Neue Vorwürfe gegen Nike Oregon Project "Ich wurde vom System geistig und körperlich misshandelt"

Knochenbrüche, das Ausbleiben der Periode über drei Jahre, Selbstverletzungen - Läuferin Mary Cain hat über ihre Leidenszeit im Trainingsprogramm des Sportartikelherstellers Nike gesprochen. Der Konzern nimmt es kühl auf.

Cain: "Ich sollte dünner und dünner und dünner werden"
AP

Cain: "Ich sollte dünner und dünner und dünner werden"


Das Nike Oregon Projekt (NOP) wurde im Oktober eingestellt, immer neue Berichte von Athleten aus dem Elite-Trainingsprogramm setzen den Sportartikelhersteller unter Druck. Am Donnerstag war die Läuferin Mary Cain, die einst als größtes US-Talent ins NOP einstieg, an die Öffentlichkeit gegangen.

In einem Beitrag, den die 23-Jährige für die "New York Times" verfasste, erhebt sie schwere Vorwürfe: "Ich schloss mich Nike an, um die beste weibliche Athletin aller Zeiten zu werden. Stattdessen wurde ich geistig und körperlich von dem System misshandelt, das Alberto (Salazar) entworfen und Nike gebilligt hat." Salazar, der ehemalige Cheftrainer und Gründer des NOP, war am 10. Oktober wegen Verstößen gegen die Antidopingregeln für vier Jahre gesperrt worden.

Seit 2013 trainierte Cain (rechts) im NOP unter Salazar
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Seit 2013 trainierte Cain (rechts) im NOP unter Salazar

Cain sagte, man habe sie dazu gedrängt, immer weiter an Gewicht zu verlieren. Salazar habe der 1,70 Meter großen Läuferin ein Gewichtsziel von knapp 52 Kilogramm verordnet und sie regelmäßig vor ihren versammelten Teamkollegen gewogen. Habe sie das Ziel nicht erreicht, habe er sie öffentlich vor der Gruppe gedemütigt. Auch die systematische Einnahme von Antibabypillen und Diuretika, die das vermehrte Ausschwemmen von Urin fördern, soll er von ihr gefordert haben.

"Ich hatte Angst, fühlte mich einsam und gefangen", schreibt Cain. "Ich entwickelte Suizidgedanken." Sie habe angefangen, sich selbst Verletzungen zuzufügen. Doch obwohl andere Menschen im NOP dies beobachtet hätten, habe niemand etwas dagegen getan. Cain stellte die These auf, dass ein höherer Anteil von Frauen in der Leitung des NOP die Gefahr minimiert hätte, dass sich solche Zustände entwickelten: "Ich war in einem System gefangen, das von Männern für Männer konzipiert war. Es zerstört die Körper junger Frauen."

Nike reagiert auf Anschuldigungen

Steve Magness, ehemaliger Assistenztrainer von Salazar, bestätigte die Vorwürfe. Er selbst sei damit beauftragt gewesen, Athletinnen systematisch zum Abnehmen zu drängen. Wenn er Daten vorgelegt habe, die bedenkliche Werte zeigten, habe man ihm gesagt: "Ich interessiere mich nicht für Wissenschaft. Ich weiß, was ich sehe: Ihr Hintern ist zu groß." Magness wirft dem NOP vor, die Schutzlosigkeit junger Athletinnen ausgenutzt zu haben: "Wenn die Kultur darauf angelegt ist, es an die Grenzen zu treiben, ist dies das Ergebnis."

Nike reagierte auf Cains Vorwürfe. Ein Sprecher des Konzerns sagte, es seien "zutiefst beunruhigende Anschuldigungen". Nike berief sich jedoch auch darauf, bislang nie von den Vorwürfen gehört zu haben, die "zuvor weder von Mary noch ihren Eltern erhoben worden waren". Der Sportartikelhersteller kündigte eine umgehende Prüfung des Sachverhalts und Gespräche mit ehemaligen Mitarbeitern des NOP an.

Nike war in den vergangenen Wochen immer stärker unter Druck geraten. Das "Wall Street Journal" hatte Anfang Oktober berichtet, dass Salazar bereits 2009 führende Nike-Mitarbeiter über die Ergebnisse seiner Experimente informiert haben soll. Belege dafür sollen E-Mails sein, die Salazar unter anderem direkt an Nike-Geschäftsführer Mark Parker geschickt haben soll.

tip



insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
räbbi 08.11.2019
1.
Ja...und? Dann muß man eben den Schnitt machen und sich was anderes suchen. Dieses ewige nachtreten... Leistungssport ist nicht gesund und diese Disziplin im Speziellen bevorzugt Menschen mit extrem niedrigem Gewicht (negative Begleiterscheinungen sind bekannt)...und wenn man zur absoluten Weltspitze seines Metiers gehören will...nunja...siehe Skispringen. Natürlich war Sie extrem jung, als sie da anheuerte, aber es wird ihr auch damals klar gewesen sein, dass Nike nix zu verschenken hat. Die wollten Siege sehen und sie wollte die Siegerin sein.
peter_rot 08.11.2019
2. Sie haben es freiwillig gemacht
Man sucht gerne den Schuldigen bei anderen. Ich möchte jetzt nich Nike freisprechen - ein solcher Konzern sollte wirksame Kontrollmechanismen haben. Aber die Sportler - wo auch immer sie sich einlassen - wissen was es bedeutet, Spitzensportler zu werden. Jetzt hier herum zu jammern halte ich für bedenklich.
ayee 08.11.2019
3. Was unterscheidet wohl die Spitze vom Rest?
Richtig, dass die Spitze es ans Limit treibt. Oh Wunder. Wie naiv muss man sein, zu denken, Leistungssport würde keine persönlichen Opfer erfordern? Wer das nicht machen will, soll es halt nicht tun. Es ist ja nicht so, als ob man dazu gezwungen wird. Dann auch wieder so eine Männer gegen Frauen Sache daraus zu machen, unterstreicht lediglich die nicht vorhandene Selbstverantwortung.
w.o. 08.11.2019
4.
Das interessiert im so genannten Leistungssport doch keine Sau, wenn es darum geht, zu gewinnen und Siegprämien zu kassieren.
wjandel 09.11.2019
5. Was soll jetzt das Gejammere der Sportlerin
Sie hätte jederzeit abreisen können. Niemand hat sie gezwungen am Projekt teilzunehmen. Sie blieb freiwillig, sie blieb um sportliche Erfolge Erringen zu können. Sie war eine Langstreckenläuferin. Dieser Sport setzt nun mal einen ausgezehrten Körper zur optimalen Sauerstoffbilanz voraus.
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