NBA-Team Philadelphia 76ers Tanken für den Titel

Bloß nicht gewinnen! Jahrelang haben sich die Philadelphia 76ers bemüht, das schlechteste Team der NBA zu sein - in der Hoffnung, eines Tages das beste zu werden. Der Plan könnte aufgehen.

AP

Von Philipp Awounou


Als Sam Hinkie 2012 das Management der Philadelphia 76ers übernahm, war ihm klar, dass er das Vertrauen von Fans, Spielern und Verantwortlichen auf eine harte Probe stellen würde. Er etablierte daher einen Leitsatz, der über die Jahre zum Mantra des Klubs werden sollte: "Trust the process". Vertraut auf den Prozess.

Hinkies Auftrag: Er sollte die seit 1983 titellosen Sixers aus der chronischen Mittelmäßigkeit zurück an die Spitze führen. Der Stanford-Absolvent nutzte dafür eine der grundlegendsten Eigenheiten des US-Sports - indem er das Team systematisch schwächte.

Anders als im europäischen Spitzensport können Teams der großen nordamerikanischen Ligen nicht absteigen. Im Gegenteil: Je schlechter ein Klub abschneidet, desto früher darf er sich im anschließenden Draft eines der begehrten College-Talente sichern. Es gilt: Je schwächer die Bilanz eines Klubs, desto höher die Wahrscheinlichkeit, einen kommenden Superstar zu verpflichten.

Ein System mit Tücken: Verlieren wird attraktiv

Das System soll Chancengleichheit herstellen, hat jedoch seine Tücken: Werden Niederlagen belohnt, wird Verlieren attraktiv. Immer wieder dünnen Franchise-Verantwortliche ihre Kader qualitativ aus und forcieren damit schlechte Bilanzen. Eine kontrovers diskutierte Praxis, die im Basketballjargon als "Tanking" bezeichnet wird - und selten so beharrlich und konsequent durchgezogen wurde wie von den 76ers unter Sam Hinkie.

Nur wenige Monate nach seinem Amtsantritt hatte der umtriebige Manager sämtliche Leistungsträger vom Hof gejagt. Es begann das große Verlieren: 2013 stellte Philadelphia mit 26 Niederlagen in Folge den ligaweiten Negativrekord ein. In der Saison 2015/2016 verlor das Team 72 von 82 Spielen und unterbot damit fast den 43 Jahre alten NBA-Tiefstwert (73). Insgesamt "tankte" sich Philadelphia zwischen 2013 und 2016 zu 253 Niederlagen in 328 Spielen - ein trauriger Rekord, der entsprechend "belohnt" wurde: 2014 und 2015 erhielten die 76ers jeweils den dritten Pick im Draft, 2016 und 2017 sogar den ersten.

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NBA-Team Philadelphia 76ers: Die nächste Generation

Die vier Jahre an der Tankstelle haben aus den Sixers ein rundum erneuertes Team gemacht: jung, dynamisch, aufregend und hochtalentiert. Zwar landete die Franchise nicht mit jedem Pick einen Volltreffer, doch sie zog gleich zwei Spieler an Land, die in Basketballkreisen als "Unicorns" (zu Deutsch: Einhörner) bezeichnet werden. Spieler, die so groß, athletisch und zugleich vielseitig begabt sind, dass es sie eigentlich gar nicht geben dürfte.

Einhorn Nummer eins, Joel Embiid, hatte Anfang November große Mühe, die ihn umringende Reporterhorde zu beruhigen: "Leute, ich habe einfach nur Basketball gespielt und Spaß gehabt." Wenige Minuten zuvor hatte der 2,13-Meter-Mann die Basketballwelt mit 46 Punkten, 15 Rebounds, 7 Assists und 7 Blocks gegen die Los Angeles Lakers in helle Aufregung versetzt. Embiid selbst verstand den Trubel nicht. So sieht es eben aus, wenn ein Einhorn "einfach nur Basketball" spielt.

Jetzt schon mehr Siege als 2015/2016

Kaum weniger beeindruckend sind die Leistungen von Ben Simmons. Der Nummer-eins-Pick von 2016 hat noch keine 30 NBA-Spiele absolviert - er verpasste wegen einer Verletzung die komplette vergangene Saison -, wird aufgrund der seltenen Kombination aus Körpergröße (2,08 Meter), Physis und Playmaking aber schon jetzt mit zwei der ganz Großen seiner Zunft verglichen: Earvin "Magic" Johnson und LeBron James. "Seine Länge und Geschwindigkeit, seine Passfähigkeiten und Übersicht sind absolut elitär. Und er kratzt gerade erst an der Oberfläche", adelte Sixers-Coach Brett Brown seinen Spielmacher jüngst.

Vor einem Monat erreichten die 76ers erstmals seit November 2013 wieder eine positive Bilanz. Schon nach dem ersten Saisonviertel hat das Team mehr Siege (13) auf dem Konto als in der gesamten Spielzeit 2015/2016. Dass die Franchise mit dem derzeit verletzten Markelle Fultz auch noch den Nummer-1-Pick von 2017 in ihren Reihen hat, gerät im euphorisierten Fanlager Philadelphias beinahe in Vergessenheit.

Sam Hinkie kann die ersten Erträge seiner Arbeit nur noch aus der Ferne betrachten. 2016, am Tiefpunkt der Tanking-Tortur, war er entlassen worden. Sein Vermächtnis, der Kult, den er geschaffen hat, ist jedoch weiter allgegenwärtig. Geht es in Philadelphia etwa um Embiids Verletzungsanfälligkeit, Simmons' (noch) unbrauchbaren Sprungwurf oder die nach jahrelanger Erfolglosigkeit womöglich abhanden gekommene Siegermentalität, heißt es bei den Sixers oft: "Trust the process".



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bigmitt 19.12.2017
1. Es stimmt....
....schon das ein schlechtes Abschneiden die Chancen in der Draft Reihenfolge nach oben zu rutschen erhöht, jedoch lässt der Artikel außen vor das die Top Picks in einem Lotterie Verfahren gelöst werden. Richtig ist das die 76 ers mit der schlechtesten Bilanz lediglich auf Platz 4 in der Draft Reihenfolge rutschen können. Ein Top Pick ist also dem schlechtesten Team gar nicht garantiert wie es in der NFL der Fall ist. Trotz alledem gibt es Bestrebungen das System so zu ändern das in der Lotterie das schlechteste Team sogar auf Platz 10 rutschen kann , so das eben "Tanking" weniger attraktiv wird. http://www.espn.com/nba/story/_/id/20621318/reform-nba-draft-lottery-voted-17-18-season
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