Marija Scharapowa Unschuldig im Sinne der Anklage

Nur Stunden nach Ablauf ihrer Dopingsperre kehrt Marija Scharapowa auf die Tennistour zurück. Möglich macht das eine Wildcard in Stuttgart. Ist das ein Skandal? Nein, es ist der Rechtsstaat.

Marija Scharapowa
Getty Images

Marija Scharapowa

Ein Kommentar von


Marija Scharapowa bestreitet beim WTA-Turnier in Stuttgart am Mittwoch ihr Erstrundenmatch gegen Roberta Vinci. Und das ist auch gut so. Weil die 15-monatige Dopingsperre der Spielerin erst Stunden vor dem Match abläuft, gibt es Konkurrentinnen, die ihre schnelle Rückkehr auf die Tour verurteilen. Solche Kritik erweist dem Dopingkampf einen Bärendienst.

15 Monate ohne Turniere, das bedeutet in der Tennislogik, dass eine Spielerin aus der Weltrangliste herausfällt. Denn in dieser werden nur die Punkte der vergangenen zwölf Monate erfasst. Da die Weltranglistenplatzierung aber über die Startberechtigung für Turniere entscheidet, hätte Scharapowa zunächst über die Qualifikationswettbewerbe um ihre Teilnahme spielen müssen. Um das zu umgehen, erhielt sie in Stuttgart (und auch für die anstehenden wichtigen Turniere in Madrid und Rom) eine Wildcard der Veranstalter. Darüber regt sich Unmut bei vielen Spielerinnen und Spielern.

Agnieszka Radwanska findet, Scharapowa solle ihre Karriere "auf andere Weise" fortsetzen, Caroline Wozniacki bezeichnete die Wildcard als "respektlos". Scharapowas Erstrundengegnerin Vinci fordert, die Russin solle sich "ohne jede Hilfe" zurückarbeiten. Mag sein, dass Scharapowas mangelnde Beliebtheit auf der WTA-Tour zu diesen Urteilen beigetragen hat, aber das ist keine Entschuldigung.

Wildcards sind Willkür - na und?

Tatsächlich können die Argumente der Wildcard-Gegner nicht überzeugen. Das Prinzip dieser Einladungen mag ungerecht und willkürlich sein. Aber es wird im Tennis gewohnheitsmäßig angewendet. In der Regel werden damit nicht nur Spieler, die von einer langen Verletzungspause zurückkehren, begünstigt, sondern auch besonders gut vermarktbare Stars oder Profis aus dem Austragungsland, weil sie das Interesse am Turnier steigern.

Der einzige Grund, ausgerechnet Scharapowa, die einstmals populärste Sportlerin der Welt, die in ihrer Karriere fast 300 Millionen Dollar verdient haben soll, von dieser Regelung auszuschließen, ist ihre Dopingvergangenheit. Für die hat sie aber gerade eine Sperre abgesessen.

Ja, diese von der internationalen Tennisföderation ITF verhängte Sperre wurde vom Sportgerichtshof Cas später von 24 auf 15 Monate reduziert. Aber das geschah eben, weil die Richter bei ihr keine besondere Schuld erkannten und ihren offenen Umgang mit dem Vergehen würdigten. Das sind selbstverständliche Erwägungen in jedem ordentlichen Strafverfahren. Warum sollten sie für Dopingvergehen keine Anwendung finden?

Es gab eine rechtskräftige Sperre gegen Scharapowa, diese Sperre ist abgelaufen. Sie jetzt nachträglich weiter zu bestrafen, mag auf den ersten Blick einer konsequenten Einstellung gegen Doping entsprechen. Tatsächlich wäre es das Gegenteil eines nachvollziehbaren Kampfs gegen Betrug. Dieser braucht klare, transparente Regeln und rechtsstaatliche Verfahren. Und er braucht die grundsätzliche Möglichkeit von Resozialisierung. Dieser Begriff mag in Bezug auf Scharapowa Spott hervorrufen. Man hat diesen Anspruch aber nicht verwirkt, wenn man Multimillionärin oder bei der Konkurrenz sehr unbeliebt ist.

Selbstverständlich muss sich Scharapowa auch in Zukunft Dopingkontrollen unterwerfen, wie jede andere Spielerin auch. Falls dabei erneute Vergehen festgestellt werden sollten, müssten diese dann umso schärfer geahndet werden, weil es sich um Wiederholungsfälle handelte. Falls nicht, sollte sie als unschuldig gelten und keine Sonderbehandlung erfahren. Regeln und Sperren im Dopingkampf sind nichts wert, wenn es zusätzlich eine Paralleljustiz auf Gefühlsbasis gibt.

Mehr zum Thema


insgesamt 70 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
daddy_felix 26.04.2017
1.
Es handelt sich um den "Porsche Tennis Grand Prix", ausgetragen in der "Porsche-Arena". Da hat es halt ein besonderes "Geschmäckle", dass Scharapowa Markenbotschafterin von Porsche ist.
schwarzwald67 26.04.2017
2. Gerade eben das Bild ausgetauscht
Bis gerade eben war noch ein Glamour-Foto zu sehen, nun ein "girl next door"-Verschnitt. Was soll uns dieser unkommentierte Wechsel sagen? Sie ist doch eigentlich ein nettes Mädchen?!
mats73 26.04.2017
3. komische Sicht
Das Nicht- erteilen einer wild Card für als Bestrafung anzusehen ist schon eine merkwürdige Sicht. Ich würde es eher als Nicht- Belohnung ansehen, und es wäre mir nicht klar, wofür eine Belohnung hier angemessen sein sollte? Das ist schon etwas anderes, als wenn eine top Spielerin wegen Verletzung eine Wildcard erhält. Für ihre Mitwirkung wurde Sie bereit durch Verkürzung der Sperre belohnt. Dass sie in der Sperrzeit keine Weltranglistenpunkte sammeln konnte, liegt in der Natur der Sache. Eine Athletin, die plötzlich einen Leistungssprung macht, und eigentlich ab sofort ins Hauptfeld gehört, muss sich den Status doch auch erst wieder erarbeiten. Warum soll sie wieder einsteigen können, als wäre nichts gewesen?? Wenn sie noch den Anspruch hat, eine Top Spielerin zu sein, dürfte die Quali doch auch eigentlich kein Problem sein...
noerglerfritz 26.04.2017
4. Rechtsstaat
Lieber Autor, welchen _Rechtsstaat_ meinen Sie bitte? Welcher Staat spielt denn im internationalen Tennisgeschäft eine Rolle? Viele Grüße, Der nörgelnde Fritz
hl007 26.04.2017
5. Die Rechtsstaatlichkeit ist doch im
Wenn es sie je gegeben hat. Ich möchte mal sehen, was passiert, wenn jemand den Vorschlag macht, jeder Arbeitnehmer müsse immer und überall zu einem Dopingtest bereitstehen, oder jeder Führerscheinbesitzer. Und wenn dann Berufs- oder Fahrverbote ausgesprochen würden, wenn die Kontrollen versäumt oder ein positiver Befund gegeben wäre, da wäre die Aufregung zu recht groß. Und die Lagerung von Urinporben über Jahrzehnte, um sie dann mit "neuesten" Methoden nochmals überprüfen zu können, wäre unter rechtsstaatlichen Aspekte nur in ganz engen Grenzen vielleicht denkbar. Aber das ist halt das Verlogene am heutigen Sport: Alle wollen Geld verdienen, auch gerne unter Hintanstellung von Moral, Ethik und rechtsstaatlicher Grundsätze, aber die Damen und Herren Sportler müsse sowas von sauber und gut sein und sich immer und überall überprüfen lassen. Die Sportfunktionäre hingegen sind trotz eindeutiger Fakten so gut wie frei von jeder Kontrolle.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.