NBA-Konkurrenzliga ABA Discoliga mit Bärenkämpfen in der Pause

Der früheren Basketball-Profiliga ABA mangelte es an Geld, Zuschauern und Know-how - nicht aber an Kreativität. Die Dreierlinie, ringende Bären und Bikini-Ballmädchen machten die "Discoliga" zur Keimzelle des modernen Basketballs. Das Buch "Planet Basketball" erzählt ihre kuriose Geschichte.

Basketballer Gervin, Kenon: Aktiv in der Keimzelle des modernen Basketballs
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Basketballer Gervin, Kenon: Aktiv in der Keimzelle des modernen Basketballs


Basketball war Mitte der Sechziger keine spektakuläre Sportart, es war das Abbild der erzkonservativen Teambesitzer. Das Spiel war methodisch und kannte nur ein Erfolgsrezept: Pass in die Mitte und aus kurzer Distanz abschließen. Eine Dreierlinie gab es nicht, der Dunk war verpönt. Die NBA war, in einem Wort, unattraktiv. Das Fernsehen interessierte sich kaum. Deshalb wäre Dennis Murphy auch nie auf die Idee gekommen, eine zweite Basketballprofiliga zu gründen. Eigentlich wollte der Geschäftsmann, Politiker und Sportverrückte einen Footballclub gründen. Schnell hatte er genug Investoren gefunden, um sich in die AFL - die damalige Konkurrenzliga der NFL - einzukaufen. Alles lief nach Plan.

Doch die Vereinigung der beiden Ligen machte Murphy und seinen Partnern einen Strich durch die Rechnung, mit dem Football-Team Geld zu verdienen. "Wir dachten uns, dass wir mit dem Potential, das wir geweckt hatten, irgendetwas machen sollten", sagt Murphy im Buch "Loose Balls". "Also sagten wir uns: ,Hey, es gibt nur eine Basketball- und eine Eishockey-Liga. Warum machen wir da nicht eine zweite auf?'" Und da Murphy das Spiel auf zwei Körbe liebte, aber mit Hockey nichts anfangen konnte, fiel die Wahl auf Basketball.

Das Ziel war klar: Eine Konkurrenzliga schaffen, die NBA zum "Merger" (Vereinigung) zwingen und dadurch das große Geld verdienen. Als die Planungen ins Detail gingen, wurde schnell der Entschluss gefasst, dass das Spiel in der American Basketball Association (ABA) anders sein sollte. Es gab einige Neuerungen: einen rot-weiß-blauen Spielball sowie eine Dreierlinie. Beides erwies sich als bahnbrechend. Der Ball wurde zum Verkaufsschlager, der Dreier öffnete das dröge "Reinpassen-und-Wurf"-Spiel der NBA. Er war die Keimzelle des modernen Basketballs.

Wenige Profis wollten in die ABA

Fehlten nur noch die Spieler. "Eigentlich dachten wir, dass wir unsere Teams aus abgeworbenen NBA-Veteranen zusammenstellen würden", sagt Dick Tinkham, ehemaliger Anwalt der Indiana Pacers. "Doch das führte nirgendwohin." Wenige Profis wollten auf das sichere Gehalt in der etablierten Liga verzichten, um in der ABA zu spielen. Ohne die NBA-Stars (nur Rick Barry wagte den frühen Sprung) musste die ABA kreativ werden. Also wurden offene Trainings veranstaltet, an denen jeder teilnehmen durfte. Die ersten ABA-Spieler kamen von überall her: vom College, aus NBA-Trainingslagern, aus Freizeitligen, von den Straßen und aus Firmenbüros.

Von Beginn an herrschte Chaos in der ABA. Niemand wusste, wie eine Liga organisiert wird. Es fehlte an allem: Geld, Know-how, Zuschauern, Talent, Organisation. Nur eines hatte die ABA im Überfluss: Kreativität. Um Zuschauer in die Hallen zu locken, war den Besitzern keine Aktion zu verrückt, keine Promotion zu peinlich. Es wurden Bären eingeladen, mit denen Fans in der Halbzeit ringen konnten. Bei den Denver Nuggets gab es den "Spaghettiträger-Abend" - für alle Frauen, die ein Top mit Spaghettiträgern trugen, war der Eintritt frei. Die Floridians ließen Mädchen in Bikinis als Balljungen arbeiten.

Doch der Erfolg der Werbeaktionen war begrenzt: Bis auf die Nuggets, Indiana Pacers und Kentucky Colonels wechselten alle Gründungs-Clubs in den neun Jahren der ABA ihren Standort. Fünf erlebten den Zusammenschluss mit der NBA 1976 nicht mehr. "Es war schlimm. Jeden Tag konnte es ein anderes Team erwischen", sagt Roy Boe, ehemaliger Besitzer der New York Nets. "Einmal war ein Team auf einem Trip an die Westküste und erfuhr, dass die Mannschaft, gegen die man am nächsten Abend spielen sollte, pleite gegangen war."

Trotzdem oder gerade deshalb entwickelte sich in der Liga früh ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. "Wir saßen alle im selben Boot", so ABA-Superstar Julius "Dr. J" Erving. "Alle wollten, dass diese Liga funktioniert. Man half sich, wo es nur ging."

Zu Unrecht von der NBA und den konservativen Medien belächelt

Und auf dem Feld regierte - wie sollte es in den Siebzigern anders sein - der Funk. Genau deshalb wurde die ABA von der Konkurrenz sowie den konservativen Medien immer belächelt. Sie galt als unterklassig, ohne Talent und System. Ihre Spieler würden es in der NBA nie schaffen, so die einhellige Meinung. Dabei war klar zu sehen, dass das Spiel der ABA fortschrittlicher war.

Der Dreier öffnete den Basketball auf eine noch nie dagewesene Weise. Die Verteidigung konnte sich nicht mehr nur an der Zone postieren. Die Gefahr des Distanzwurfes schuf mehr Platz für Züge zum Korb - und vor allem Dunks. So führten Julius "Dr. J" Erving und David "Skywalker" Thompson den Slam in ungeahnte Dimensionen. Erstmals war der Dunk nicht mehr den Big Men vorbehalten. Swingmen und Guards konnten graziös oder kraftvoll über Ringniveau spielen. Das Spiel der Freiplätze New Yorks oder Philadelphias war bei den Profis angekommen und veränderte den Basketball für immer.

1975/1976 spielte die ABA ihre letzte Saison, es kam zur lang ersehnten Einigung mit der NBA. Jahrelang hatten beide Ligen sich mit Klagen überzogen und versucht, der anderen die besten Spieler abzuwerben. Immer wieder waren Friedensgespräche gescheitert. Die NBA nahm vier Clubs auf, die restlichen Spieler wurden zu einer speziellen Draft für alle Teams freigegeben. Erst die Aufnahme in die rivalisierende Liga verhalf der ABA zu echter Legitimität. Der Ruf der Zirkusliga wurde erst getilgt, als die ABA-Stars anfingen, auch in ihrer neuen Heimat zu dominieren.

Insgesamt schafften 63 der am Ende 84 ABA-Spieler den Sprung in die NBA. Zwölf der 24 NBA-All-Stars 1977 waren frühere ABA-Profis, genau wie fünf der zehn Starter in den Finals zwischen Portland und Philadelphia. "Als wir so viele Spieler aus der ABA nach der Vereinigung erfolgreich spielen sahen, gab es uns ein unglaubliches Gefühl", sagt Bob Costas, früher Radioreporter in St. Louis. "Wir konnten der Welt jetzt mit Recht sagen: ,Wir haben es schon immer gewusst!'"

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maikiam 23.04.2011
1. Aba
Ich empfehle zu diesem Thema den Film "Semi-Pro" mit Will Ferrell!
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