Missbrauchsprävention in Sportvereinen Umdenken, beraten, umsteuern

Im Sport wächst die Sensibilität beim Thema sexueller Missbrauch von Kindern. Der Deutsche Olympische Sportbund hat Empfehlungen veröffentlicht, wie die Präventionsarbeit gestärkt werden kann. SPIEGEL ONLINE hat Spitzenverbände zu ihren Maßnahmen befragt.

Justizbeamter im Gerichtssaal: Maßnahmen gegen den Missbrauch von Kindern
DPA

Justizbeamter im Gerichtssaal: Maßnahmen gegen den Missbrauch von Kindern

Von Jan Reschke


Nach den Skandalen in der katholischen Kirche und an Schulen wird das Thema sexueller Missbrauch von Kindern auch innerhalb von Sportverbänden immer stärker diskutiert. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wird am 23. April auf Einladung der Bundesregierung an dem Runden Tisch sitzen, der sich mit den Themen Prävention und Aufklärung von sexuellem Missbrauch beschäftigen soll. Mit dabei sind unter anderem auch Vertreter der Kirchen, Bildungseinrichtungen und Kinderschutzverbänden.

Vor wenigen Tagen hat der DOSB ein Positionspapier zum Thema "Sexueller Missbrauch" erarbeitet. Darin werden die Mitgliedsverbände aufgefordert, in ihren Gremien "Maßnahmen zu beschließen, die sexualisierter Gewalt und Missbrauch an Kindern und Jugendlichen vorbeugen".

Handlungsempfehlungen wurden mitgeliefert: So sieht der DOSB unter anderem die von verschiedenen Institutionen und Politikern geforderte Vorlage polizeilicher Führungszeugnisse "als möglichen Teil des Maßnahmenpakets". Eine Idee, durch die allerdings nur bereits verurteilte Pädokriminelle ferngehalten werden könnten.

Eine andere Möglichkeit sei "die Durchführung von Training oder Gruppenstunden mit mindestens zwei Übungsleiter/-innen". In der Praxis dürfte sich das jedoch als schwierig erweisen, haben viele Vereine doch ohnehin schon Probleme, alle Ämter ehrenamtlich zu besetzen.

Einige Sportverbände haben bereits schärfere Vorschriften als die vorgeschlagenen. Dennis Peiler, Pressesprecher der Deutschen Reiterlichen Vereinigung FN, sagte SPIEGEL ONLINE: "Unsere Ausbildungsprüfungsordnung sieht vor, dass zu jedem Ausbildungsgang ein polizeiliches Führungszeugnis vorgelegt werden muss, das nicht älter als sechs Monate ist." Auch beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) wird das Führungszeugnis der Jugendtrainer kontrolliert: "Alle lizenzierten Trainer des DFB haben ein polizeiliches Führungszeugnis vorgelegt", erklärte DFB-Chefredakteur Ralf Köttker SPIEGEL ONLINE.

Maßnahmenkatalog zur Verhinderung von sexuellem Missbrauch

So weit ist man bei anderen Verbänden noch nicht, zum Beispiel beim Deutschen Tennis-Bund (DTB). "Sowohl bei der Gestaltung der Richtlinien für die bundesweite Aus- und Fortbildung von Tennistrainern als auch bei der von uns durchgeführten A-Trainer-Ausbildung denken wir darüber nach, die Eingangsvoraussetzungen zu verschärfen", so DTB-Pressesprecher Oliver Quante zu SPIEGEL ONLINE.

Der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV), Clemens Prokop, erarbeitet derzeit einen Maßnahmenkatalog. "Ziel dabei ist es, zeitnah eine Vertrauensperson im Deutschen Leichtathletik-Verband zu benennen, die künftig Ansprechpartner für diese Thematik sein wird", sagte DLV-Mediendirektor Peter Schmitt SPIEGEL ONLINE. Das Vorlegen eines polizeilichen Führungszeugnisses bei der Einstellung von Übungsleitern "scheint uns nicht ausreichend, da ein polizeiliches Führungszeugnis nur Auskunft über rechtskräftig verurteilte Täter gibt", so Schmitt.

Fast alle Sportverbände scheinen erkannt zu haben, dass akuter Handlungsbedarf besteht. Konkrete Maßahmen sind bislang aber meist noch nicht über das Planungsstadium hinausgekommen. Beim Deutschen Tanzsportverband will das Präsidium "sobald die vom DOSB angekündigten Vorschläge vorliegen, überprüfen, welche Änderungen oder Ergänzungen im Regelwerk sinnvoll sind, um im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen das Selbstbewusstsein unserer jungen Sportlerinnen und Sportler zu stärken", erklärte Pressesprecherin Heidi Estler SPIEGEL ONLINE.

Beim Deutschen Handballbund (DHB) will man sich ebenfalls eng an die Unterlagen des DOSB halten. Der Vizepräsident, Georg Clarke, verantwortlich für die Jugendarbeit, erstellt ein Papier, das in eine Art Ehrenkodex münden soll, der allen Trainern und Übungsleitern zur Unterschrift vorgelegt werden soll. Zudem sollen "zur Prävention alle Unterlagen und Information, die zu diesem Thema von DOSB und der Deutschen Sportjugend verfasst werden, an die Vereine im DHB weitergeleitet werden", so Clarke zu SPIEGEL ONLINE.

"Plakative Aussagen sollten nicht noch mehr verunsichern"

Auch beim Deutschen Turner-Bund (DTB) soll bei der kommenden Präsidiumssitzung die Thematik aufgenommen und Maßnahmen festgelegt werden. "Diese können eine Ausweitung des Ehrenkodex sein und auch die Übernahme von Präventionsinitiativen des DOSB und der Deutschen Sportjugend bedeuten", sagte DTB-Öffentlichkeitsarbeit-Referent Torsten Hartmann SPIEGEL ONLINE. Der Deutsche Schwimm-Verband will das DOSB-Positionspapier ebenfalls bei der nächsten Hauptausschusssitzung mit den Präsidenten der Landesverbände beraten.

Es sind oft noch nicht viel mehr als Absichtserklärungen, die die Verbände in diesen Tagen abgeben. Doch die Problematik wird ernster genommen. Allerdings haben offenbar noch nicht alle die Dringlichkeit der Angelegenheit verstanden. So sagte der Sportdirektor des Deutschen Volleyball-Verbands (DLV), Günter Hamel, auf Anfrage: "Die Fragestellung war in dem jetzt publizierten Ausmaß bisher nicht relevant. Aufgrund der aktuellen öffentlichen Diskussion muss sich der Vorstand des DVV diesem Thema widmen. Plakative oder populistische Aussagen sollten die Eltern Volleyball spielender Kinder und die Kinder selbst nicht noch mehr verunsichern."

Sicherer werden sie sich durch solche Aussagen auch nicht fühlen.

Mit Material von dpa



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Walter Sobchak 12.04.2010
1.
Du meinte Guete! Im Sport auch? Wir sind alle verloren! Vielleicht ein Stopp-Schild vor alle Sportvereine? Das waere doch die einfachste Loesung. Wahrscheinlich wird das jetzt auch als Entschuldigung fuer den weiteren Abbau von Freizeitbeschaeftigungs-Moeglichkeiten fuer Jugendliche herhalten muessen: Wo kein Sportverein da kein Missbrauch. Herr wirf Hirn vom Himmel!
Miesling 13.04.2010
2. und die Ehrenamtlichen?
Der Sport, gerade in den kleineren Vereinen lebt ausschließlich durch die Hilfe und Aktivitäten der ehrenamtlichem Mitarbeiter. Wie verhält man sich hier. Ein pol. Führungszeugnis, wie es ja auch schon fast bei jeder Einstellung verlangt wird, ist für hauptamtliche Sportübungsleiter durchaus opportun. Ebenfalls für Betreuer, die bei Sportfreizeiten, also alles mit mindestens einer Übernachtung, sollte der Verein ein Führungszeugnis verlangen können. Aber was ist mit den tausenden ehrenamtlichen Mitarbeitern, Helfern, Betreuern, die in der Woche höchsten 1-2 mal in der Halle stehen und Kinder beaufsichtigen???? Nach langer, intensiver und kontroverser Diskussion, haben wir bei uns im Verein darauf verzichtet, von diesen Helfern ein Führungszeugnis zu verlangen. Gründe dafür waren folgende: Das polizeiliche Führungszeugnis ist nur eine Momentaufnahme. Nach Beantragung braucht es ca. 2 Wochen bis zur Ausstellung, so dass alles was nach dem Termin der Beantragung bis zur erneuten Beantragung passiert, nicht erfasst werden kann. Wie verhält sich der Verein, wenn der ehrenamtliche Helfer einfach kein Führungszeugnis beantragen möchte. Na klar, dieser Mensch kann für den Verein nicht mehr tätig werden. Mag bei 1-2 Helfern ja noch gut gehen, aber mit 10 ehrenamtlichen Helfern weniger, hat zumindest unser Verein ein riesen Problem die Trainingszeiten geeignet zu besetzen. Wir hoffen nun, dass Aufklärung und die bitte an alle Obacht zu haben, ein angemessenes Mittel ist. Dazu wird es in unserer Vereinszeitung eine Bericht geben, auch mit dem Hinweis, wie man sich in Verdachtsfällen zu verhalten hat. Für weitere Ideen und Vorschläge bin ich immer dankbar, In der Hoffnung, das wir als Verein nie einen Missbrauchsfall haben werden Miesling
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