McLaren-Report Mehr als 1000 russische Athleten in Dopingaffäre verwickelt

Das russische Dopingsystem war noch viel größer als gedacht. Der McLaren-Report deckt auf: Zwölf Medaillen-Gewinner aus Sotschi haben betrogen, im Zentrum des Skandals steht die Regierung in Moskau.
Eröffnungsfeier der Winterspiele 2014 in Sotschi

Eröffnungsfeier der Winterspiele 2014 in Sotschi

Foto: Dmitry Lovetsky/ AP

Der russische Dopingskandal hat offenbar weit größere Ausmaße als bisher angenommen. Der zweite Teil des McLaren-Reports stellt fest, dass über 1000 russische Athleten in 30 Sportarten von der staatlich gesteuerten und systematischen Dopingvertuschung profitiert haben sollen. Zudem habe es, initiiert vom russischen Sportministerium, eine "institutionelle Verschwörung" gegeben.

Betroffen gewesen seien dabei unter anderem die Olympischen Sommerspiele in London 2012, die Leichtathletik-WM 2013 in Moskau sowie die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014. Es habe eine "Strategie zur Medaillenbeschaffung in Sommer- und Wintersportarten" gegeben, sagte der von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) beauftragte Sonderermittler in London. Weiter sprach der Kanadier von Betrug in "beispiellosem Umfang". "Das russische Team hat die Spiele von London in einer Weise korrumpiert, die nie da gewesen ist. Das ganze Ausmaß dessen wird wohl nie bekannt werden", sagte McLaren.

In dem Report wird Witali Mutko direkt beschuldigt. Der 57-jährige Politiker ist seit 2008 für Sport in Russland zuständig und wurde von Präsident Wladimir Putin im Oktober zum Vize-Ministerpräsidenten ernannt. Putin selbst wird in dem Bericht nicht erwähnt.

Dopingermittler Richard McLaren

Dopingermittler Richard McLaren

Foto: Sven Hoppe/ dpa

McLaren nannte auch konkrete Zahlen zu Dopingenthüllungen in Sotschi. Es seien Beweise gefunden worden, dass Dopingproben von insgesamt zwölf Medaillengewinnern manipuliert worden seien. Dabei handele es sich in vier Fällen um Gewinner von Goldmedaillen. Namen wurden nicht genannt. Betroffen sind demnach außerdem fünfzehn russische Medaillengewinner der Spiele in London und vier Teilnehmer der Leichtathletik-WM in Moskau.

Zum Beweis veröffentlichte McLaren 1166 Dokumente, die er während der Untersuchung sicherstellen konnte. Darunter Fotos, forensische Berichte und E-Mails. Dies seien, so McLaren, "unzweifelhafte Fakten". Trotzdem schränkte er den Umfang des Berichts ein: "Obwohl das Bild jetzt klarer ist, ist es noch nicht komplett. Wir hatten nur Zugang zu einem kleinen Teil der Daten."

Vor der Präsentation des zweiten Teils hatte IOC-Präsident Thomas Bach zur Vorsicht gemahnt: Es dürften keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. Grundsätzlich verwies Bach darauf, die Verantwortlichen eines Dopingsystems - egal ob Athlet, Trainer oder Funktionär - gezielt zu bestrafen. "Ich möchte so eine Person niemals wieder bei Olympischen Spielen sehen", hatte Bach gesagt und seine Forderung wiederholt, schweren Betrug im Sport mit einem lebenslangen olympischen Bann zu ahnden. Nun wird er sich an seinen Worten messen lassen müssen.

Im ersten am 18. Juli veröffentlichen Bericht hatte McLaren bereits belegt, dass es auch eine Verwicklung des russischen Geheimdienstes FSB bei der Vertuschung von Dopingfällen bei den Spielen in Sotschi gab. Damals hatte der Kanadier nur 57 Tage für die Untersuchung Zeit - diesmal viel länger. Dabei hatte er mitgeteilt, dass zwischen 2012 und 2015 rund 650 positive Dopingproben russischer Athleten in rund 30 Sportarten verschwunden seien. Die Untersuchungen von McLaren waren im Mai durch Enthüllungen des ehemaligen Leiters des Moskauer Anti-Doping-Labors, Grigori Rodtschenkow, ins Rollen gekommen.

krä/sid/dpa
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