Zum Tode Muhammad Alis Der Größte

Muhammad Ali ist tot - mit ihm ist die wohl bedeutendste Persönlichkeit der Sportgeschichte gestorben. Er war Champion, Politiker und Entertainer zugleich. Keiner hat den Titel "Sportler des Jahrhunderts" so verdient wie er.

AP

Von


Als er seinen größten Kampf ablieferte, war ich acht Jahre alt. Vom Sport wusste ich noch nicht viel, ich mochte Günter Netzer, der sein Haar gerade für Real Madrid wehen ließ, und ich kannte ihn: Muhammad Ali, den mein Vater aber immer Cassius Clay nannte. Für Cassius Clay hatten meine Eltern den Wecker gestellt, sie waren teils mitten in der Nacht aufgestanden, um ihn im Fernsehen boxen zu sehen. Gegen Joe Frazier, beim "Kampf des Jahrhunderts", gegen Ken Norton, diesen wilden Schläger.

Doch all das war nichts im Vergleich zu seinem größten Fight. Der Kampf Muhammad Alis gegen den damals amtierenden Schwergewichtschampion Foreman in Kinshasa, der "Rumble in the Jungle" vom 30. Oktober 1974 - er ist das Sportereignis des vergangenen Jahrhunderts. Es gab wahrscheinlich bessere Boxkämpfe - zum Beispiel das zweite Duell Fraziers gegen Ali im Januar 1974 oder Norton gegen Larry Holmes im Juni 1978. Aber niemals gab es einen mythischeren Fight, ein Ereignis, das noch während es passierte, zur Legende wurde.

Ali war zu diesem Zeitpunkt schon 32 Jahre alt. Ein Mann im Herbst seiner Karriere, selbst wenn er der bis dahin größte Boxer aller Zeiten gewesen sein mag. In diese 32 Jahre hatte Ali bereits genug hineingepackt, um Stoff für Filme, Bücher, Hymnen, für Bewunderung, Hass und Liebe abzugeben. Da war sein kometenhafter Aufstieg in den Sechzigerjahren, sein berühmter "Phantom Punch", mit dem er den vorherigen Champion Sonny Liston im Rückkampf auf die Bretter schickte.

Amerika steckte ihn ins Gefängnis

Und da war seine Mitgliedschaft in der radikalen "Nation of Islam", sein Kampf gegen die Rassendiskriminierung in den USA, sein Widerstand gegen den Vietnamkrieg, verbunden mit der Weigerung, den Wehrdienst zu leisten. Die Amerikaner verurteilten ihren größten Sportler dafür zu einer Gefängnisstrafe und einer Geldbuße. Die New York State Boxing Commission nahm ihm den WM-Titel ab. Gegen Kaution blieb Ali immerhin frei.

Dreieinhalb Jahre später kehrte er zurück in den Ring, er forderte schließlich den neuen Box-Superstar Frazier und verlor nach 15 mitreißenden Runden im Madison Square Garden. Er verlangte Revanche, bekam sie und siegte - und erwarb sich so das Recht, den amtierenden Weltmeister Foreman herauszufordern.

So kam es an diesem 30. Oktober 1974 zum Duell der Giganten - und niemand, der zugeschaut hat, wird je vergessen, was sich dort abspielte. Ali ließ sich mehrere Runden lang scheinbar macht- und hilflos in die Seile treiben, bis sich Foreman mit seinen wüsten Attacken ausgetobt hatte. Als der Champion müde war, schickte ihn Ali Ende der achten Runde zu Boden. Links, rechts, dann neunmal an den Kopf. Dazu schrieen Zehntausende Afrikaner Alis Schlachtruf "Ali, Bomaye". Ali, töte ihn.

Video: Muhammad Ali - "I am the greatest"

Ali führt den Boxsport auf einen Höhepunkt

"Ali, Bomaye" - diesen Ruf habe ich heute noch in den Ohren, weil mein Vater immer wieder davon erzählte. Er war beim Wunder von Bern 1954 als Zuschauer im Berner Wankdorf-Stadion live dabei gewesen, als Fritz Walter und Co. die übermächtigen Ungarn bezwangen, aber nichts hatte ihn je mehr beeindruckt als dieser Abend, an dem sich jener 32-Jährige aus Louisville, Kentucky, den WM-Titel zurückholte, der ihm und nur ihm gebührte.

Wie lächerlich wirken dagegen all die heutigen Rummel-Box-Events, jämmerliche Schauveranstaltungen für das neureiche Publikum und Pseudo-Prominenz. Nach Ali konnte Boxsport nie wieder so sein wie vorher.

Denn Ali war niemals nur ein Sportler. Er war jemand, der Kulturschaffende ebenso in seinen Bann zog wie Politiker. Er hat Filmemacher inspiriert, Bürgerrechtler fasziniert. Ali war ein Idol der schwarzen Bevölkerung in den USA, für sie ist er mindestens so wichtig gewesen wie Martin Luther King.

Auch war er ein Meister dessen, was man später Marketing nennen sollte. Seine Sprüche sind in den gängigen Sprachgebrauch übergegangen. "Float like a Butterfly, sting like a bee" - Schwebe wie ein Schmetterling, stich zu wie eine Biene, so sah er sich im Boxring. Er tänzelte während seiner Kämpfe den "Ali Shuffle", sein Spiel mit den Ringseilen machte er als "Rope-a-Dope" berühmt.

Als Großmaul wurde er verkannt, weil er Sprüche und Provokation von Beginn an als psychologisches Kampfmittel gegen seine Rivalen einsetzte. Er verkündete: "I am the Greatest" und hatte damit noch untertrieben. Als er Liston 1965 k.o. geschlagen hatte, schickte er ihm das legendäre "Get up, you bum" (Steh auf, du Penner) hinterher und brüllte sein "I am the King of the World" hinaus in die Mikrofone.

Auch die Krankheit mit Würde getragen

Später habe ich ihn als Gast der Rudi-Carrell-Show "Am laufenden Band" gesehen, Ali hat die Kirmes-Veranstaltung gegen den Ringer Inoki in Japan mitgemacht, er machte Werbung für einen Schlummertrunk. Alles egal. Selbst seine letzten Kämpfe gegen Larry Holmes und Trevor Berbick, bei denen man nur noch Mitleid mit dem einstigen Super-Boxer, haben konnte, haben seinen Ruf nicht beschädigen können.

Ali hat immer seine Würde behalten. So hat er seine schwere Parkinson-Krankheit getragen, die ihn jahrelang zu einem annähernd hilflosen Menschen gemacht hat. 1996 hat er zur Eröffnung der Sommerspiele von Atlanta das Olympische Feuer entzündet, gezeichnet von seiner Krankheit. Es war eine zutiefst anrührende Szene.

Das Internationale Olympische Komitee hat Muhammad Ali zum "Sportler des Jahrhunderts" gekürt. Und ich wüsste niemanden, der diese Ehrung nur im Ansatz so verdient hätte wie er. Kein Pele, kein Diego Maradona, kein Boris Becker, nein, der nun wirklich nicht. Ali hat sie alle überragt, als einzigartiger Sportler, als außergewöhnlicher Entertainer, als politisch hellwacher Mensch.

Rumble in the Jungle - heute mögen viele Menschen mit dem Schlagwort "Kampf im Dschungel" zuallererst RTL assoziieren. Doch für eine ganze Generation war dieses Ereignis ein Schlüsselerlebnis.

Muhammad Ali ist am Freitag im Alter von 74 Jahren gestorben. He was the Greatest.

Mehr zum Thema


insgesamt 235 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dieter 4711 04.06.2016
1. Ali war der Größte
Liebe Redaktion, das sehe ich genauso.
doubletrouble2 04.06.2016
2. Die Jahrhundert-Persönlichkeit.
Ohne diesen Boxer wäre " Nigger " ein Vorname und Obama nicht Präsident. Baut ihm einen Tempel.
hansriedl 04.06.2016
3. Ali ist Legende
Ali war eine Lichtgestalt in der Boxwelt. Bei ihm lohnte es sich, um vier Uhr früh aufzustehen Einer der ganz Großen Muhamed Ali, was für eine Persönlichkeit. Vielen Dank auch für diese klare Haltung gegen den Vietnamkrieg wird Ali von seiner weltweiten Anhängerschar geliebt und verehrt. Und umso größer der Jubel und die Genugtuung, als er sich seinen - vom weißen Establishment geraubten - Titel von Foreman zurückholte. In der Tat: Was für eine Persönlichkeit Muhammed Ali, das war ästhetisches Boxen vom Feinsten, dagegen sind die heutigen Boxer wie Klitschko etc. plumpe Langweiler. R.I.P. Ali, du warst und wirst immer der größte Boxer aller Zeiten bleiben.
weltenwanderer 04.06.2016
4. Für immer der Größte
Danke für diesen schönen Nachruf. Die Nachrichts von Muhammads Tod hat mich heute früh kalt erwischt. Dieser Mann war eine riesige Inspiration und ein Vorbild. Man sollte, fairer weise und mit Hinblick auf seine Frauen, festhalten: Er war sicher auch kein Heiliger und hatte seine Fehler. Aber: Er hatte Haltung....mehr als die meisten von uns. Das lässt sich nicht schöner zusammenfassen, als Ali's Gedicht bei einer Universitätsveranstaltung: "Me! - We!" Danke Muhammad Ali!
gbaboyseb 04.06.2016
5. R.i.p.
G.O.A.T.!!!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.