NBA-Profi Milicic Der serbische Patient

In seiner ersten Saison holte er mit den Detroit Pistons den Titel - seitdem ging es nur bergab. Das Basketball-Magazin "FIVE" über den Leidensweg von Darko Milicic, der seinen persönlichen Teufelskreis in Minnesota zu durchbrechen scheint.
Von Tobias Jochheim
Minnesotas Milicic (l.): "Alle körperlichen Voraussetzungen, um zu brillieren"

Minnesotas Milicic (l.): "Alle körperlichen Voraussetzungen, um zu brillieren"

Foto: ERIC MILLER/ REUTERS

Darko Milicic musste sich im Laufe seiner Karriere viel gefallen lassen. Es wurden Witze gemacht über seine Frisuren, seine Blässe, seine Zaghaftigkeit in der Zone und seine miese Wurfquote. In der Nacht des 17. Februar 2010 kam eine weitere Demütigung hinzu: Nach Wochen ohne Einsatzzeiten tradeten ihn die New York Knicks. Nach Minnesota, ins Sibirien des freien Westens.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Milicic bereits mit der NBA abgeschlossen und seine Rückkehr nach Europa zum Saisonende verkündet. Das serbische Feuer hatte seinen eigenen Stolz zu Asche verbrannt.

Dabei sollte seine Geschichte doch das Märchen eines Aufstiegs werden, vom Sohn einer Putzfrau und eines Polizisten auf dem Balkan in die Beletage des Basketballs. Die Darko-Story, sie schrieb sich von selbst. Mit 14 lebte er allein und sorgte für sich selbst, mit 15 spielte er trotz seiner 2,13 Meter auf der Eins. Kurz vor seinem 16. Geburtstag debütierte er als Profi.

Detroits General Manager Joe Dumars schaute im Mai 2003 bei einem von Darkos Pre-Draft-Workouts in Manhattan vorbei. 45 Minuten lang wird er Zeuge so runder und vielfältiger Bewegungsabläufe, wie sie eigentlich nur eine von Trickfilm-Wissenschaftlern gezeugte Kareem-Magic-Kreuzung bringen kann.

Nur sechs Tage nach seinem 18. Geburtstag geht Milicic direkt nach LeBron James über die Draft-Theke - als am höchsten gezogener Europäer sowie als jüngster Spieler der Liga-Geschichte überhaupt. Doch in dem System der Pistons kann er seine Stärken nicht ausspielen. Zumal Detroit eine Meisterschaft zu gewinnen (Jahr eins), zu verteidigen (Jahr zwei) oder die Finals-Trips zu wiederholen (Jahr drei) hat. Das Kommunikationsproblem Detroit-Darko/Darko-Detroit lässt sich in einer Zahl zusammenfassen: 5,7 Spielminuten im Schnitt nach drei Jahren.

Eine zweite Chance

Im Februar 2006 bekommt Milicic seine zweite Chance. Die Orlando Magic haben einen dünnen Frontcourt und kein funktionierendes System, das durch Einsätze für Darko aus der Balance gebracht werden könnte. Die folgende Saison wird seine erfolgreichste, die Playoffs noch besser. Doch dann reift bei den Magic die Idee, Dwight Howard mit Shootern zu umgeben. Weil sie es für clever halten, Rashard Lewis mehr als 100 Millionen Dollar zu zahlen, muss Milicic gehen.

Schon am ersten Tag der Free Agency schlagen die Memphis Grizzlies zu. Doch als Serbien trotz seiner starken Auftritte bei der EM als Gruppenletzter ausscheidet, brennen Milicic die Sicherungen durch. Nach der finalen, äußerst knappen Niederlage gegen die Griechen faucht er in die TV-Kameras, was er mit den Schiedsrichtern anstellen wird. Das Video verschwindet nicht im Keller, sondern flimmert bald im amerikanischen Fernsehen. Milicic verliert seine letzten Fürsprecher. Grizzlies-Coach Marc Iavaroni ist stinksauer. Ein halbes Jahr später traden die Grizzlies Milicic zu den New York Knicks.

"Hier bekomme ich viele Freiheiten, darf schnell spielen und den Platz hoch und runter rennen", freut er sich. Doch es folgt eine Banklehre, die der bei den Pistons in nichts nachsteht: Darko darf nur achtmal aufs Feld und ist zutiefst frustriert. "Nach der Saison gehe ich nach Europa zurück. Egal, was passiert. Das ist zu 100 Prozent sicher. Das Geld interessiert mich dabei einen Scheißdreck. Ich muss ehrlich sein: In der NBA werde ich es nicht schaffen. Und ich werde auch keine weitere Chance mehr bekommen."

Die Minnesota Timberwolves holen ihn trotzdem für die letzten Saisonwochen, mögen ihn, überreden ihn zum Bleiben und geben ihm einen 20 Millionen Dollar schweren Vierjahresvertrag, der den inzwischen gefestigten Ehemann und Familienvater Milicic mit Dankbarkeit und Demut erfüllt.

"Im Moment könnte ich keinen Ozean treffen"

Doch die aktuelle Saison beginnt für Milicic unsäglich. Er trifft in den ersten fünf Partien vier Würfe - insgesamt. Mit 2,8 Punkten bei 14,3 Prozent Trefferquote ist er in etwa so heiß wie die Temperaturen im winterlichen Minnesota. Einmal mehr regiert der Frust: "Im Moment könnte ich kaum einen Ozean treffen."

Doch Coach Rambis glaubt an ihn: "Mir kommt es so vor, dass er immer noch nicht selbstsicher ist. Ich möchte ihn an einen Punkt bringen, an dem er sich wohlfühlt." Mitte November ist es so weit: Gegen die Lakers sammelt Darko 23 Punkte, 16 Bretter, sechs Blocks und fünf Assists. Der einzige andere Mann, der in einem Wolves-Jersey jemals 20, 15, 5 und 5 gebracht hat, heißt Kevin Garnett.

Was Detroits Fitnesstrainer Arnie Kander 2003 sagte, war stets wahr und ist es noch immer: "Er hat alle körperlichen Voraussetzungen, um zu brillieren." Milicic ist noch immer beidhändig, groß, schnell, beweglich und vielseitig - und gerade erst 25 Jahre alt.

Ein weiteres Anzeichen dafür, dass er wieder für voll genommen wird: Im Zuge seines Gala-Auftritts gegen L.A. (das Spiel ging trotzdem mit 112:95 an die Lakers) erklärt die örtliche "Pioneer Press" Milicic wieder zum Mann. Einem Mann, den Wolves-Präsident David Kahn "wohl mit einem seiner anderen Spieler verwechselt hat, vielleicht hat er bei der Kurzwahl den falschen Agenten erwischt - und bevor er wusste, wie ihm geschah, hatte er mit Darko verlängert". Ob der versteht, dass seine (Wieder-)Eignung als Witz-Vorlage ein wichtiger Schritt auf dem Weg seiner Rehabilitation ist, spielt keine Rolle.

Wichtig ist nur, ob er darüber lachen kann. Falls ja, hat der serbische Patient seine Krankheit endlich besiegt.

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