Burn-out von Tennisprofi Mischa Zverev "Das muss man erst einmal aushalten"

Nach seiner Erstrunden-Niederlage bei den French Open gab Tennisprofi Mischa Zverev Einblick in sein Seelenleben. Ex-Bundesligaspieler und Mentalcoach Andy Fahlke erklärt, wie belastend der Tour-Alltag sein kann.

Mischa Zverev
Clive Mason Getty Images

Mischa Zverev

Ein Interview von , Paris


Kaum jemand hatte erwartet, dass Mischa Zverev sein Auftaktmatch bei den French Open gewinnen würde. Das 3:6, 4:6, 3:6 gegen Lokalmatador Richard Gasquet war bereits die zehnte Erstrundenniederlage in diesem Jahr. Noch weniger hatte man allerdings mit der Erklärung gerechnet, die der ältere Bruder von Deutschlands Topspieler Alexander Zverev nach der Partie für sein Seuchenjahr lieferte. Der 31-Jährige legte ein bedrückendes und im Leistungssport seltenes Geständnis ab: "Ich habe vielleicht ein leichtes Burn-out-Syndrom gehabt."

Nach der Geburt seines Sohnes sei er "ein bisschen platt gewesen". Er habe lieber zu Hause sein wollen, sich jedoch trotzdem gezwungen gesehen, viele Turniere zu spielen. Hinzu kamen zahlreiche Verletzungen, zuletzt ein Bruch des Handgelenks zu Saisonbeginn.

Ex-Profi Andy Fahlke, einst selbst bei den French Open am Start, arbeitet heute als Trainer und Mentalcoach. Im Gespräch mit dem SPIEGEL erklärt der frühere Bundesligaspieler, wie sich anhaltender Misserfolg auf die Psyche eines Spitzensportlers auswirkt - und wie man der Abwärtsspirale entkommen kann.

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    Andy Fahlke, stand einst unter den besten 200 der Tenniswelt. Er spielte mehrere Jahre in der Bundesliga, im Jahre 2000 trat er bei den French Open an. Seine Erfahrungen als Profi lässt der 39-Jährige heute in seine Arbeit als Mentalcoach und Verhaltenstherapeut einfließen. Er betreibt eine Tennisschule in der Nähe von Offenburg.

SPIEGEL ONLINE: Mischa Zverev hat erklärt, er habe "ein leichtes Burn-out-Syndrom" erlitten. Es ist selten, dass Spitzensportler solche Einblicke gewähren.

Andy Fahlke: Wenn sich mal einer aus der Deckung wagt, sind alle überrascht. Dabei bin ich mir sicher, dass weit mehr Spitzensportler mit psychischen Erkrankungen wie Burn-out oder auch Zwangsstörungen zu kämpfen haben. Die wenigsten äußern sich dazu, wollen keine Schwäche zeigen. Dafür gibt es im Leistungssport häufig immer noch keinen Raum. Dabei finde ich es ein Zeichen von Stärke, sich das einzugestehen. Zverev hat es ja selbst gesagt: Erst wenn man aus sich heraus bereit ist, etwas zu ändern, schafft man die Wende.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man tun, wenn man in ein solches Loch fällt?

Fahlke: Wenn sich eine solche Phase über mehrere Monate zieht und man merkt, es läuft überhaupt nichts mehr zusammen, dann sollte man sich hinterfragen. Profisportler denken ja häufig, sie wüssten alles besser. Sie haben es ja schon weit gebracht, der Erfolg gibt ihnen erst mal Recht. Im Übrigen ist das auch der Grund, weshalb viele Sportler nach ihrer Karriere im "richtigen Leben" scheitern - weil sie denken, ihnen gelingt eh alles.

SPIEGEL ONLINE: Mischa Zverev ist jetzt 31, hat Frau und Kind. Er wolle manchmal lieber zu Hause sein, als Turniere zu spielen, erklärte er.

Fahlke: Da muss man tatsächlich auf sein Herz hören. Und sich fragen: Wieviel Tennis habe ich noch in mir? Brenne ich noch für meine Aufgabe? Will ich das alles noch, das Rumreisen, die täglichen Stunden auf dem Tennisplatz? Ein paar Wochen Auszeit können da helfen. Aber da braucht jeder Sportler etwas anderes, da gibt es kein Patentrezept.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man dann noch drei-, viermal in Serie verliert, macht es das nicht leichter.

Fahlke: Das ist ein Teufelskreis. Es ist hart, wenn du ans andere Ende der Welt reist und schon wieder in der ersten Runde verlierst. Da sitzt du dann in Südkorea und kannst aber nicht nach Hause, weil du in der Woche drauf noch Japan gemeldet hast. Du musst weitertrainieren, während du deinem Gegner, gegen den du vielleicht knapp verloren hast, dabei zusiehst, wie er durchs Turnier marschiert. Da zeigt sich dann, wer das Zeug hat, trotzdem professionell weiterzuarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Auch Alexander Zverev erlebt gerade die erste große Krise seiner noch jungen Karriere. Was würden Sie ihm raten?

Fahlke: Das Umfeld ist wichtig. Bei Alexander Zverev scheint es da gerade sehr viel Unruhe zu geben, das beeinflusst ihn negativ. Spitzensportler brauchen eine Wohlfühlblase, ein eingespieltes Team, in dem jeder genau weiß, was der Sportler braucht, wann man ihn besser in Ruhe lässt und wann man ihn auf Dinge ansprechen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Alexander Zverev hat sich kürzlich von seinem Manager getrennt. Es habe ihn viel Kraft gekostet, plötzlich alles selbst regeln zu müssen, sagte er.

Fahlke: Wenn man seine Pressetermine selbst organisieren muss, kann man sich nicht auf seine Leistung konzentrieren. Das Umfeld muss genau auf den Sportler ausgerichtet sein.

SPIEGEL ONLINE: Ist Tennis als Einzelsport mental besonders anspruchsvoll?

Fahlke: Absolut. Du gewinnst allein, verlierst aber auch allein. Du kannst mit dem Wetter hadern, mit dem Schiedsrichter, mit dem Schläger, mit den Bällen - aber letztlich hast du die alleinige Verantwortung über Erfolg oder Misserfolg. Du spielst drei Stunden und verlierst am Ende wegen zwei Punkten. Das ist brutal, das musst du erst einmal aushalten.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man tun, wenn einen auf dem Platz negative Gedanken überkommen?

Fahlke: Der Spieler muss seine Triggerpunkte kennen. Es läuft vielleicht erst mal gut, aber dann kassiert man ein unnötiges Break und plötzlich droht alles in sich zusammenzufallen. Da hilft ein ritualisierter Ablauf, eine Geste, ein Wort, das einen wieder erdet. Die schlechten Gedanken lähmen dich. Der Arm wird wackelig, die Beine werden fest. Andersherum können dich Gedanken aber auch beflügeln. Man muss positiv bleiben: "Ich geb' mein Bestes, ich mach jetzt weiter, ich renn zu jedem Ball."

SPIEGEL ONLINE: So wie Rafael Nadal? Der wirkt besonders zwanghaft in seinen Ritualen. Sogar seine Trinkflaschen müssen in einer speziellen Weise vor seiner Bank aufgestellt sein. Er spricht häufig über seine Zweifel und beschreibt, wie verunsichert er mitunter ist.

Fahlke: Diese ganzen Abläufe geben ihm Sicherheit, daran kann man sich als Spieler festhalten. Man muss nur aufpassen, dass die Welt um einen herum nicht immer enger wird. Die Komfortzone kann sonst schnell kleiner werden. Alles muss dann stimmen. Irgendwann duscht man dann nur noch in derselben Kabine, geht beim selben Italiener essen, zieht sich die Socken auf eine spezielle Weise an.

SPIEGEL ONLINE: Nick Kyrgios fällt auf dem Platz immer wieder durch Ausraster auf. Alexander Zverev zerstörte in seiner Erstrundenpartie in Paris mal wieder einen Schläger. Ein geeigneter Weg, seiner Anspannung Luft zu machen?

Fahlke: Das hilft vielleicht für einen kurzen Moment. Tatsächlich sehe ich darin einen Ausdruck von Angst und Unsicherheit, der da überspielt werden soll.



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