Joshuas Sieg über Klitschko Besser wird es nicht

Die elf Runden von Wembley waren ein echtes Highlight. Während aber Klitschko vielleicht schon seinen letzten großen Kampf ablieferte, kann Joshua sich seinen nächsten Gegner aussuchen. Optionen gibt es genug.

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Aus London berichtet


Bei Schlägen, die jedem Normalsterblichen das Genick brechen würden und selbst die austrainierten Wladimir Klitschko und Anthony Joshua ins Wanken brachten, mag es komisch klingen, aber die beiden Schwergewichtler taten füreinander das Beste. Schlag für Schlag. Mit jeder krachenden Kombination, die am Körper oder Kopf des Gegners landete, halfen sich die beiden Kontrahenten in den elf Runden von Wembley, polierten mit ihren Handschuhen den Ruf des anderen auf.

Für Joshua war der Triumph über den bisherigen Superstar der Sprung nach ganz oben, für Klitschko war der Fight trotz Technischem K.o. der ruhmreichste Moment seit vielen Jahren. Ein Höhepunkt für beide, kurz nach Beginn der Karriere für den 27 Jahre alten Briten, kurz vor Ende der Karriere für den 41 Jahre alten Ukrainer. Und das war die traurige Nachricht an dem Samstagabend für alle Boxfans: Besser als diese elf Runden wird es so schnell nicht mehr werden.

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Joshuas Sieg gegen Klitschko: Titel verteidigt - und wie!

Er denke in diesem Moment nicht über ein Karriereende nach, wiederholte Klitschko zwar nach der Niederlage mehrfach, sondern wolle erst einmal analysieren, woran es gelegen habe. Da könnte aber schon ein Blick in den Kalender weiterhelfen: So besessen der Langzeit-Dominator auch trainiert, die Uhr kann selbst Wladimir Klitschko nicht anhalten. Es waren nur Nuancen, doch merkte man im Kampf, dass er, obwohl leichter als sein Gegenüber, schneller müde wurde als Joshua und nach Treffern länger brauchte, um sich zu erholen. Klitschko wird nicht mehr besser werden.

Aus seinem letzten Kampf gegen Tyson Fury hatte Klitschko noch Lehren ziehen können, damals hatte er sich taktisch vertan und vom Box-Clown durcheinanderbringen lassen. Das hatte Klitschko an der Ehre gepackt. "Ich wusste, dass ich gegen einen Klitschko kämpfen werde, der besser ist als je zuvor", sagte Joshua, der im Vorfeld den Zenit des Besiegten um das Jahr 2005 verortet hatte.

Joshua (l.) und Klitschko im Ring
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Joshua (l.) und Klitschko im Ring

Seinen Körper konnte Klitschko seitdem erstaunlich gut konservieren, reifte als Boxer weiter. "Es gibt viele hervorragende Schwergewichtskämpfer", sagte Joshua: "Aber keiner hat die Erfahrung von Wladimir Klitschko. Für mich ist das heute das Wichtigste: die Erfahrungen, die ich sammeln konnte. Das ist für meine Karriere wichtiger als Gürtel."

"Wir sind jetzt in Phase zwei"

Das Besondere an diesen Sätzen war, dass man sie Joshua tatsächlich abnahm. Für ihn war die Titelverteidigung nur ein weiterer Schritt am Anfang einer akribisch geplanten Karriere. "Wir sind jetzt in Phase zwei", sagte sein Promoter, Eddie Hearn, der im tiefblauen Dreiteiler neben Joshua auf dem Podium saß. "Phase eins war der WM-Titel, jetzt geht es weiter." Konkreter mochte Hearn nicht werden, aber man kann davon ausgehen, dass es schon sehr genaue Pläne gibt.

Der eloquente 37-Jährige führt die Arbeit seines Vaters Barry fort, der seit Jahrzehnten neben dem Boxen sein Geld mit Snooker-, Golf- und Darts-Veranstaltungen macht. Eddie Hearn konzentriert sich aufs Boxen, und da besonders auf sein Juwel Joshua. Der Abend brachte Hearn nach eigener Aussage schon Rekordeinnahmen durch Pay-per-view-Verkäufe. Auch Joshua hat große Ziele, der Boxer hat angekündigt, der erste Box-Milliardär werden zu wollen. Um sich umfassend zu vermarkten, soll Joshua bereits sieben Firmen gegründet haben.

Ein Rückkampf mit Klitschko, der vertraglich möglich ist, würde Joshua nicht allzu viel bringen. Hätte er am Samstag einen Klitschko wie aus dessen Kampf gegen Fury besiegt, hätte es weiter viele Zweifel an seiner Klasse gegeben. Dass es auch bei diesem umjubelten Spektakel noch boxerische Mängel gab, dass Joshua zwar stark boxte, aber nicht dominant, und seine Schläge bei aller Power etwas Geschwindigkeit vermissen ließen, fiel nicht so sehr ins Gewicht. Das Publikum freute sich über den Schlagabtausch.

Auch Tyson Fury ist ein Thema - für Joshua und Klitschko

Joshua kann sich jetzt seine Gegner aussuchen. Joseph Parker, Tony Bellew oder gar David Haye wären sportlich ein Rückschritt, brächten ihm aber jeweils Millionen ein. Sollte Oleksandr Usyk beschließen, ein paar Kilogramm draufzupacken und aus dem Cruisergewicht aufzusteigen, könnte er Joshua mit seiner Geschwindigkeit Probleme bereiten. Das größte Spektakel wäre aber ein Showdown mit dem US-amerikanischen WBC-Champion Deontay Wilder. Der hat eine ähnlich beeindruckende K.-o.-Bilanz wie Joshua (38 Kämpfe, 38 Siege, 37 durch K.o.), ist noch drei Zentimeter größer als der Brite und könnte ihm durchaus gefährlich werden. So gefährlich, dass er vermutlich nicht gleich als nächster Gegner in Frage kommt.

Und dann ist da ja noch Tyson Fury. Klitschko mochte über seinen Bezwinger aus dem Winter 2015 nicht reden, "das macht keinen Sinn, er ist nicht in der mentalen Verfassung zu boxen", sagte er nur. Doch man merkt, dass diese Niederlage noch immer an ihm nagt. Sollte Fury tatsächlich ein seriöses Comeback in Angriff nehmen, kann man einen Kampf zwischen Klitschko und dem "Gypsy King" deshalb nicht völlig ausschließen.

Anthony Joshua rief noch im Ring stehend in die Kamera: "Tyson Fury, wo bist du, Baby? Komm schon!" Dann wandte er sich an die Fans im Stadion und fragte: "Ist es das, was ihr sehen wollt?" Zurück kam begeistertes Gebrüll. Auch die Antwort von Fury ließ nicht lange auf sich warten. Er twitterte: "Bei dir ging es gegen Klitschko um Leben und Tod. Ich hab mit dem Typen gespielt, let's dance!"



insgesamt 7 Beiträge
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hajueberlin 30.04.2017
1. Ich habe mal
den Spruch: " Wenn zwei Kämpfer auf dem gleichen Niveau sind, wird IMMER der jüngere gewinnen.", gelesen. Scheint hier wohl der Fall zu sein. Deshalb wäre es vielleicht besser, wenn Herr Klitschko keinen Rückkampf macht. Größe zeigt sich insbesondere darin, daß man anerkennt, wenn Andere besser sind. Das heißt ja nicht, das Herr Klitschko schlecht ist. Er kann, meiner Ansicht nach, nur nicht mehr seine eigenen Ansprüche erfüllen. Zumindest im Ring. Anzuerkennen, daß es einen Besseren gibt, ist keine Schande, sondern zeigt wirkliche Größe. Zumal Herr Klitschko so lange ganz oben war und unvergessen bleiben wird. Er war verdient ganz oben. Ohne Herrn Joshua würde er wahrscheinlich immer noch ganz oben sein. Scheint aber 'ne Wachablösung zu sein. Macht doch nichts.
altertainment 30.04.2017
2. Deontay Wilder
"Das größte Spektakel wäre aber ein Showdown mit dem US-amerikanischen WBC-Champion Deontay Wilder. Der hat eine ähnlich beeindruckende K.-o.-Bilanz wie Joshua (38 Kämpfe, 38 Siege, 37 durch K.o.), ist noch drei Zentimeter größer als der Brite und könnte ihm durchaus gefährlich werden. So gefährlich, dass er vermutlich nicht gleich als nächster Gegner in Frage kommt." - Wilder ist bisher jeder ernsthaften Herausforderung aus dem Weg gegangen und selbst bei seinen freiwilligen Titelverteidigungen gegen zweitklassige Gegner teilweise gewackelt. Der wird sich an seinem Titel festklammern solange er kann und erst gegen Joshua antreten, wenn es ein Pflichtkampf wird. Das ist der einzige Grund, weshalb er "nicht gleich als nächster Gegner in Frage kommt."
klausm0762 30.04.2017
3.
Gegen die Muskelpakete hat Herr Klitschko kaum eine Chance, und dass die nicht vom britischen Spinat kommen, sollte auch jedem klar sein. Eine Goole Suche nach "Anthony Joshua PED" ergab, dass das im Boxen ohnehin jeder macht, also auch ein Herr Klitschko.
argonaut-10 30.04.2017
4. Vorbei
selbst, wenn Klitschko noch härter trainiert, tatsächlich gewinnt im Rückkampf... seine Zeit geht dem Ende entgegen. Ein unglaublicher Boxer, der seinen Sport ernst genommen hat. Er sollte anerkennen, dass jetzt ein anderer seinen Platz hat... und somit schließe ich mich meinem Vorredner an.
betzebub 30.04.2017
5. Nuancen
"Es waren nur Nuancen, doch merkte man im Kampf, dass er, obwohl leichter als sein Gegenüber, schneller müde wurde als Joshua und nach Treffern länger brauchte, um sich zu erholen. Klitschko wird nicht mehr besser werden." Aha, Nuancen...diesem Artikel fehlen auch lediglich Nuancen zum Pulitzerpreis. Mal ganz ehrlich, Klitschko hat sich nach Kräften gewehrt und blieb gefährlich. Eine Mörderrechte, paar weitere Treffer, aber sonst ist ihm taktisch nicht viel eingefallen, außer dass was er immer macht. Joshua bahn es meiner ameining nach etwas zu locker, hatte zwischendurch Konzentrationsprobleme und vorallem Probleme sich seine Kräfte einzuteilen, was ihn fast den Kampf gekostet hätte. Letztlich war er aber in allen Belangen überlegen, hat Klitschko öfter und vielseitiger getroffen und den Kampf bestimmt. Nuancen....
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