French-Open-Finalistin Vondrousova "Die beste Woche meines Lebens"

Sie ist erst 19 Jahre jung und beherrscht jetzt schon jeden Schlag: Die Tschechin Marketa Vondrousova ist auf dem Weg, das Frauentennis zu erobern. In Paris kann sie den ersten großen Schritt tun.

Marketa Vondrousova kommt aus dem Strahlen nicht heraus
SRDJAN SUKI/EPA-EFE/REX

Marketa Vondrousova kommt aus dem Strahlen nicht heraus

Aus Paris berichtet Philipp Joubert


Marketa Vondrousova redete im Interview nach dem Spiel so schnell, es hörte sich an, als müsste sie sich selber daran erinnern zu atmen. Endlich durfte sie raus, die Aufregung der jungen Tschechin. Denn an einem Tag, an dem Rafael Nadal und Roger Federer zum 39. Mal in ihrer Karriere aufeinandertrafen, einem Tag, an dem Regen und Wind die weiteren Hauptrollen bei den French Open einzunehmen drohten, blieb Vondrousova zuvor ganz ruhig - zumindest während sie spielte. Die Lässigkeit, mit der die 19-Jährige am Freitagmittag ihren eigenen Stern am Tennishimmel aufgehen ließ, war beeindruckend.

Der Einzug ins French-Open-Finale durch einen 7:5, 7:6-Sieg gegen die favorisierte Britin Johanna Konta wird begleitet von einer Kolonne an Zahlen, die den außergewöhnlichen Erfolg der Tschechin unterfüttern. Vondrousova ist die jüngste Grand-Slam-Finalistin seit zehn Jahren. Seit den Australian Open dieses Jahres hat Vondrousova die meisten Matchsiege im Damentennis zu verzeichnen. Sie hat in diesem Turnier noch keinen Satz abgegeben. Aber hinter all der beeindruckenden Statistik steckt eine Spielerin, die trotz ihres Alters so taktisch keck auftritt, wie es selbst im Tennis selten ist.

Wollen englischsprachige Menschen eine Spielerin wie Vondrousova umschreiben, sagen sie anerkennend: "She has got every shot in the book." Wie es aussieht, wenn Vondrousova durch ihr Buch blättert, das wohl den Titel "Die Leichtigkeit des Tennisspielens" tragen muss, ließ sich während der letzten zwei Wochen in Paris bestaunen. Immer schien Vondrousova eine neue - und richtige - Strategie zu finden. Im Achtelfinale quälte Vondrousova ihre Gegnerin Anastasia Sevastova mit einer Serie an hohen und wuchtigen Bällen, dass dieser nachher die Schulter geschmerzt haben muss.

Die besondere Waffe: der Stoppball

Viertelfinalgegnerin Petra Martic wurde von Vondrousova so schwindelig gelaufen, dass nach fast jedem Ballwechsel die Zuschauer begeistert aufjohlten. Im Halbfinale holte Vondrousova dann den Schlag hervor, der ein ganz besonderer von ihr werden könnte. Denn mit welch Ballgefühl und Ideenvielfalt Vondrousova Stoppbälle platziert, das dürfte jetzt schon seinesgleichen suchen.

Marketa Vondrousova kommt aus dem Frauentenniswunderland Tschechien, dort wo Spielerinnen wie Martina Navratilova, Hana Mandlikova, Jana Novtona oder zuletzt die zweifache Wimbledon-Siegerin Petra Kvitova aufgewachsen sind. Wie sie alle spielt Vondrousova präzises Tennis - und scheint dabei auch noch stets guter Laune zu sein. Doch trotz einiger Ähnlichkeiten mit ihren berühmten Vorgängerinnen hat sie ihren eigenen Weg gefunden.

Während der zwei Wochen von Paris berichtete Vondrousova vom Aufwachsen im kleinen Ort Sokolov, nahe der deutschen Grenze. Dort gab es nur einen Trainer, und der ließ Stoppbälle eben genau so trainieren wie jeden anderen Schlag. "Diese Art zu spielen macht mir Spaß, ich genieße das einfach", erzählte Vondrousova in Paris.

Dass Vondrousova erst jetzt zum großen Wurf ansetzt, hängt vor allem mit Verletzungen zusammen. Schon vor zwei Jahren schien der Erfolg nach dem schnellen Durchbruch möglich. Doch genau wie zum Ende ihrer Zeit als Juniorin verletzte sich Vondrousova seither immer wieder. Jetzt ist sie fit und hat sich als Credo ein Tattoo über den rechten Ellenbogen stechen lassen. "No rain, no flowers" lässt sich dort lesen.

Um auch am Samstag im Finale gegen Ashleigh Barty (15 Uhr, Liveticker: SPIEGEL ONLINE, TV: Eurosport) wieder Blumen blühen zu lassen, wird Vondrousova ihr ganzes Repertoire an Schlägen nutzen müssen. Denn die 23-jährige Australierin, die einst schon zurückgetreten war und sich vor ihrer Rückkehr sogar als Profi-Cricketspielerin probierte, ist selber eine, die mit jedem Schlag eine neue Frage an die Gegnerin stellt. Vondrousova erwartet bei all der Variabilität ein "unterhaltsames Match", will sich aber nicht stressen: "Diese Woche ist die beste meines Lebens. Ich bin glücklich mit allem."



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