College-Basketball-Meister Virginia Hölle und Himmel

Ein Jahr nach der größtmöglichen Blamage haben die College-Basketballer aus Virginia die March Madness gewonnen. Der Weg dorthin wäre wohl sogar für ein Hollywooddrehbuch zu unrealistisch gewesen.

Jubelnde Virginia-Spieler
David J. Phillip / AP

Jubelnde Virginia-Spieler

Von Eike Hagen Hoppmann


Ein Drehbuchautor hätte vermutlich eine Abfuhr bekommen, wenn er diese Geschichte in Hollywood vorgestellt hätte. Zu kitschig, zu unrealistisch, zu unwahrscheinlich.

Insofern ist es bemerkenswert, was dem College-Basketball-Team der Virginia Cavaliers gelungen ist. Durch einen 85:77-Sieg nach Verlängerung im Finale der March Madness gegen die Texas Tech Red Raiders haben die Cavaliers nicht nur ihre erste Meisterschaft überhaupt geholt. Sie haben auch ein besonderes Kapitel Sportgeschichte geschrieben.

Um die Bedeutung des Titels verstehen zu können, muss man zunächst ein Jahr und 23 Tage zurückgehen, in die erste Runde der March Madness 2018. Virginia hatte eine herausragende reguläre Saison gespielt, galt als Top-Favorit auf den Meistertitel.

Eine historische Blamage

Doch dann kam das Finalturnier und die Cavaliers scheiterten in der ersten Runde als topgesetztes Team an der University of Maryland, Baltimore County (UMBC), von der viele Amerikaner vorher noch nicht einmal gewusst hatten, dass sie überhaupt eine Basketballmannschaft hat.

Das ist in etwa so, als hätte der FC Bayern München in der ersten Runde des DFB-Pokals 1994 nicht gegen Vestenbergsgreuth, sondern einen Kreisligisten aus Unterföhring verloren. Es war eine historische Blamage.

Seit das March-Madness-Teilnehmerfeld 1985 auf 64 Mannschaften erweitert wurde, hatte noch nie eins der an Nummer eins gesetzten Team gegen eine der an Position 16 gesetzten Mannschaften verloren. 136 Mal in Folge hatte sich der Favorit durchgesetzt. Dann scheiterte Virginia.

"Wir haben unseren Hintern versohlt bekommen"

Und Virginia scheiterte nicht knapp, sondern verlor mit 20 Punkten. Es war eine Demütigung. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wir haben unseren Hintern versohlt bekommen", sagte Virginias Trainer Tony Bennett nach der Niederlage. Aber Bennett zeigte Größe in der Niederlage, durfte seinen Job behalten und wagte einen neuen Versuch.

Ein Jahr und 23 Tage nach der größten Blamage der College-Basketball-Geschichte gelang Virginia nun also die Revanche und der größte sportliche Erfolg der Universitätsgeschichte.

Vor allem für Bennett war es ein emotionaler Moment. Im vergangenen Jahr hatte er immer wieder Fragen zu dem historischen Ausscheiden beantworten müssen. Manche Beobachter hatten Zweifel, ob er das Team tatsächlich zu einer Meisterschaft würde führen können.

Spektakulärer Buzzer-Beater in der dritten Runde

"Auf eine gewisse Weise bin ich sogar dankbar für das, was passiert ist", sagte Bennett nun. "Es hat mich näher an meine Familie und den Glauben zu Gott gebracht. In den Momenten wo die ganze Welt dir sagt, dass du ein Verlierer bist, fragt man sich: 'Okay, was ist wirklich wichtig?' Und dahingehend hat mir die Niederlage geholfen."

Und in diesem Jahr, so schien es, hatte Virginia alles Glück auf der eigenen Seite. Es wirkte ein wenig, als wäre der Weg des Teams zum Titel schon vorgezeichnet gewesen, als hätte alles genau so ablaufen sollen. Als sollte auf den Schmerz vom vergangenen Jahr nun als Belohnung der Titel folgen.

In der ersten Runde lag Virginia zwischenzeitlich erneut mit 14 Punkten zurück, erste Erinnerungen an die Blamage von vor einem Jahr wurden wieder wach, ehe sich der Favorit doch noch souverän durchsetzte. In der dritten Runde benötigte es dagegen schon einen spektakulären Buzzer-Beater, um noch die Verlängerung zu erreichen, in der Virginia dann gewann.

Im Halbfinale gegen die Auburn Tigers hatten die Cavaliers zunächst Glück, dass ein Double Dribble in den Schlusssekunden von den Schiedsrichtern nicht gepfiffen wurde, der ansonsten die Niederlage für Virginia besiegelt hätte. So gab es noch eine letzte Wurfmöglichkeit, die von Guard Kyle Guy zwar nicht genutzt wurde. Ein Auburn-Verteidiger foulte Guy aber bei seinem Dreipunktewurf. Der Cavaliers-Guard traf alle drei daraus resultierenden Freiwürfe, um mit 0,6 Sekunden auf der Uhr einen Zwei-Punkte-Rückstand noch in einen Sieg zu verwandeln.

Und im Finale schließlich gelang erst De'Andre Hunter mit einem Dreier zwölf Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit der Ausgleich, dann wurde der mögliche Siegwurf von Texas-Tech-Star Jarrett Culver mit der Schlusssirene geblockt. So rettete sich Virginia erneut überhaupt erst in die Verlängerung.

Virginia stand also auch in diesem Jahr praktisch in jeder Runde knapp vor dem Aus, verließ den Platz aber immer irgendwie als Sieger. Neben Glück war aber auch Können dabei, die Cavaliers sind kein unverdienter Sieger. Ein Jahr und 23 Tage nachdem das Team noch am Boden lag. "Es ist eine großartige Geschichte", sagte Bennett.



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