Ehemaliger Tennisstar Was macht eigentlich Monica Seles?

Mit 17 war sie die Nummer eins der Tenniswelt und stellte auch Steffi Graf in den Schatten. Dann wurde Monica Seles Opfer einer Messerattacke - und das Leben war ein anderes. Wie geht es ihr heute?

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Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Maya hat gleich mehrere Probleme. Ihr Freund hat sie betrogen. Ihre Rivalin spinnt Intrigen. Und gerade jetzt muss sie voll da sein. Ein Modeljob und ein sehr wichtiges Tennismatch warten auf den Teenager. Wie soll sie das alles schaffen?

Maya gibt es nicht wirklich. Monica Seles hat die Heranwachsende und ihre Herausforderungen erfunden. Die frühere Tennisspielerin veröffentlichte bis 2014 zwei Bücher über Maya. Es geht um junge Talente in einer Elitesportschule, Seles hat die Reihe selbst "The Academy" getauft. Die Jugendbuch-Serie ist ihre Art der Verarbeitung eines Athletenlebens, das damals, Anfang der Neunzigerjahre neu war - und für manche bis heute abschreckend.

Auch Seles weiß manchmal nicht, wie sie das alles geschafft hat. Über das Schreiben hat sie einen Zugang gefunden. Schon zu ihrer aktiven Zeit saß sie vor Matches in der Kabine und dachte sich Geschichten aus. "Damals konnte ich es niemandem zeigen." Das hat sich verändert. Nun ist auch die Öffentlichkeit Teil der Verarbeitung. "Ich hätte in meiner Academy gerne genauso viel Spaß gehabt", sagte Seles "USA Today". "Aber so kann ich das alles wenigstens auf diesem Weg noch einmal durchleben."

Monica Seles, geboren im heutigen Serbien, kam mit 13 ohne Eltern an die berühmte Tennis-Academy von Nick Bollettieri in Florida. Sie kannte rund 30 englische Wörter, doch wie genau gezählt wird im Tennis, das soll sie damals tatsächlich nicht gewusst haben. Mit 14 spielte sie ihr erstes Profiturnier. Mit 16 gewann sie ihren ersten Grand-Slam-Titel. Mit 17 war sie die Nummer eins.

Seles war noch ein Teenager, da hatte sie, zwischen 1991 und 1993, sieben von neun Grand Slams gewonnen. Die "New York Times" nannte die 19-Jährige, die Vorhand und Rückhand beidhändig prügelte, eine "psychologische Gewalt". Und Steffi Graf, die langjährige Rivalin, die Seles in dieser Zeit so oft in einem großen Finale bezwang, sagte auf die Frage nach dem Warum: "Es ist ihre Hingabe und ihr unglaubliches Selbstbewusstsein."

Die Hingabe führte zu entbehrungsreichen Jahren unter Trainer Nick Bollettieri. Der Exzentriker hatte kurz zuvor Andre Agassi an die Weltspitze geführt, nun sollte ihm dieses Mädchen aus Südosteuropa nachfolgen. Das Mädchen, das jeden Ball spielte, als wäre es der letzte, hatte Bollettieri überzeugt: "Sie war ein Workaholic, sie arbeitete wie verrückt." Drei seiner sieben Ehen hätte ihn Seles mit ihrem Ehrgeiz gekostet. Seles sagt heute: "Ich hätte gerne früher gewusst, dass man auch mit 28 noch großes Tennis spielen kann. Es muss nicht 19 sein. Ich würde jetzt später einsteigen."

"Du weißt nie, was dein Gegner ist"

Doch wie hätte sie das begreifen sollen, damals, als die anderen Kinder von ihren wohlhabenden Eltern in die Academy geschickt wurden. Seles hatte ein Stipendium, sie war die, die besser spielte als alle anderen. Die anderen, "sie hatten alles". Seles hatte nur den Sport. Wie soll sie das alles schaffen? Diese Frage beantwortete sie mit: Tunnelblick.

Wenn Seles über Maya schrieb, gab sie ihr mehr: Freunde, Liebe, weitere Leidenschaften. "Ich hatte so ein Sozialleben nicht", sagt sie.

Die Buchreihe "The Academy Series", die trotz angekündigtem dritten Teil bislang nur zwei Teile umfasst, wird beworben mit dem Spruch: "Du weißt nie, was dein Gegner ist." Seles' erster großer Gegner war Steffi Graf. Es war bis heute die wohl letzte richtige Rivalität im Frauentennis. Zwischen 1991 und 1993, als Seles bei der Australian Open ihren achten Grand-Slam-Titel in nicht einmal drei Jahren feierte, war sie der Deutschen sportlich überlegen. Sie war nicht so beliebt wie die elegante Deutsche, ihr kraftvolles Spiel und das berühmte Seles-Stöhnen während der Ballwechsel waren Markenzeichen. Bewundert wurde es weniger.

Ihr zweiter großer Gegner war dann ein mehr als verwirrter Fan, ausgerechnet einer, der Steffi Graf bewunderte. Diesmal verlor sie. Im Frühjahr 1993 stach er ihr in Hamburg bei einem Seitenwechsel von hinten ein Messer in den Rücken. Sie hatte Glück, der Körper heilte schnell. Der Mensch Seles erholt sich jedoch heute noch. Für sie gibt es ein Leben vor diesem Tag im April. Und eines danach.

Als das Turnier trotz des Attentats weiterlief und Steffi Graf nur kurz vor dem Finale für zwei Minuten im Krankenhaus vorbeischaute, da reifte in ihr endgültig die Erkenntnis: "Es geht wirklich nur ums Geldverdienen." So schreibt sie es in ihrer Autobiografie "Getting a Grip" ("Halt bekommen" oder "sich zusammenreißen"), die 2009 erschien. Dort heißt es auch: "Im Bruchteil einer Sekunde wurde meine Persönlichkeit nachhaltig verändert."

Sie trainierte wie verrückt - und aß danach wie verrückt

Seles gewann nach einer zweijährigen Pause noch mehr als 20 Turniere, darunter ein letztes Mal ein Grand-Slam-Turnier, 1996 die Australien Open. Doch viel mehr als mit den Kolleginnen hatte sie mit Essstörungen zu kämpfen, vor allem nach dem Tod ihres Vaters Karoly 1998. Der Fokus war verrutscht, der Tunnelblick des heranwachsenden Profis unscharf, die Unschuld verloren. Sie aß und aß, hatte schnell 15 Kilo Übergewicht.

Die Tennisfans machten sich lustig und wenn sie bei Freunden eingeladen war, aß sie die normale Menge, ging dann nach Hause oder ins Hotel - und stopfte Junkfood in sich hinein. "Ich war außer Kontrolle." Sie trainierte wie verrückt - und aß danach wie verrückt. Heute nennt sie die Essstörung ihren härtesten Gegner. Und den Sieg über die Krankheit den größten ihrer Karriere.

Ihre Autobiografie handelt vor allem von diesem Kampf. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Seles' heutiges Wirken fast immer mit der Vergangenheit zu tun hat, ist ihr Engagement, die Esskrankheit ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. "Es hat Zeit gebraucht, bis ich darüber sprechen konnte", verriet sie dem "People"-Magazin. "Deswegen will ich jetzt darauf aufmerksam machen, dass exzessives Essen eine Krankheit ist."

Eine Pharmafirma bezahlte sie 2015 als Sprecherin, sie trat in unzähligen Talkshows auf und erzählte, wie sie abseits der Zivilisation in Costa Rica in der Ruhe vom Tenniszirkus die Lust auf Obst wiedergewann. Seles wirkte dabei nicht wie jemand, der jemals an Übergewicht litt. Die inzwischen 43-Jährige erscheint komplett austrainiert. Den geringen Körperfettanteil der heutigen Spitzenspieler nennt sie bewundernd "unfassbar".

Was wurde eigentlich aus...
    Außerdem in dieser Serie erschienen: Nokia, Hamburgs Ex-Bürgermeister Ole von Beust, Talkshowmoderatorin Arabella Kiesbauer, Ehec, Steinkohlebergbau, Radstar Jan Ullrich, Ägyptens Ex-Diktator Hosni Mubarak, Aids, Deutschlandstipendium, Transrapid, Dioxin, Prokon, Chatportal Knuddels, "Costa Concordia" und viele mehr.
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Seles hat inzwischen viel Zeit für sich selbst, fürs Schreiben und für ihre Hunde. 2003 spielte sie ihr letztes Profi-Match, 2008 zog sie sich mit Problemen am Fußknochen offiziell zurück. Sie lebt in Tampa Bay, Florida, mit ihrem Mann, dem schwerreichen Unternehmer Tom Golisano, den sie 2014 heiratete. Der 75-Jährige ist der zweite Milliardär an Seles' Seite, der erste war Microsoft-Mitbegründer Paul Allen in den Neunzigerjahren.

Sie verlässt Florida nur noch selten, "ich will nicht mehr reisen, ich bin so viel gereist". Anfang des Jahres war sie bei der Australian Open, im Sommer besuchte Seles, die seit 2007 neben der serbischen und US-amerikanischen aufgrund der Abstammung ihrer Eltern auch die ungarische Staatsbürgerschaft besitzt, das Tennisturnier in Budapest und schlug als Tennisbotschafterin ein paar Bälle mit Talenten.

Nach Deutschland kommt sie regelmäßiger, ihre beste Freundin wohnt in München. "Nur spielen wollte ich nie wieder dort." Das Attentat von 1993 beeinflusst ihr Leben bis heute. "Hätte ich mir gewünscht, dass es nie passiert ist? Natürlich", erzählte sie kürzlich "Fairfax Media". "Aber ich habe viel Schönes erlebt und immer noch eine gesunde Beziehung zum Tennissport. Es ist ein großer Teil. Aber eben nicht das Leben."



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
lancerfoto 04.10.2017
1. Schöne Serie...
und was macht Seles jetzt?
runningstar 04.10.2017
2. Sie ist das beste Beispiel dafür,
wie wichtig die Psyche ist. Nach dem Anschlag hatte sie ihr technisches Können nicht verloren. Aber die Psyche war sehr lange angeschlagen. Ok, hier in dem Artikel wird noch erwähnt, dass sie zu diesem Zeitpunkt für sich erkannt hat, dass es nur um Geld gehe. Was ich aber eigentlich sagen wollte, ist, wenn man eine rausragende Psyche hat, wird man auch im Sport vieles ausgleichen können. Vielleicht sollte sich Kerber die Geschichte von Seles nochmal genau anschauen. Ich glaube nicht, dass es ihr an Technik fehlt. Aber aus irgendeinem Grunde ist eventuell ihre Psyche angeknackst.
DieHappy 04.10.2017
3.
Zitat von lancerfotound was macht Seles jetzt?
Vielleicht einfach mal den Artikel samt Fotos lesen?!
jupiter_jones 04.10.2017
4. Eine herausragende persoenlichkeit
Ich weiss noch dass sie steffis gefaehrlichste gegenspielerin war. Damit hatte sie den tenniszirkus nocheinmal richtig spannend gemacht. Schade dass es dann zum "messer" zwischenfall kam. Wehrmutstropfen ist vielleicht, dass sie bis dahin fast alles erreicht hatte. Aus meiner sicht war es fuer mich unverstaendlich, warum steffi das turnier weiter gefochten hatte. Sie kam ja noch bis zum finale - damit hatte der attentaeter ja ein wenig das erreicht was er wollte. Aber diese entscheidung hatte steffi sicherlich nicht alleine gefaellt.
Erkläromat 04.10.2017
5. Sie hat in Sidney 2000 die Bronzemedaille (nicht Silber) gewonnen....
...wie man auf dem Foto auch eindeutig sehen kann. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
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