Fotostrecke

Dressurpferd Totilas: Guter Rath ist teuer

Foto: REUTERS

Millionen-Hengst Totilas Das entzauberte Wunderpferd

Zehn Millionen Euro für olympisches Gold - das war das vermeintlich sichere Geschäft, als die deutsche Reitsport-Elite das Dressurpferd Totilas kaufte. Ein Jahr später ist die Euphorie verflogen: Große Siege scheinen außer Reichweite.
Von Sylvia Theel

Er startet. Er startet nicht. Er startet vielleicht. Das waren in den vergangenen Wochen die Schlagzeilen, die Totilas machte. Es ging nicht mehr um Siege, es ging nur noch darum, ob Totilas überhaupt bei irgendeinem Wettbewerb an den Start geht. So sollte der Wunderhengst aus den Niederlanden kurz vor Weihnachten beim Turnier in Frankfurt antreten. Kurzfristig musste Totilas aus Verletzungsgründen passen.

Das Pferd hatte sich eine Prellung des Vorderbeins nach einer Vorstellung für eine Sportsendung des Hessischen Rundfunks zugezogen. Matthias Alexander Rath, Totilas' Reiter seit einem Jahr, hatte dort für die Zuschauer eine Dressur-Shownummer geritten. Es war der erste Auftritt des Paares seit den missglückten Europameisterschaften von Rotterdam im August.

Aber auch dieser Ritt hatte wieder wenig vom Glanz und Können des Wunderpferdes. Die Fehlerquellen von Rotterdam, wie etwa die fliegenden Galoppwechsel, ließ Rath vorsichtshalber ganz weg. Ein gutes halbes Jahr vor den Olympischen Spielen in London herrscht Ernüchterung im Totilas-Lager. Der Glanz ist dahin.

Noch im Herbst 2010 galt Totilas als sicherer Gold-Kandidat

Vor einem Jahr sah das alles noch ganz anders aus. Im Oktober 2010 hatte Deutschlands Mister Pferdesport, der Züchter, dreifache Europameister im Springreiten und erfolgreiche Unternehmer Paul Schockemöhle das damalige Wunderpferd für geschätzte zehn Millionen Euro gekauft.

Zum Zeitpunkt des Kaufs hatte Totilas mit seinem Reiter und Ausbilder, dem Niederländer Edward Gal, innerhalb von nur 14 Monaten drei Weltrekorde gebrochen sowie zwei Europameister- und einen Weltcup-Titel erritten. Gemeinsam war das Traumpaar gerade als dreifacher Weltmeister aus den USA zurückgekehrt. Nie zuvor hatte ein Pferd eine solche Leistung gebracht.

Der Aufschrei aus den Niederlanden war groß, als der geheime Deal bekannt wurde. Nach den drei WM-Titeln sollte schließlich in London 2012 Olympisches Gold für Gal und die Niederlande folgen. Aus Sicht des Nachbarlandes beging Schockemöhle Medaillenraub. Der Verkauf war ein Schlag ins niederländische Kontor: Man holte den Konkurrenten das beste Pferd aus dem Stall und sicherte gleichzeitig für Deutschland endlich wieder einen Goldmedaillengaranten. Welch ein Coup!

Linsenhoff drückte Rath als Reiter durch

In der Kronberger Millionenerbin Ann Kathrin Linsenhoff fand Geschäftsmann Schockemöhle eine Teilhaberin. Sie stellte jedoch ihre Forderungen. Linsenhoff selbst war 1988 Mannschafts-Olympiasiegerin in der Dressur in Seoul geworden. Doch eine Erkrankung zwang die erfolgreiche Reiterin vor vier Jahren zum Rücktritt vom Leistungssport. Ihr Stiefsohn Matthias Alexander Rath, ein 26 Jahre alter Student der Betriebswirtschaft, sollte nach ihrem Willen fortan das erfolgreichste und teuerste Dressurpferd aller Zeiten reiten. Schockemöhle ging darauf ein.

Rath hatte zuvor bereits Sterntaler, ebenfalls ein hoch talentiertes Erfolgspferd, von ihr bekommen; Bundestrainer Holger Schmezer sprach damals auch schon von einem "Weltpferd". Die ganz großen Erfolge blieben jedoch aus.

Bei der Präsentation des neuen Paares am 30. November 2010 vor ausgewählten Journalisten standen dem als kühlen Rechner bekannten Schockemöhle die Tränen in den Augen. Ein knappes Jahr später wandte er sich nach dem Ritt von Rath und Totilas bei der Europameisterschaft mit versteinerter Miene zum Gehen. "Das wird dem Jungen eine Lehre sein", soll er anschließend geschimpft haben.

Rath lag Welten bei der EM zurück

Nur Platz fünf in der Kür - ein Absturz. Was Schockemöhle in Rotterdam ansehen musste, konnte ihm nicht gefallen. Nicht aus reiterlicher Sicht und nicht aus dem Kalkül des Geschäftsmannes, der mit den 8000 Euro Decktaxe pro tragender Stute seine Investition refinanziert haben will. Mit 81,696 Prozentpunkten lag Rath am Ende seiner Kür zehn Prozent unter dem Ergebnis von Edward Gal zehn Monate vorher bei dessen dritten Weltmeisterschafts-Titel. Das sind Welten im Dressursport.

Auf die bislang ausgebliebenen Erfolge angesprochen, verweist Linsenhoff auf die erfolgreichen Ritte der beiden beim CHIO in Aachen im Juli dieses Jahres. "Natürlich hätten wir auch bei der EM gern eine Einzelmedaille gehabt. Aber so ist halt der Sport. Ich bin sicher, Matthias kann es bei Olympia schaffen." Olympisches Gold bleibt das erklärte Ziel der Besitzer, des Reiters, des Trainers, des ganzen deutschen Dressur-Ausschusses. Als hätte es Rotterdam nie gegeben.

Heute schon steht der Turnierplan für 2012 - das Olympiajahr. "Wir müssen da sehr vorausschauend planen, um für Totilas und uns die optimale Olympia-Vorbereitung rauszuholen", erklärt Trainer Klaus-Martin Rath. Im Januar ist deshalb sogar ein Transatlantikflug vorgesehen. Jedes Jahr finden in den Wintermonaten in Wellington im US-Bundesstaat Florida Turniergroßveranstaltungen statt; Totilas soll sich dort zeigen.

Die Konkurrenz hat aufgeholt

Die perfekte Symbiose zwischen Reiter und Pferd - die zeigten zuletzt andere. Die Niederländerin Adelinde Cornelissen mit ihrem Weltklassepferd Parzival verteidigte bei der EM nicht nur ihren Einzeltitel im Grand Prix Special, sondern gewann noch Kür-Gold dazu. Der Brite Carl Hester, den mit seinem Hengst Uthopia niemand auf der Rechnung hatte, errang zweifaches Silber und dazu Gold mit der Mannschaft.

Dazu kommt die Konkurrenz aus den USA. Allen voran der dunkelbraune Wallach Ravel mit seinem deutschstämmigen Reiter Steffen Peters. Weltcupsieger 2008, zweifache WM-Bronze-Gewinner und "US-Dressurpferd des Jahres 2010". Auch ihr erklärtes Ziel heißt: Olympia 2012.

Gekauft hat das elegante Pferd vor fünf Jahren Peters' Sponsorin, Akiko Yamazaki, Ehefrau von Yahoo-Mitbegründer Jerry Yang. Der Verkäufer hieß Edward Gal.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.