NBA-Playoffs Leonard mit den Riesenhänden

Basketballer Kawhi Leonard könnte die Toronto Raptors erstmals in die NBA Finals führen. "Die Klaue" ist zweitbester Punktesammler der Playoffs, für Toronto könnte die Freude aber von kurzer Dauer sein.

Kawhi Leonard
Vaughn Ridley / AFP

Kawhi Leonard

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Von den 30 Teams in der nordamerikanischen Profi-Basketballliga NBA haben es nur sieben noch nie bis in die Finals um die Meisterschaft geschafft. Dazu gehören auch die Toronto Raptors. Im Conference-Finale gegen die Milwaukee Bucks liegen sie nach dem 100:108 (59:51) in der Nacht auf Donnerstag im ersten Spiel zwar hinten. Torontos Chance, die Finalserie zu erreichen, ist diese Saison aber besser denn je. In ihren Reihen haben sie nämlich einen Spieler, der an beiden Enden des Platzes zu den Allerbesten gehört: Kawhi Leonard.

In den laufenden Playoffs zeigte der 27 Jahre alte Small Forward schon mehrmals, dass er ein Spiel in der Schlussphase eigenhändig entscheiden kann. Im vierten Spiel der zweiten Runde gegen Philadelphia traf Leonard wichtige Würfe im letzten Viertel, woraufhin ihn Sixers-Trainer Brett Brown mit einer Legende verglich. "Was er alles tun kann, um seinen eigenen Wurf zu kreieren, ist für mich Kobe-ähnlich." In der ersten Runde gegen Orlando Magic war Leonard ebenfalls kaum aufzuhalten. Bislang kommt er in den 13 Playoff-Partien auf 31,8 Punkte pro Spiel, bei einer starken Trefferquote von 52,5 Prozent.

Tatsächlich erinnern Leonards Bewegungen an Michael Jordan und Kobe Bryant. Oft dribbelt er nur kurz in eine Richtung, um explosionsartig aus mittlerer Distanz zum Wurf anzusetzen. Dabei gleitet er vom Gegner weg, um sich Raum für seinen Wurf zu verschaffen. Es ist das Manöver, das Jordan und Bryant berühmt gemacht haben: der Fadeaway. Darauf griff Leonard auch beim wichtigsten Treffer seiner Karriere zurück, als er im siebten Spiel gegen Philadelphia per Buzzerbeater die Serie entschied. Es war die bisher vielleicht spektakulärste Szene der gesamten Saison - wenngleich ein wenig Glück mit im Spiel war.

Der beste Verteidiger der Liga

Leonards offensive Qualitäten springen leicht ins Auge, doch in der Defensive ist er noch wichtiger. Tatsächlich wurde Leonard bei einer Umfrage von "The Athletic", an der 114 NBA-Profis teilnahmen, mit 30,3 Prozent der Stimmen zum besten Verteidiger der Liga gewählt.

Außerdem bekam er 2015 und 2016 den offiziellen Award für den besten Verteidiger des Jahres. Neben Ron Artest (2004) ist Leonard der einzige Preisträger der vergangenen 20 Jahre, der nicht als Power Forward oder Center spielt. Für seine defensiven Fähigkeiten bekam Leonard den klangvollen Spitznamen "The Claw" (die Klaue) verpasst, in Bezug auf seine großen Hände.

Vor fünf Jahren, als die San Antonio Spurs das Finale gegen Miami Heat mit den Superstars LeBron James und Dwyane Wade gewannen, wurde nicht etwa Tim Duncan oder Tony Parker zum wertvollsten Spieler der Finalserie gewählt, sondern der damals 22 Jahre alte Leonard. Im Schnitt kam er während der Finalserie auf 17,8 Punkte - eher unauffällig. Der Grund für seine Auszeichnung war seine überragende Abwehrarbeit gegen James, den besten Spieler seiner Generation.

Ein Lacher, der zum Meme wird

Vor Toronto spielte Leonard bei den San Antonio Spurs. Während der Reha nach einer Knöchelverletzung hatte er sich 2017 eine muskuläre Verletzung am rechten Oberschenkel zugezogen. Nach Unstimmigkeiten mit der medizinischen Abteilung der Spurs forderte er schließlich einen Wechsel - und landete bei den Raptors.

Leonard gilt als ruhiger Typ, der auf dem Spielfeld selten eine Gefühlsregung zeigt. Auch abseits davon gibt er sich meist wortkarg. Während andere Superstars wie Stephen Curry oder Kevin Durant mehr als zehn Millionen Twitter-Follower haben, steht Leonard bei 247.000. Immer noch eine gute Quote: Insgesamt hat er vier Tweets geschrieben.

Bei seiner Vorstellung in Toronto zeigte sich Leonard jedoch in ungewohnter Manier. Während der Pressekonferenz sagte er mit todernster Miene, er sei "ein lustiger Kerl". Dann begann er glucksend zu lachen. Das Video der Szene ging viral und wurde zur Vorlage für zahlreiche Memes.

Nur ein kurzes Vergnügen für Toronto?

So stark Leonard spielt, Toronto ist mit dem Trade ein großes Risiko eingegangen. Auch ohne "die Klaue" war das Team über Jahre hinweg ein Titelanwärter in der Eastern Conference, scheiterte in den Playoffs aber stets an LeBron James und den Cleveland Cavaliers. Für Leonard trennte sich der Klub von DeMar DeRozan, Fanliebling und bester Spieler der Raptors.

Noch brisanter ist aber ein Detail in Leonards Vertrag: Im Sommer kann der Spieler nämlich vorzeitig aussteigen und nach Belieben wechseln. Interessenten sollte es mehr als genug geben, unter anderen gelten die beiden Teams aus Los Angeles, die Lakers und die Clippers, als Kandidaten. Leonard ist in der Nähe der kalifornischen Metropole aufgewachsen.

Um Leonard vom Verbleib zu überzeugen, wird in erster Linie der sportliche Erfolg ausschlaggebend sein. Mit Leonard steht Toronto in den Conference Finals des Ostens, da war das Team schon einmal vor zwei Jahren - damals noch ohne Kawhi Leonard. In den NBA Finals aber standen die Raptors noch nie. Sollte nun auch gegen die Bucks bereits eine Runde vor der Endspielserie Schluss sein, könnte Toronto am Ende der Saison seinen besten Mann schnell wieder verlieren.

Leonard hat sich bislang nicht zu seiner Zukunft geäußert. Als er in der YouTube-Show seines Mitspielers Serge Ibaka zu Gast war, stellte dieser die Frage, ob Leonard auch in der kommenden Saison für Toronto spielen werde. Leonard wich aus - selbst seinem Teamkameraden mochte er keine Antwort geben. Nach der Saison werde er sehen, wie es weitergeht.

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Seite 1
valensine 17.05.2019
1. Euroleague!
Würde mich freuen, wenn man auf SPON mal über europäischen Spitzenbasketball berichtet.Ab heute fängt die Final Four an und die internationale Aufmerksamkeit ist groß.
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