NBA-Profis Carter und McGrady Egozentrisch, weich, satt

Vince Carter und Tracy McGrady sollten die Nachfolger von Michael Jordan werden. Doch sie scheiterten kläglich. Das Basketball-Magazin "FIVE" analysiert die Gründe - und erklärt, warum sie gerade deshalb stellvertretend für eine ganze Generation stehen.

Ex-Rockets-Star McGrady (rechts): Ausgeburt des jordanschen Heldenkults
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Ex-Rockets-Star McGrady (rechts): Ausgeburt des jordanschen Heldenkults

Von Jan Hieronimi


Lesen Sie im ersten Teil: Wie Vince Carter und Tracy McGrady, zwei Prototypen des perfekten Basketballers, es verpassten, ihre Teams zu Erfolgen zu führen.

Dazu kam das ausgeprägte das Ego. In Orlando tauften ihn die Kollegen zynisch "Amazing", nachdem Tracy McGrady Reportern gesagt hatte, manchmal erstaune (Englisch: "to amaze") er sich selber mit seinem Spiel. Zudem war er geradezu betriebsblind für die Macht seiner Worte. "Kobe Bryant hat Shaquille O'Neal, ich habe niemanden", beschwerte er sich in Orlando und vergrätzte so seine weniger talentierten, aber bemühten Mitspieler.

"Alles ist mein Fehler. Zwei Typen im Publikum hatten Budweiser bestellt, bekamen aber Heineken. Auch mein Fehler", sagte McGrady später. Als er 2004 von Orlando nach Houston transferiert wurde, war in Florida niemand unglücklich darüber. Und sechs Jahre später rollten auch die Rockets ihrem Star einen roten Teppich in Richtung New York aus, nachdem "T-Mac" mehr Spielzeit oder einen Trade gefordert hatte.

Auch Vince Carter steht im Herbst seiner Karriere. Auch er muss sich mit der Frage beschäftigen, wie er eines Tages in Erinnerung bleiben wird. Und mit seinen Fehlern. Sein mittelmäßiges Raptors-Team ließ er am Ende hängen, urplötzlich brach sein Punkteschnitt um 6,4 Punkte ein. Später gab er zu, nicht immer vollen Einsatz gegeben zu haben. Wo Michael Jordan Siegeswillen aus den Niederlagen seiner frühen Jahre zog, flüchtete Carter sich in Selbstmitleid. Weil er zudem Verletzungen zelebrierte wie ein Profi-Wrestler und den Kraftraum nur an Feiertagen aufsuchte, galt er bald als weich.

Und weil er in Toronto, nach seinem Trade zu den New Jersey Nets an der Seite von Jason Kidd und Richard Jefferson sowie in Orlando neben Dwight Howard nie wirklich in Reichweite des Titels kam, gilt er bis heute als Verlierer. Carter sieht sich als Opfer der Umstände. "Ich kann nur spielen und mich auf die Aufgaben konzentrieren, die vor mir liegen", erklärt er. "Wenn alles gesagt ist, wird meine Karriere vielleicht für einige Leute gut genug sein, für andere nicht. Ich werde meinen Kopf in jedem Fall hoch tragen. Wenige Leute dürfen so lange in der Liga spielen wie ich."

Selbst im Duo hätten sie einander nicht retten können

Vielleicht ist ja auch nur eine Sache schiefgegangen, ganz am Anfang ihrer Geschichte. Denn "VC" und "T-Mac" verbindet mehr als nur ihr Starstatus mit schwindender Strahlkraft. Immerhin zwei Jahre lang standen die entfernten Cousins im selben Team. McGrady kam schon 1997 nach Toronto. In der NBA hatte der Schuljunge die zu erwartenden Anpassungsprobleme. Und so zog - kaum dass er ein Jahr später als fünfter Pick ebenfalls nach Kanada gekommen war - Carter schnell an ihm vorbei, gewappnet mit drei Jahren College-Erfahrung an der renommierten University of North Carolina.

"Vince The Prince" wurde umgehend zum nächsten Michael Jordan verklärt. Die Sprungkraft, die Uni, das Lächeln, die Spielweise, der Sponsor, der Hype - die Parallelen waren zu offenkundig für Zurückhaltung. McGrady dagegen feierte ein eher stilles Coming-out, ein zunehmend stärkerer Sixth Man wuchs da heran. Dass er mehr zu leisten vermochte, war ihm schon damals klar. Neben Carter wollte er nicht versauern. So zerbrach mit seinem Wechsel nach Orlando im Sommer 2000 das Duo, noch bevor es wirklich zusammenwachsen konnte.

Heute sagt McGrady, Toronto hätte "ohne jeden Zweifel" die NBA-Finals 2001 erreicht, wenn er geblieben wäre. "Es war eine perfekte Situation, die perfekte Chemie", sagt McGrady, was natürlich die Frage aufwirft, wieso er dieses derart perfekte Team so dringend verlassen wollte. Und auch sonst gibt es eine Menge Fragezeichen: Wer hätte bei zwei derart wurffreudigen Flügelspielern die Drecksarbeit verrichtet? Wie hätten zwei so ausgewachsene Egos in einen Kader gepasst - oder wäre McGradys Durchbruch mit einem etablierten Star im Team ausgeblieben? Nein, selbst im Duo hätten sie einander nicht retten können.

Einfach nur zu früh zu dominant?

Und so bleiben sie in jenem seltsamen Schwebezustand: Als Superstars für einen Großteil ihrer Karriere, aber nie ganz oben angekommen. Gesegnet mit Talent, jedoch nie verbissen genug, um das Maximum daraus zu machen. Heute sind sie zwei Beispiele für die Millennium-Stars. Jene Vertreter der "Generation Next" der Nullerjahre, die durch egozentrisches Gehabe und große Zahlen auffielen, aber nicht durch Titel. Gemeint sind die Ball-Festhalter und Dauerdribbler, die im Eins-gegen-eins ihr Heil suchten.

Ausgeburten des jordanschen Heldenkults, ohne aber dessen Ehrgeiz und Arbeitswillen zu besitzen. Darryl Morey, General Manager der Houston Rockets, hat seine eigene Theorie für die durchwachsene Karriere jener Supertalente vom Kaliber seines einstigen Schützlings McGrady: "Sein Talent war immer schon außerirdisch. Ich glaube jedoch, dass genau das seine Entwicklung behindert hat. Schon in der Highschool sieht man das, wenn Spieler so unglaublich talentiert sind. Diese Physis und sein Talent, die ihn derart dominieren ließen, seine riesige Spannweite, seine Größe, seine Spielintelligenz, verhinderten am Ende, dass er sein Potential wirklich abrufen konnte."

Vielleicht ist das auch schon alles, was schiefgegangen ist. Zu viel Ruhm, Ehre und Geld. Zu viel von allem für zu wenig Arbeit in einer Liga, die dank der Erfolge von Jordan und Co. zu einer Wohlfühl-Liga geworden war. Zu wenig Hunger.

McGrady und Carter: Vielleicht sind sie genau deswegen die zwei passenden Gesichter dieser Ära.



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