Medikamente im Fitnessstudio Gefährliche Sucht

In deutschen Fitnessstudios wird großflächig mit anabolen Steroiden gedopt, viele Betreiber wissen laut einer Studie sogar davon. Doch sie unternehmen wenig dagegen.

Medikamentenmissbrauch im Fitnessstudio: "Habe keinen Bock darauf, alles zu kontrollieren"
DPA

Medikamentenmissbrauch im Fitnessstudio: "Habe keinen Bock darauf, alles zu kontrollieren"


Andreas ist 17 Jahre alt, er geht noch zur Schule, er hat Freunde, nur mit den Mädchen klappte es lange Zeit nicht so richtig. Doch seit Kurzem hat Andreas (Name von der Redaktion geändert) mehr Muskeln, und darauf stehen die Frauen - glaubt er. Andreas hat gerade seine "erste Kur" hinter sich, er hat zum ersten Mal verbotene anabole Steroide genommen, um muskulöser zu werden.

Andreas ist einer von 20 Teilnehmern der 2014 veröffentlichten Untersuchung "Medikamentenmissbrauch bei männlichen Kraftsportlern und Bodybuildern im Breitensport" der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. Er sagt: "Erst dachte ich immer, bleib weg mit dem Zeug, das nehmen doch nur Vollpfosten! Aber jetzt hab ich mit meinem Kumpel mal was ausprobiert, für drei Monate. War schon eine Überwindung, aber es hat sich gelohnt. Ich war ein bisschen aggro. Sonst habe ich keine Nebenwirkungen bemerkt, nur mehr Muskeln habe ich gekriegt! Wir haben das Zeug von dem Bruder von meinem Freund, der kennt sich aus."

Und nicht nur die Mädchen stünden jetzt mehr auf ihn, auch sein sozialer Status bei Gleichaltrigen sei gestiegen, seit er in die Breite gegangen ist, berichtet er. Was Andreas vermutlich nicht ahnt: Seine Aussagen und sein Verhalten deuten darauf hin, dass er mit rasantem Tempo in eine Spirale von Medikamentenmissbrauch geraten kann und sogar eine Risikoperson für den Missbrauch von Tierarzneien darstellt. Das zumindest legt Kopps Studie nahe, in der sie den Fragen nachgegangen ist, welche Bedingungen und Systeme den Missbrauch begünstigen, warum die Sportler zu den Drogen greifen, wie sie an diese gelangen und wie die Betreiber von Fitnessstudios damit umgehen.

Nicht nur reine Kraftsport- und Hardcore-Studios betroffen

Vor allem Letztere schauen gerne mal über die illegalen Praktiken in ihren Räumen hinweg, zeigt die Untersuchung. "Bei uns im Studio wird Anabolika konsumiert. Ich weiß genau, wer, aber verbieten kann ich das ja nicht. Ich bin Inhaber und will mir die Kundschaft nicht vergraulen. Wenn die das Zeug verticken wollten, würde ich schon einschreiten. Aber die sind ja erwachsen und müssen wissen, was sie tun", sagt einer der Studiobesitzer.

Ein anderer wird noch deutlicher: "Ich bin der Besitzer dieses Etablissements und habe keinen Bock darauf, alles zu kontrollieren! Seit 25 Jahren läuft der Laden hier unter meiner Hand und ich persönlich bin es leid, dass die Politik immer alles transparenter haben möchte. Hier trainieren erwachsene Männer, die wollen, genau wie ich, nicht belehrt werden!"

Die Ergebnisse der Studie belegen, dass Medikamentenmissbrauch ein Phänomen innerhalb des Breitensports ist, das über die Grenzen reiner Kraftsport- und Bodybuilding-Studios hinausgeht. Jeder Proband kennt demnach andere Hobbysportler, die Missbrauch betreiben, anabole Steroide sind in vielen Fitnessstudios ein Diskussionsthema. Dabei wird laut der Studie "Medikamentenmissbrauch nicht als Verstoß gegen das Fair Play des Sports, sondern als individuelle Angelegenheit gewertet". Sportler, die Anabolika nehmen, fühlen sich durch die Studioleitung nicht kontrolliert, sie haben keine Angst vor Sanktionen.

Dieses Umfeld führe dazu, dass das Milieu des Medikamentenmissbrauchs weiter wachse, sagt Martin Hörning, unter dessen Federführung Kopps Untersuchung entstanden ist. Der Mediziner forscht auf dem Gebiet der Gesundheitsförderung und Suchtprävention; er sieht drei grundlegende Maßnahmen, die dieser Entwicklung entgegenwirken könnten:

  • Eine verbesserte Ausbildung und gezielte Risikoaufklärung der Fitnesstrainer. "Einige der Trainer nehmen selbst anabole Steroide und tun nichts dagegen, um ihre Kunden zu schützen", sagt Hörning.

  • Die stärkere Sensibilisierung von Ärzten. Sie seien es, zu denen die Anabolika-Nutzer mit ihren Nebenwirkungen kommen, etwa mit starker Akne, Bluthochdruck, Haarausfall oder Potenzstörungen, sagt Hörning. "Doch sie erkennen oft nicht, dass der Grund für die Beschwerden im Medikamentenmissbrauch liegt."

  • Härtere Sanktionen seitens der Politik. Zwar sei der Verkauf und Erwerb von Anabolika verboten, in der Realität werde aber kaum etwas gegen Verstöße unternommen, sagt Hörning.

Die größte Herausforderung liegt laut dem Suchtexperten aber darin, den Hobbysportler davon zu überzeugen, dass der Medikamentenmissbrauch seiner Gesundheit mehr schadet als nützt. "Der Wunsch, Anabolika zu nehmen, ist - wie bei allen anderen Drogen - in der Persönlichkeit des Menschen begründet", sagt Hörning. Er wolle dadurch schöner, stärker und erfolgreicher werden, "das effektivste Gegenmittel ist deshalb, die Selbstwirksamkeit zu stärken".

Sein Lehrstuhl hat jüngst eine Informations- und Beratungsplattform zu Anabolikamissbrauch ins Leben gerufen, auf der sich Betroffene anonym per Mail oder Telefongespräch Hilfe holen können.

DER SPIEGEL
Lesen Sie mehr zum Thema hier im neuen SPIEGEL.

psk

Mehr zum Thema


insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
geotie 28.07.2015
1.
Jeder hat sein Recht darauf, wie er sein Leiben, sein Körper verpfuscht. Warum nicht?
geando 28.07.2015
2.
Tja, schöne neue Welt. Während sich Mädchen in den Magerwahn hungern, Pumpen sich Jungs mit Bullenhormon auf.
spon-49j-k5ri 28.07.2015
3.
Als Gleichaltriger: Die Aussage von Andreas stinkt bis zum Himmel, ich kenne niemanden in unserem Alter der auf der einen Seite so reflektierend und auf der anderen Seite so blöde ist. Ich bezweifle mal stark dass die Aussage von Andreas genauso gefallen ist, wie sie hier zitiert wird. Der original Autor dieser Zeilen ist gefühlt viel älter.
uventrix 28.07.2015
4. Falscher Eindruck
Also ich kann der Meinung der Studiobesitzer voll und ganz folgen. Was die Kunden für Medikamente nehmen ist deren Privatsache und hat sie nicht zu interessieren. Wenn jemand im Studio dealt ist das ein ganz anderes Brett... ist mir allerdings in all den Jahren in denen ich ins Studio gehe noch nie aufgefallen. Das einzige was ich bisher aufgeschnappt habe sind Diskussionen wie "Bekommst du 500 gr Magerquark runter..." oder "Ich würd ja Harzer Käse essen aber der schmeckt zum Kotzen - wie machst du denn das..." und ähnliche. Man bekommt ja dank solcher Artikel den Eindruck, jeder zweite würde sich im Fitnessstudio mit Medikamenten pushen - dem ist einfach nicht so. Das sind einzelne Extremfälle.
mongolord 28.07.2015
5. Wo ist das Problem?
Jeder hat das Recht mit seinem Körper zu machen was er/sie will. Verstehe nicht in wie weit da nun der Betreiber eines Studios verantwortlich sein soll, was seine Kunden in ihrer Freizeit tun. So lange nicht Öffentlich im Studio gedealt wird und in der Umkleide gespritzt ist er weder zuständig noch verantwortlich. Zur Thematik: Gerade in den letzten Jahren ist das Natural Bodybuilding extrem populär geworden und auch die wenigsten wollen aussehen wie professionelle Bodybuilder. Anabolika werden zwar immer noch konsumiert, aber man kann da längst nicht von einer großen Anzahl sprechen. Ich war selbst in meinen 8 Jahren in mehreren Studios und die Leute die offensichtlich Anabolika konsumieren sind selbst in größeren Ketten nicht mehr als 20 Leute. Rechnen wir nochmal die gleiche Zahl drauf denen man es selbst mit etwas geschultem Auge nicht direkt ansieht sind das immer noch nichtmal 10% der männlichen Besucher. Auch ist die Risikodiskussion scheinheilig. Die Risiken hängen davon ab was man in welcher Qualität und Menge und Dauer nimmt und wie der individuelle Körper das verkraftet. Das kann dann von keine dauerhaften Schäden und Nebenwirkungen bis zu längerfristigen Herz-,Nieren- und Leberschäden reichen. Vergleichen mit den Gesundheitskosten durch Raucher, Säufer und Übergewichtige wird das prozentual aber ein Tropfen auf dem heissen Stein sein. Und Bodybuilder sind in der Regel keines der andern drei Dinge. Also ohne die Folgen durch Medikamentenmissbrauch zu verharmlosen, halte ich Anabolikamissbrauch für ein kleineres Gesellschaftliches Problem. Selbst die kosten durch Sportverletzungen beim Fussball liegen bestimmt um das zigfache höher.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.