"The Greatest" Eine Begegnung mit Muhammad Ali

In seiner aktiven Zeit war Muhammad Ali eine Legende. Später, gezeichnet von der Krankheit, wurde er zur Persönlichkeit. Erinnerung an einen seiner letzten großen Auftritte.

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Angespannte Stille, nervöse Blicke, überall gezückte Handys, Fotoapparate und Videokameras. Wann ist er endlich da? Wie sieht er wohl aus? Wie sehr hat ihm die Krankheit zugesetzt?

Die knapp 2000 Menschen, die am 3. Dezember 2012 im Grand Oasis Hotel im mexikanischen Cancun den legendären Muhammad Ali erwarten, sind nicht etwa durchschnittliche Sportinteressierte oder gewöhnliche Autogrammjäger. Zur 50. Convention des World Boxing Council (WBC), des mitgliederstärksten Boxverbands der Welt, haben sich Sportfunktionäre aus mehr als 100 Ländern im feierlich geschmückten Ballsaal versammelt.

Präsidenten und Abgeordnete nationaler Verbände sitzen neben Ring- und Punktrichtern, Promotern, Managern, Trainern sowie aktiven und ehemaligen Boxerinnen und Boxern. Einige von ihnen wie die Mexikaner Julio César Chávez und Sergio Martínez gelten selber als lebende Box-Legenden. Obwohl all diese Menschen das Gefühl kennen, im Mittelpunkt zu stehen, und aufgrund ihrer Lebenserfahrung und Position eigentlich ein Mindestmaß an Gelassenheit und Souveränität ausstrahlen sollten, mutieren sie in diesem Moment zu hysterischen Fans.

Am nächsten Tag werden sie über Stunden in Hunderte Meter langen Schlangen ausharren, nur um ein Gruppenfoto mit ihrem Star zu erhaschen. So eine Wirkung erzielt nur einer - und jetzt ist er da!

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Muhammad Ali: Großmaul, Kämpfer, Champion

Ali kommt von links auf die Bühne, und er kann - gestützt von seiner Frau Lonnie - selber die paar Schritte zu dem Thron gehen, den sie ihm gebaut haben. Tosender Beifall begrüßt den Mann, der sich einst selbst zum "Größten" ernannt hatte und dem seit Jahrzehnten niemand mehr in seiner Einschätzung widersprach. Um das Jubiläum seines Verbands gebührend zu feiern, hatte WBC-Präsident Jose Sulaiman die bedeutendste Ikone einfliegen lassen, die die Sportwelt zu bieten hat - und damit voll ins Schwarze getroffen.

Vom verfluchten Morbus Parkinson ist der Olympiasieger und dreimalige Weltmeister im Schwergewicht so gezeichnet, dass er kaum aufrecht stehen und nicht mehr sprechen kann. Nicht mal zu Mimik reicht es noch. Nur die Augen bewegen sich, als Vitali Klitschko, einer seiner vielen Nachfolger, ihn mit einer goldenen Krone zum "King Of Boxing" kürt. Der Saal steht Kopf. Die sonst so seriösen Delegierten sind längst vollkommen enthemmt. Es ertönen "Ali, Ali"-Sprechchöre wie 1974 von den rund 100.000 Zuschauern im Stadion von Kinshasa. Nur das "boma ye!" ("Töte ihn!") fehlt. George Foreman ist nicht in der Nähe.

Der Moment ergreift Besitz von mir, bevor ich mir darüber klarwerden kann, warum. Nur weil ich einen einzigartigen Menschen "aus der Nähe" erlebe? Könnte sein, wenn man 50 Meter Abstand zur Bühne denn wirklich so nennen will. Gänsehaut, die Ausschüttung von Glückshormonen und mein eigenes Mitgrölen erwischen mich unvorbereitet. Sonst gebe ich mich gerne distanziert und rational, wenn sich andere von derartigen Gefühlen übermannen lassen. Heute nicht. Immerhin schaffe ich es, die Videokamera einigermaßen ruhig zu halten.

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Muhammad Ali: Schmetterling, Biene, Dschungelkämpfer

So groß der Augenblick ist, so seltsam falsch fühlt er sich an. Wir feiern einen Mann, der sich neben seiner gesellschaftspolitischen Bedeutung und seinem sozialen Engagement vor allem durch feinsinnigen Sprachwitz und außergewöhnliches Bewegungstalent den Titel des "Sportler des Jahrhunderts" verdient hat. Und nun steht eben dieser Mann vor uns, dem die Krankheit das genommen hat, was ihn einst so einzigartig machte. Unfähig, seine Gegner (oder uns Zuschauer) mit spöttischen Reimen zu verhöhnen, nicht mehr in der Lage, zu schweben wie ein Schmetterling, geschweige denn zu stechen wie eine Biene, bejubeln wir die Erinnerung an das, was Ali einmal war.

Natürlich sind die stehenden Ovationen und die Sprechchöre gerade angesichts des so offensichtlichen und offensichtlich grausamen Verfalls respektvoll und aufmunternd gemeint. Natürlich wollen wir dem Idol ganzer Generationen unsere Wertschätzung zeigen und beweisen, dass die Welt ihn nicht vergessen hat und nie vergessen wird. Aber kommt diese Botschaft beim Adressaten an? Und wie muss sich ein Mann fühlen, der immer von der eigenen Inszenierung lebte und dem der eigene Körper derart zum Gefängnis geworden ist, dass er sich nicht mehr inszenieren kann?

Lonnie Ali betont auf der Bühne, dass ihr Mann es zwar nicht zeigen oder äußern könne, dass er das Scheinwerferlicht und den Trubel um seine Person aber immer noch genauso liebe wie zu seiner Glanzzeit. Ich will ihr glauben, weil ich mich an die vielen ikonischen Ali-Bilder und -Videos erinnere, in denen er viel Spaß zu haben scheint. Ich will ihr glauben, weil ich hoffe, dass die Krankheit nur die Hülle, aber nicht den Kern des Menschen angegriffen hat, den wir zu kennen glauben, weil er sein Leben lang in der Öffentlichkeit stand. Und ich will ihr glauben, um mich selber nicht schuldig zu fühlen ob meiner Begeisterung für diese bizarre, irgendwie auch unwürdige Szene.

Am 3. Juni 2016 hat der "Größte" seinen letzten Kampf verloren, die Welt verneigt sich. Und obwohl ich mir nach wie vor nicht sicher bin, wie ich meine "Begegnung" mit dem "King Of Boxing" einordnen soll, bin ich froh, ihn live erlebt zu haben. Nicht wegen des Moments, sondern wegen der besonderen Persönlichkeit, der weder Krankheit noch Tod etwas anhaben können.

Der Größte - Muhammad Ali im Video:

REUTERS
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