar Stenzel schon mal vorhält, besser zum Walking zu gehen, dass er körperlich nicht stabil genug ist, um wöchentlich mehr als 70 bis 95 Kilometer zu laufen, dass die Form seit drei Jahren rückläufig ist. Früher konnte er in einer Stunde zehn Kilometer laufen, das geht jetzt nicht mehr. Erklärungen hat Weckler keine, "vielleicht werde ich alt". Er ist 40 und Single. Meistens trainiert er auch alleine, die anderen sind einfach zu schnell.

Als Fremdkörper wahrgenommen

Weckler kann viel erzählen über den täglichen Rassismus in Deutschland. Als "Spasti" und "Judensau, die vergast gehört" wird er von Jugendlichen bisweilen beschimpft, wenn er morgens zu seinem Arbeitsplatz in den Industriepark Höchst zu Bayer CropScience und abends wieder zurück läuft. Oder als "Kanake", "Roboter" und "Gartenzwerg". Manchmal erwidert er etwas, meistens joggt er stumm weiter. "Wenn du jeden Tag denselben Mist hörst, schaltest du irgendwann ab. Das ist wie bei dem immer gleichen Film im Fernsehen. Die Zeiten sind härter geworden. Ich auch." Klatschen oder Jubeln bei den Wettkämpfen ist selten. Oft wird er nur als Fremdkörper wahrgenommen.

Was ihn trotz allem antreibt? "Ich bin ehrgeizig, ich brauche ein Ziel. Denn eigentlich bin ich ein extremer Typ." Beim Frankfurt-Marathon Ende Oktober will er dabei sein. Weil die Sollzeit von fünfeinhalb auf sechseinhalb Stunden hoch gesetzt wird, besteht berechtigte Hoffnung, dass Weckler vor dem Besenwagen ins Ziel kommt. "Der ist übrigens ziemlich hässlich", sagt er. "Da sollten sie mal einen neuen besorgen." Ankommen will Weckler, nicht mehr, nicht weniger. So wie 2001 in New York die schwer krebskranke Frau, mit der er eine Zeit lang Schritt gehalten hat. "Sie hat sich ihren Traum erfüllt. Ein paar Tage später ist sie gestorben."



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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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