Diskussionen nach erneutem Todesfall Sollte Boxen verboten werden?

Der US-Amerikaner Patrick Day ist der vierte tote Boxer in den vergangenen vier Monaten. Mehr Sicherheit wäre machbar - wenn sich die konkurrierenden Verbände einigen könnten.

Verstorbener Boxer Patrick Day (r.)
Dylan Buell / AFP

Verstorbener Boxer Patrick Day (r.)

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Es ist wieder passiert. Ein junger Boxer ist an den Folgen eines Kampfs gestorben. Der US-Amerikaner Patrick Day wurde nur 27 Jahre alt. Am Samstag war er in der zehnten Runde eines Titelkampfs schwer k. o. gegangen. Beim Aufschlag auf die Ringmatte zog er sich ein Schädelhirntrauma zu. Vier Tage später bestätigte sein Promoter Lou DiBella den Tod.

In einem Statement schrieb DiBella: "Patrick hätte nicht boxen müssen. Er kam aus einer guten Familie, war intelligent, gut ausgebildet und hätte die Möglichkeit gehabt, auf anderen Wegen seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er hat sich für das Boxen entschieden, obwohl er von den Risiken wusste, die jeder Kämpfer kennt, wenn er in den Ring steigt. Boxen war das, was Patrick liebte. Es war die Art, wie er Menschen inspiriert hat, und das, was ihm das Gefühl gab, am Leben zu sein."

Day ist der vierte tote Boxer in den vergangenen vier Monaten.

  • 23. Juli: Der Russe Maxim Dadashew, 28, erliegt drei Tage nach einem harten Kampf einem erlittenen Hirnödem.
  • 25. Juli: Hugo Alfredo Santillán, 23, stirbt an multiplem Organversagen infolge eines Blutgerinnsels im Kopf; in den vorangegangenen Wochen hatte er zwei harte Kämpfe über jeweils zehn Runden bestritten, den ersten in Deutschland, den zweiten in seiner argentinischen Heimat.
  • 21. September: Der Bulgare Boris Stanchov, 21, bricht in der fünften Runde eines Kampfes zusammen und stirbt noch im Ring an Herzversagen. Zunächst wird gemeldet, der Tote sei Stanchovs Cousin Isus Velichkov. Später wird bekannt, dass Stanchov unter falscher Lizenz angetreten war.

Ist Boxen gefährlicher geworden?

Die Häufung tragischer Unfälle wirft Fragen auf: Ist der Sport gefährlicher geworden? Härter? Brutaler? Tatsächlich scheint es nur so, als sei die Anzahl der Kämpfe mit tödlichem Ausgang drastisch gestiegen. Ähnliche Phasen gab es Ende der Siebziger-, Mitte der Achtziger- und Mitte der Neunzigerjahre. 2009 starben in kurzer Folge drei Mexikaner nach zu vielen harten Treffern. Seit 1979 sind insgesamt 54 Todesfälle dokumentiert.

Aber wenn die Gefahren doch so groß sind, warum ist der Sport dann überhaupt erlaubt? Kann man rechtfertigen, dass junge Menschen ihr Leben riskieren, nur um andere zu unterhalten und damit Geld zu verdienen? Nach Days Tod wird die immer wiederkehrende Forderung nach einem Verbot des Profiboxens aktuell in den sozialen Medien ebenso diskutiert wie in Artikeln renommierter Box-Journalisten.

Klar ist: Ein Sport, in dem es primär darum geht, seinen Gegner durch Faustschläge kampfunfähig zu machen, kann nicht gesund sein. Anders als zum Beispiel im American Football, in dem es auch anhaltende Diskussionen um gesundheitliche Schäden gibt, sind Gehirnerschütterungen beim Boxen mehr als nur Berufsrisiko. Sie sind gewissermaßen das Ziel, auf das die Athleten hinarbeiten.

Natürlich steigt kein Kämpfer in den Ring, um seinen Gegner zu verletzen oder gar zu töten. Aber jeder Boxer strebt den K.o. an, der nichts anderes ist als ein kurzzeitiger Systemausfall infolge von Schlagwirkung.

Boxen ist ein Milliardengeschäft

Promoter, Manager, Funktionäre und Boxer selbst wollen von einem Verbot natürlich nichts wissen. Schließlich lässt sich mit dem archaischen Sport sehr gutes Geld verdienen. Der bestbezahlte Sportler der Welt war über viele Jahre kein Fußball-, Basketball-, Tennis- oder Golfspieler, sondern Box-Superstar Floyd Mayweather jr. , der in seiner Karriere Kampfgagen von mehr als einer Milliarde US-Dollar kassiert haben soll.

Die Verteidiger des Boxens argumentieren, das weltweite Interesse sei zu groß, um den Sport zu verbieten. Außerdem würde man das Problem nur verlagern, weil die Aktiven in andere Kampfsportarten ausweichen könnten - im Zweifel auch in solche, die nicht erlaubt und dadurch noch gefährlicher seien. Überhaupt sei Boxen die ursprünglichste und fairste Form der Auseinandersetzung überhaupt.

Die Verbände arbeiten gegeneinander statt gemeinsam

Gekämpft wird nur mit den Fäusten, sobald einer der Kontrahenten zu Boden geht, muss der andere das Schlagen einstellen und sich in die neutrale Ecke zurückziehen. Kann einer der beiden nicht weitermachen, ist das Duell vorbei.

Um die Verbotsdiskussion nicht zu groß werden zu lassen, haben die Box-Weltverbände Regeländerungen angekündigt, um den Sport sicherer zu machen. Doch die Einflussmöglichkeiten sind beschränkt - vor allem, da es vier große Verbände gibt, die miteinander konkurrieren und die Autorität der jeweils anderen untergraben, anstatt in grundlegenden Fragen zusammenzuarbeiten.

Daran hakt zum Beispiel die lange überfällige Einführung eines flächendeckenden Anti-Doping-Systems, die vom World Boxing Council (WBC) und der World Boxing Association (WBA) bereits beschlossen wurde, von der World Boxing Organisation (WBO) und der International Boxing Federation (IBF) aber noch nicht.

Gleichberechtigung mal anders

Eine denkbare Sicherheitsmaßnahme wäre, den Boxern weniger Zeit zu geben, sich gegenseitig Schaden zuzufügen. Dass Ermüdung, Dehydrierung und Konzentrationsschwächen wesentliche Risikofaktoren sind, ist bekannt. Deswegen kämpfen Frauen bei Weltmeisterschaften zehn Runden von zwei Minuten statt wie die Männer zwölf Runden von jeweils drei Minuten.

Einige Boxerinnen sehen darin einen Wettbewerbsnachteil. Sie fordern das Recht, genauso lange kämpfen zu dürfen wie Männer. Nach den dramatischen Unfällen der letzten Zeit wäre denkbar, dass die Gleichberechtigung in die andere Richtung greift. Was vielleicht auch für diesen Ansatz spricht: Unter den 54 Todesopfern der vergangenen 40 Jahre findet sich keine einzige Boxerin.

Sollte es tatsächlich zu einer Anpassung kommen, wäre es nicht das erste Mal, dass ein Unglücksfall für eine Verkürzung der Kampfdauer sorgt: Bis 1982 wurden Weltmeisterschaften über 15 Runden ausgetragen. Dann starb der Koreaner Kim Duk-koo nach einer Ringschlacht gegen Ray Mancini. Seitdem sind zwölf Runden die maximale Kampflänge.

Durchgesetzt wurde die Änderung damals vom World Boxing Council, der in der kommenden Woche zu seiner jährlichen Convention zusammenkommt. Es wäre eine Chance, auf die Unglücksfälle zu reagieren.


Anmerkung der Redaktion: Der Autor arbeitete von 2006 bis 2013 für Arena Box-Promotion, zunächst in der Presseabteilung, später als Geschäftsführer. Heute ist er ehrenamtlich für den Bund Deutscher Berufsboxer sowie den Weltverband WBC (World Boxing Council) tätig und schreibt als freier Journalist unter anderem für den SPIEGEL und das Fachmagazin "Boxsport".



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bucketfor99 17.10.2019
1. Eigenverantwortung
ist das Schlagwort. Schliesslich muss sich keine(r) dem Risiko aussetzen.
dagmar1308 17.10.2019
2. Verboten eigentlich schon
Man sollte auch berücksichtigen, dass wie in fast allen Sportarten die Athletik und Dynamik bei der Ausübung gegenüber vor 40 Jahren deutlich zugenommen haben. Der Kopf der getroffen wird aber ist wie immer beschaffen. Aber was soll es. Wurde nicht zuletzt verkündet, dass ein öffentlich rechtlicher Sender wieder übertragen will, also an die Zeiten von Mildenberger und Cassius Clay anknüpfen will?
rjianis 17.10.2019
3. Ganz blöder header
Wenn es darum geht das in manchen Sportarten sterben weil sie entweder vollkontakt Sportarten sind oder Motorsport...die Formel 1 wird auch nicht verboten obwohl in den letzten Jahren immer wieder Menschen ums Leben kamen. Wenns danach geht könnte man ganze andere "Sport"arten verbieten. Nehmen wir mal Schach...da könnte man schon mal einschlafen und somit einen wichitgen Termin verpassen. Der Zuschauer könnte dann rein theoretisch den Veranstalter auf Langweiligkeit verklagen....Ganz ehrlich...der Beitrag war nicht wirklich nötig.
tipto 17.10.2019
4. Es ist nicht die einzige Sportart
die ein enormes Risiko für die Gesundheit des Sportlers darstellt. Wo sollen Verbote anfangen und wo enden? Es sind nicht nur die Toten. Die dauerhaft zu erwartenden hirnorganischen Schäden sind bekannt. Sie betreffen z. B. auch potentielle Schäden durch Kopfbälle von Fußballern. Hochgezüchtete Kampfmaschienen wie Boxer, lassen ihren Körper früh altern, betreiben einen Muskelaufbau, der durchaus Fragen aufwerfen könnte. Wieviel Radrennfahrer hat es dieses Jahr erwischt, wie viele wurden ernsthaft verletzt. Und wieviele Möchtegern-Bergwanderer sind umgekommen? usw. Die Rahmenbedingungen besser zu kontrollieren ist sicher sinnvoll aber verbieten wäre der falsche Ansatz.
Humanfaktor 17.10.2019
5. Kein Verbot
Man könnte auch fragen, ob Klettern verboten werden soll, oder Fahrradfahren, Drachenfliegen, Fallschirmspringen, Tauchen, Surfen, Schwimmen im Meer, Rollerfahren, Motorradfahren, Skifahren.. und ..., und ...., und... Dabei sterben im Vergleich, nominal wie relativ, viel mehr Menschen, als im Boxring. Das Leben ist lebensgefährlich und der Mensch darf sich entscheiden, welcher Betätigung er/sie nachgehen will. Risiken müssen eigenverantwortlich eingeschätzt und abgewogen werden. Niemand wird im Normalfall gezwungen, ungewollt eines dieser Risiken auf sich zu nehmen. Es sollten allerdings auch klar gestellt werden, dass für die eingegangenen Risiken auch niemand sonst in Haftung genommen und zur Kasse gebeten wird. Auch das Lösen der ggf. entstehenden Probleme ist dann die ganz eigene Sache. Wer sich mit den Bedingungen einverstanden erklärt und die Folge, in Kauf nimmt, sollte das auch dürfen. Dort, wo andere dadurch nicht beeinträchtigt und/oder gefährdet werden.
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