Daniel Raecke

DFB-Stars bei Erdogan Was Deutschsein bedeutet

Zwei deutsche Nationalspieler haben sich mit dem türkischen Präsidenten fotografieren lassen. Klug? Nein. Sympathisch? Nein. Aber auch kein Grund, ihren Status als DFB-Auswahlspieler infrage zu stellen.
Ilkay Gündogan (links) mit Recep Tayyip Erdogan

Ilkay Gündogan (links) mit Recep Tayyip Erdogan

Foto: Uncredited / dpa

Die klügste Idee war es vermutlich nicht. Aber aus irgendeinem Grund haben sich die deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan fotografieren lassen. Gündogan signierte sogar ein Trikot seines Klubs Manchester City mit persönlicher Widmung für das Staatsoberhaupt.

Das alles schlägt einen Tag vor der Bekanntgabe des deutschen Kaders für die Fußball-Weltmeisterschaft Wellen in der deutschen Öffentlichkeit. Viele Beobachter scheinen es für unvereinbar zu halten, für die deutsche Fußballauswahl zu spielen und zugleich einem ausländischen Staatsoberhaupt beim Wahlkampf zu helfen - in der Türkei finden im Juni vorgezogene Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt.

Aber ist das wirklich der Grund der Empörung? Lothar Matthäus, immerhin deutscher Rekordnationalspieler, besitzt seit seiner Amtszeit als ungarischer Nationaltrainer beste Kontakte zum ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. 2006 hielt Matthäus eine Rede bei einer Veranstaltung der Jugendorganisation von Orbáns nationalkonservativer Partei Fidesz. "Ich spüre den Geruch von Schießpulver", sagte Matthäus den jungen Delegierten damals . 2014 saß er als Ehrengast  bei der Eröffnung eines Fußballstadions neben Orbán auf der Tribüne.

Was Matthäus recht war, kann Özil billig sein

Ist das ein Skandal? Nein. Es ist das gute Recht von Matthäus, sich politisch zu betätigen, ob man seine Ansichten nun sympathisch findet oder nicht. Niemand forderte damals, Matthäus solle die DFB-Ehrenspielführerbinde aberkannt werden. Auch wenn Per Mertesacker sich mit der britischen Premierministerin Theresa May fotografieren ließe, würde wohl niemand sein Deutschsein in Frage stellen.

Der Grund, warum es jetzt bei Özil und Gündogan anders gesehen wird, berührt Fragen, die über den Sport hinausgehen. Dass seit Beginn des 21. Jahrhunderts vermehrt auch Migranten und ihre Kinder in den DFB-Auswahlmannschaften mitspielen, haben Teile der deutschen Öffentlichkeit nie ganz akzeptiert. 2006 hetzte die NPD gegen den schwarzen Hamburger Patrick Owomoyela, der im deutschen WM-Aufgebot stand.

AfD-Politikerin Beatrix von Storch, die das Ausscheiden der DFB-Elf bei der EM in Frankreich damit begründete, es sei nicht die "deutsche Nationalmannschaft" gewesen, forderte auch jetzt Gündogan auf, für die Türkei zu spielen.

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Das sind nicht nur Stimmen vom rechten Rand. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir sagte: "Der Bundespräsident eines deutschen Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier". Unabhängig davon, ob Özil und Gündogan einen türkischen, einen deutschen oder beide Pässe besitzen: Wenn man fordert, sie müssten sich mit "ihrem Präsidenten" zugleich auch für eine Nationalmannschaft entscheiden, dann lehnt man in der Konsequenz letztlich das Konzept der doppelten Staatsangehörigkeit ab.

Die "Entscheidung für ein Land" fordern meist aber Menschen, deren Familiengeschichte sich nicht in verschiedenen Staaten zugetragen hat. Und sie wird ohnehin nur Personen abverlangt, die nicht aus der EU stammen. Miroslav Klose, Deutschlands Rekordtorschütze, ist übrigens auch Pole - was selten jemanden gestört hat.

Vor allem aber liegt der Forderung, ein deutscher Nationalspieler müsse die Hymne mitsingen und deutsche Politiker unterstützen, eine Vorstellung von Homogenität zugrunde, die den Sport überhöht und mit nationalem Pathos auflädt. Für die Fußballauswahl des DFB zu spielen, bedeutet einfach, dass man zu den besten deutschen Fußballern gehört.

Deutscher zu sein bedeutet nicht, dass man bestimmte Politiker unterstützen darf und andere nicht. Es schreibt einem nicht vor, welche Sprache man sprechen muss, welche Musik man hören darf, was man essen und wo man urlauben darf. Dass es das alles nicht bedeutet, sind übrigens ganz gute Gründe dafür, dass man gerne deutscher Staatsbürger sein kann. Das sehen vermutlich auch Özil und Gündogan so.

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