Nada-Jahresbilanz Das Schweigen der Kontrolleure

Wer wurde kontrolliert? Und wann? Und wie oft? Nach dem Jahresbericht der Nationalen Anti-Doping-Agentur bleiben viele Fragen offen. Die Nada testet zwar häufig während des Trainings, überführt aber kaum Dopingsünder. Und die Affären um zwei Olympiastützpunkte werden kleingeredet.
Nada-Vorsitzende Gotzmann: "Eine Art der Schweigsamkeit müssen Sie uns zugestehen"

Nada-Vorsitzende Gotzmann: "Eine Art der Schweigsamkeit müssen Sie uns zugestehen"

Foto: DPA

Bei Bilanzterminen werden traditionell Zahlenbündel präsentiert. Das ist in der Wirtschaft nicht anders als bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada), in deren Geschäftsbericht 2011 jede Menge Zahlen stecken. Zwei davon betreffen die Dopingkontrollen im vergangenen Jahr: 1056 waren es im Wettkampf, 7767 im Training. Klingt erst mal nicht schlecht. Diese beiden Zahlen sagen allerdings nichts aus über die Qualität und Effektivität der Tests.

Wann wurde kontrolliert? Kamen die Kontrolleure überraschend? Waren unter den Kontrollierten auch Olympiakandidaten oder Spieler der Fußball-Nationalmannschaft? All dies und vieles mehr bleibt unbeantwortet, obgleich derlei Informationen - anonymisiert - öffentlich gemacht werden müssten. Eigentlich bedarf es zu jeder einzelnen Probe einer Fußnote.

Das gerade mal 42 Seiten (inklusive Cover) umfassende Hochglanzpapier, das die Nada am Dienstag in Berlin vorlegte, ist kein wirklicher Arbeitsbericht, sondern eine Imagebroschüre. Nach der Präsentation durften Journalisten Fragen stellen, nur waren die Antworten fast immer unzureichend. Nicht einmal die simple Frage danach, wie viel eine Dopingkontrolle eigentlich kostet, konnte von den beiden hauptamtlichen Vorständen Andrea Gotzmann und Lars Mortsiefer beantwortet werden. Vielleicht sollten sie es auch nicht. "Eine gewisse Art der Schweigsamkeit müssen Sie uns zugestehen", sagte Gotzmann. Muss man das?

Erfolge der Trainingskontrollen im Promillebereich

In 86 Fällen wurden "Verfahren wegen möglicher Verstöße gegen Anti-Doping-Bestimmungen eingeleitet", wie es heißt. Diese 86 Fälle werden aufgeschlüsselt nach Sportarten, Art des Vergehens und Verfahrensstand. Teilweise handelte es sich um die Verweigerung von Kontrollen. In 26 dieser 86 Fälle hat die Nada Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet, um Ermittlungen gegen die Hintermänner einzuleiten und Dopingstrukturen aufzudecken.

Das ist löblich, entscheidend für die Beurteilung der Nada-Tätigkeit ist jedoch etwas anderes: Nur bei vier von 7767 Trainingskontrollen wurden verbotene Substanzen nachgewiesen, dazu bei 57 von 1056 Wettkampftests.

Erfolge im Promillebereich der Trainingskontrollen lassen an der Klasse und Effektivität der Arbeit zweifeln. Zumal die seit Jahren höhere Erfolgsquote bei Wettkampftests den Verdacht nähren, dass die Dunkelziffer weit höher liegt. Denn vereinfacht gesagt: Bei Wettkämpfen lassen sich nur Idioten überführen, professionelle Doper kaum. Auch deshalb sind intelligente, mit kriminalistischem Spürsinn ausgeführte Trainingskontrollen wichtiger.

Kaum Trainingskontrollen bei deutschen Fußballclubs

Die vier erfolgreichen Trainingstests - Erfolgsquote 0,05 Prozent - betreffen zwei Behindertensportler sowie die nichtolympischen Sportarten American Football und Squash. Athleten aus den von der Nada klassifizierten höchsten Risikogruppen und Sportarten wurden nicht überführt, obwohl unabhängige Experten davon ausgehen, dass die Zahl von Dopern und dopingbereiten Athleten in diesen Sparten beträchtlich ist. Dopingforscher wie Professor Perikles Simon von der Universität Mainz nennen Dunkelziffern von 30 Prozent.

Der neue Nada-Aufsichtsratschef Hans Georg Näder spricht dennoch von einer "lückenlose Kontrolldichte", was allerdings kaum haltbar ist. So hat es im deutschen Fußball 2011 lediglich 499 Trainingskontrollen gegeben, dabei wurden bloß Urinproben genommen, keine Blutproben. 499 Trainingskontrollen bei 56 Mannschaften und damit mehr als tausend Spielern in den drei Profiligen. Dem stehen 1659 Wettkampfkontrollen gegenüber. Während in fast allen Sportarten die Zahl der Trainingskontrollen die der Wettkampftests deutlich übersteigt (so sollte es logischerweise auch sein), ist es im Fußball genau umgekehrt.

Das zweite Top-Thema neben den Kontrollen ist für die Nada die Diskussion um die UV-Bestrahlung des Blutes von 30 Kadersportlern am Erfurter Olympiastützpunkt. Nach einigem hin und her erklärte David Howman, Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), am Dienstag in einem Schreiben an den Sportausschuss des Bundestags, die UV-Methode sei seit 2002 verboten. Am 3. Juli trifft sich Näder mit Howman, der die Nada in dieser Angelegenheit stark kritisiert hatte.

Die Erfurter Affäre wird die Nada noch eine Weile beschäftigen. Inzwischen wird gar über einen weiteren deutschen Olympiastützpunkt debattiert, den in Saarbrücken. Doch die Nada-Chefs sehen das alles nicht so düster. "Wir müssen aufpassen, dass jetzt nicht die ganzen Olympiastützpunkte in Verruf kommen", sagt Mortsiefer. Zwar ermittelt in beiden Fällen die Doping-Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft München; doch die Olympiastützpunkte seien nur peripher betroffen, weil es sich beim Arzt, der Athletenblut mit UV-Licht bestrahlte (Erfurt), und beim Wissenschaftler, der Verbindungen zu einem verurteilten Dopingdealer unterhält (Saarbrücken), nur um Honorarkräfte handele, deren Vertragsverhältnis beendet sei.

"Es sind derzeit keine Anhaltspunkte eines strafrechtlich relevanten Verhaltens gegen einen Athleten der Olympiastützpunkte vorhanden", sagt Mortsiefer. Was er nicht sagt: Dass Doping bei Sportlern strafrechtlich gar nicht zu ahnden ist, weil es noch immer an einem entsprechenden Anti-Doping-Gesetz fehlt.

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