NBA-Finale Heat vs. Spurs Gegen die Wand

Alt gegen jung, Vergangenheit gegen Zukunft: Was war vor dem NBA-Finale zwischen Miami und San Antonio nicht alles über die Gegensätze der Teams geschrieben worden - und die vermeintliche Chancenlosigkeit der Spurs. Nach Spiel eins ist klar, dass nichts klar ist - auch dank eines selbstlosen Talents.

REUTERS

Aus Miami berichtet


Während die Stars der San Antonio Spurs - Tony Parker, Tim Duncan, Manu Ginobili - auf der Pressebühne Rede und Antwort standen, saß Kawhi Leonard. Nicht etwa auf dem Podium, von dem die Zitate der wichtigsten Spieler des Abends in alle Welt gestrahlt werden, sondern vor seinem kargen Spind der Gästekabine in der American Airlines Arena zu Miami.

Müde sah Leonard aus, und kaum jemand kümmerte sich um ihn. Auf der einen Seite rang je eine französische und brasilianische Journalistentraube um die Statements ihrer Landsmänner Boris Diaw und Tiago Splitter. Die Medienvertreter aus der US-amerikanischen Heimat hielten es eher mit dem eloquenten Matt Bonner. Sie wussten schon aus Erfahrung: In Sachen Zitate ist bei Kawhi Leonard, dem schweigsamen Small Forward der San Antonio Spurs, wenig zu holen.

Dabei hätte der 21-Jährige einiges zu erzählen gehabt. Immerhin ist er in dieser Finalserie dazu auserkoren, den Superstar der Miami Heat, LeBron James, zu verteidigen. Der gilt als der mit Abstand beste Basketballer der Welt. Diesem Jahrhundertspieler waren in der Auftaktpartie der Finalserie zwar 18 Rebounds, zehn Assists, aber nur 18 Punkte gelungen. San Antonio gewann beim haushohen Favoriten in Miami 92:88.

"Großartiger Job"

"Heutzutage LeBron unter 20 Punkten zu halten, das kommt nicht allzu oft vor", lobte All Star Manu Ginobili derweil auf dem Podium und wusste wahrscheinlich gar nicht, wie oft dies tatsächlich passiert ist. In den 99 Saisonpartien 2012/13 gelang es der Konkurrenz nur siebenmal, James unter 20 Zähler zu halten. "Kawhi hat einen großartigen Job gemacht", sagte Ginobili. "Natürlich muss hinter ihm unser Teamblock stehen, aber wie er James eins-gegen-eins verteidigt hat, das war großartig." Das Lob war verdient, gibt es doch im Basketball heutzutage kaum eine schwerere Aufgabe.

Leonard wiegt knapp zwölf Kilo weniger als sein muskelbepackter Kontrahent, ist drei Zentimeter kleiner. Trotzdem stellte er sich immer wieder in James' Weg, wenn dieser zum Korb ziehen wollte. Der Youngster blockte den Superstar aus, wenn dieser zum Offensivrebound starten wollte, stemmte sich mit aller Macht dagegen, als der vierfache MVP sich an der Zone in Position bringen wollte. All das raubte Leonard die Kraft, um im Angriff seine gewohnte Rolle zu spielen.

Bei eigenem Ballbesitz soll er da vor allem in den Ecken, unten an der Grundlinie des Gegners stehen. Dort ist die Entfernung vom Ring bis zur Dreierlinie am geringsten. Dort trifft Leonard 42,1 Prozent seiner Distanzwürfe, doppelt so viel wie von allen anderen Positionen zusammen. So öffnet er das Spiel für Parker, Duncan und Ginobili. Im ersten Spiel gegen die Heat fand keiner seiner vier Dreierversuche das Ziel.

Wie ein Schwamm

"Ich hatte einige gute, freie Schüsse. Sie fielen einfach nicht", sagte Leonard. Seine Körpersprache erzählte eine andere Geschichte: Kawhi Leonard war hundemüde. Für die Highlights sorgten andere. Parker etwa mit seinem entscheidenden Zirkuswurf 5,2 Sekunden vor Schluss, der bis zur zweiten Partie am Sonntag in Endlosschleife im US-Sportfernsehen laufen wird.

Leonard hatte sich für sein Team geopfert, der Akku war leer.

Eine solche Opferbereitschaft ist in der NBA selten. Vor allem bei Akteuren, denen eine große Zukunft prophezeit wird. "Ich denke, dass er ein Star wird. Mit der Zeit wird er zum Gesicht der Spurs werden", das sagte vor der Saison niemand anders als San Antonios Coach und gefürchteter Grantler Gregg Popovich. "Was mich da so sicher macht, ist die Tatsache, dass er es so sehr will. Er kommt früher zum Training, bleibt länger, lässt sich coachen, ist wie ein Schwamm."

Diese Zukunft kann erst mal warten. Kawhi Leonard lebt in der Gegenwart, in der gilt es, einen Titel zu gewinnen. Meisterschaften erfordern Opfer, Leonard wird sie für sein Team bringen und kaum darüber reden.



insgesamt 4 Beiträge
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trevorcolby 07.06.2013
1. Klasse...
...Artikel, ich finde es immer wieder gut, wie der Autor auf Fakten eingeht, die anders wo schlicht nicht wahr genommen werden oder bewußt ignoriert werden. Danke !
spursfan 07.06.2013
2. Tja
Die "alten" Spurs habe in den playoffs nur zwei Spiele verloren. Von Chancengleichheit gegen die Heat kann da nicht die Rede sein. Außerdem spielte man gestern in der American Airlines Arena nicht Center. Der AAC ist in Dallas.
spon-facebook-10000220129 07.06.2013
3. Tolle Geschichte
Schön, dass endlich mal mehr als nur eine Ergebnismeldung stattfindet. Die Serie bietet viele Geschichten: Duncan und die Finals, Tony Parker als den Initiator der Offence, die Zukunft der "big three" in Miami. Bitte mehr davon.
thomas_gr 07.06.2013
4. optional
Nu mal halblang! Lebron James ist ein herausragender Spieler aber sicher kein Jahrhundertspieler. MJ war ein Jahrhundertspieler. Ihn konnte man nicht einfach so auf 18 Punkte runterdeffen. Vor allem nicht in den Finals. "Jahrhundertirgendwas" wird mir für meinen Geschmack etwas inflationär gebraucht...
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