Dreipunktewürfe im Basketball Wie eine Linie das Spiel revolutionierte

Basketballer wollten möglichst nah heran an den Korb. Doch seit Statistikprofis die Spieldaten systematisch auswerten, haben sich die Prioritäten verschoben: Distanzwürfe entscheiden oft über den Sieg.

SPIEGEL ONLINE/Kirk Goldsberry, Daten: NBA

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Die Basketballrevolution begann am 12. Oktober 1979. In der US-Profiliga NBA spielten die Houston Rockets gegen die Boston Celtics. Auf dem Parkett gab es zwei neue Linien. Sie markierten eine wichtige Grenze: Wer sich außerhalb befand und einen Korb warf, bekam dafür nicht die üblichen zwei, sondern drei Punkte.

Chris Ford von den Boston Celtics traf gleich beim ersten Versuch - er gilt damit als erster Dreierschütze der NBA. Distanzwürfe waren damals selten, gerade mal zwei erfolgreiche Dreipunktewürfe sind im Spielprotokoll Rockets versus Celtics vermerkt.

Heute, knapp 40 Jahre später, wäre eine solche Statistik ein Kuriosum. Spitzenteams in der NBA kommen auf 15, 16 erfolgreiche Dreier pro Spiel. Das sind 45 bis 48 Punkte. Bei 90 bis 120 Punkten, die ein Team meist in einem Match erreicht, sind die Dreier oft spielentscheidend.

NBA-Spielfeld mit Dreierlinien (Archivbild)
Sam Wasson/ Getty Images

NBA-Spielfeld mit Dreierlinien (Archivbild)

Der US-Sportjournalist Kirk Goldsberry beobachtet die radikalen Veränderungen im Basketball seit Jahren. Er hat beim Sportsender ESPN und als Analyst für das NBA-Team San Antonio Spurs gearbeitet. Jetzt hat Goldsberry mit dem Buch "Sprawlball: A Visual Tour of the New Era of the NBA" eine umfangreiche Analyse des Phänomens veröffentlicht. Dutzende Infografiken darin illustrieren den Boom der Dreierwürfe - einige davon sind auch in diesem Text zu finden. Goldsberrys Prognose: Der Anteil der Dreierwürfe wird künftig noch weiter steigen, weil Teams dadurch erfolgreicher sind.

In der NBA hat die Dreierlinie einen Radius von 7,24 Metern um den Korb herum. Außerhalb Nordamerikas beträgt der Radius nur 6,75 Meter. Dass Teams heute ganz anders Basketball spielen als noch vor 20, 30 Jahren, hängt jedoch nicht allein mit der Einführung der Dreierlinie zusammen. Es waren Analysten wie Goldsberry, die das Potenzial der Dreierwürfe erkannten und Trainern wie Spielern eine neue Taktik nahelegten.

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Für Statistiker ist Basketball ein dankbares Betätigungsfeld - vor allem in den USA. 82 Spiele bestreitet jedes der 30 NBA-Teams in der regulären Saison. Dazu kommen noch die Playoffs. Mehr als 200.000 Würfe kommen dabei zusammen. Dies ermöglicht aussagekräftige Statistiken - etwa über die Trefferquote von Spielern oder ihre bevorzugten Wurfpositionen auf dem Feld.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:31 Uhr
Ohne Gewähr

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Kirk Goldsberry
SprawlBall: A Visual Tour of the New Era of the NBA

Verlag:
Houghton Mifflin Harcourt
Seiten:
256
Preis:
EUR 21,38

Goldsberry hat sich nicht allein die Trefferquoten von Spielern und Teams angeschaut. Als ausgebildeter Geograf begreift er das Spielfeld als Landkarte, die man nur noch einfärben muss. Zur besonders verständlichen Visualisierung nutzt er neben Heatmaps auch kleine Sechsecke, um die häufigsten Wurfpositionen der Spieler auf dem Feld zu markieren.

Die zwei wohl wichtigsten Basketballgrafiken von Goldsberry zeigen die mittlere Trefferquote und die durchschnittliche Punkteausbeute in Abhängigkeit von der Wurfposition auf dem Feld.

Grundsätzlich gilt: Je weiter ein Spieler vom Korb entfernt steht, umso geringer ist die Chance, einen Treffer zu landen. Direkt am Korb liegt die Quote bei über 60 Prozent, hinter der Dreierlinie sinkt sie schnell auf unter 35 Prozent.

Kirk Goldsberry, Daten: NBA

Doch diese Grafik erzählt die Geschichte nur zur Hälfte. Erst wenn man auch die unterschiedlichen Punktzahlen je Treffer berücksichtigt - also zwei oder drei - ergibt sich das eindrucksvolle Gesamtbild.

In den violetten Bereichen liegt die Ausbeute je Wurf unter 1. Unmittelbar hinter der Dreipunktelinie und direkt am Korb ergibt sich hingegen ein Wert über 1 - siehe Grafik unten. "Kein Wunder, dass der Zweipunktewurf ausstirbt", schreibt Goldsberry.

Kirk Goldsberry, Daten: NBA

Tatsächlich sollten die Spieler ihr Glück entweder direkt am Korb oder als Dreier versuchen. Statistisch gesehen müsste ein Team so nämlich eine höhere Punktzahl erreichen. Und tatsächlich hat sich diese Erkenntnis in den vergangenen Jahren mehr und mehr durchgesetzt.

Folgendes Diagramm verdeutlicht die Entwicklung hin zu mehr Dreierwürfen in der NBA von 1979 bis heute. Es zeigt die Dreierwurfversuche im Verhältnis zu allen Würfen aus dem Feld, egal ob sie im Korb landeten, Freiwürfe sind nicht erfasst. Der Anteil der Dreierversuche erhöhte sich übrigens in den Jahren 1995 bis 1997 (blaue Punkte), weil damals die Dreipunktelinie näher an den Korb verlegt wurde. Diese Regeländerung nahm die NBA jedoch Ende 1997 wieder zurück.

SPIEGEL ONLINE, Daten: basketball-reference.com

Die Trefferquoten haben sich vor allem in den ersten Jahren nach Einführung der Dreipunkteregelung deutlich verbessert. Landeten noch Anfang der Achtziger nur 25 Prozent der Fernwürfe tatsächlich im Korb, liegt die Dreierquote seit dem Jahr 2000 stabil bei 35 bis 37 Prozent.

Wie radikal sich das Basketballspiel verändert hat, illustrieren auch die folgenden Grafiken von Goldsberry. Sie stellen die häufigsten Wurfpositionen auf dem Spielfeld als graue Sechsecke dar - einmal aus der Saison 2001/02 und dann aus der Saison 2016/17.

Kirk Goldsberry, Daten: NBA

Die vor knapp 20 Jahren noch relativ häufigen Würfe aus der Halbdistanz sind inzwischen selten geworden. Dafür wird viel häufiger von Positionen kurz hinter der Dreierlinie geworfen. "All das geschah nicht binnen zwei Jahren, es hat Jahrzehnte gedauert", sagt Goldsberry dem SPIEGEL. "Die Spieler mussten sich wohlfühlen mit den Distanzwürfen." Vor der Einführung der Dreipunktelinie habe es keinen Grund gegeben, aus so großer Entfernung auf den Korb zu werfen.

Kirk Goldsberry, Daten: NBA

Gleich ein ganzes Kapitel widmet Goldsberry dem Ausnahmespieler Stephen Curry, der den neuen Typus des Distanzwerfers wie kein Zweiter verkörpert. Der 1,90 Meter große Spieler hatte in seinem ersten Jahr in der NBA in der Saison 2009/10 noch von überall aus dem Feld auf den Korb geworfen.

Doch inzwischen bevorzugt er ganz klar die Distanzwürfe, wobei er auch noch von ein, zwei Metern hinter der Dreipunktelinie relativ zuverlässig trifft - siehe Video unten. Dank seiner hohen Trefferquote von fast 44 Prozent holt er mit einem Dreierversuch im Schnitt 1,3 Punkte. Das macht Curry zu einem der wertvollsten Spieler der NBA - und zum Multimillionär. Aktuell verdient Curry bei den Golden State Warriors rund 40 Millionen US-Dollar pro Jahr - und verlor gerade erst im Finale gegen die Toronto Raptors.

Video: Spektakuläre Dreier von Curry

"Curry hat den Blick der NBA auf den Dreierwurf völlig verändert", sagt Goldsberry dem SPIEGEL. Die Fähigkeit zum Dreipunktewurf sei inzwischen eines der wichtigsten Kriterien bei der Auswahl von Spielern. Galten noch vor einigen Jahren athletische, große Spieler, die sich im Kampf gegen stämmige Verteidiger durchsetzen mussten, als Stars, sind es heute die eher schlanken Spieler mit hoher Dreierquote, erklärt der Basketballexperte.

Auch die Anforderungen an die Verteidigung haben sich verändert. "Langsame Spieler gibt es kaum noch", sagt der Experte. "Sie können den Raum um die Dreierlinie nicht verteidigen".

Goldsberry glaubt, dass die Revolution des Spiels noch nicht zu Ende ist. Tatsächlich steigt der Anteil der Dreierwürfe von Jahr zu Jahr - und dieser Trend wird sich wohl weiter fortsetzen. Aktuell sind 36 Prozent aller Würfe aus dem Feld Dreierversuche, bis zum Jahr 2030 könnte die Quote auf 50 Prozent steigen.

SPIEGEL ONLINE, Daten: basketball-reference.com

Und es wird inzwischen auch aus immer größeren Distanzen geworfen - Stephen Curry hat es vorgemacht. Die NBA könnte theoretisch sogar eine Vierpunktelinie einführen. Diese müsste den aktuellen Trefferquoten zufolge bei etwa 9,5 Metern liegen. Aus dieser Entfernung landet etwa jeder vierte Ball im Korb - die Punktausbeute je Wurf läge dann bei etwa 1.

Goldsberry glaubt jedoch nicht, dass eine Vier-Punkte-Linie kommt: "Sie würde das Spiel nahe am Korb noch mehr entwerten." Schon heute sei der Sprungwurf der wichtigste Wurf beim Basketball. "Die Distanzschützen brauchen keine weitere Hilfe mehr."

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Laemat 15.06.2019
1. Eigentlich schade
Das Video finde ich langweilig, shooter freispielen und 3er Werfen... Ich seh lieber schnelles Spiel mit Abschluss unterm Korb
harke 15.06.2019
2. Nachteil
Basketball wird dadurch unflexibel und langweilig. Das klassische Dribbling und in den Raum ziehen und dann zu dunken wird immer unbedeutender und somit weniger aufregend.
widower+2 15.06.2019
3. Im Gegenteil!
Zitat von harkeBasketball wird dadurch unflexibel und langweilig. Das klassische Dribbling und in den Raum ziehen und dann zu dunken wird immer unbedeutender und somit weniger aufregend.
Zumindest meiner Meinung nach. Ich fand es noch nie sonderlich aufregend, wenn ein weit über 2 Meter großer Spieler den Ball in den Korb stopft wie ein Kleinkind das Taschentuch in den Papierkorb. Jeder Distanzwurf ist für mich die deutlich höher zu bewertende sportliche Leistung.
Nonvaio01 15.06.2019
4. sehe ich auch so
Zitat von widower+2Zumindest meiner Meinung nach. Ich fand es noch nie sonderlich aufregend, wenn ein weit über 2 Meter großer Spieler den Ball in den Korb stopft wie ein Kleinkind das Taschentuch in den Papierkorb. Jeder Distanzwurf ist für mich die deutlich höher zu bewertende sportliche Leistung.
die 3er fand ich schon immer besser, natuerlich ist auch nichts gegen gute spielzuege unter dem korb zu sagen. Aber ein Dunk vom Shaq der sich mit 130kg muskelmasse platz verschaft unterm korb fand ich nie inspirierend.
phiasko76 15.06.2019
5. Attraktivität..
..des Spiels geht zu einem gewissen Grad verloren. Das stellte schon Popovic richtig fest, der bekanntlich kein Fan vom Dreier ist. Aber teils sind auch schön herausgespielte freie Dreierwürfe nett anzusehen. Trotzdem würde zumindest ich immer das Spiel wie es vor Erscheinen von Steph Curry gespielt wurde, bevorzugen.
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