NBA-Star Stephen Curry Die Revolution des Babyfaces

In einer Liga der Muskelprotze ist er die Ausnahme: Basketball-Profi Stephen Curry ist nicht groß oder kräftig. Dennoch dominiert er die NBA - und steht vor einem historischen Rekord.
Stephen Curry

Stephen Curry

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James Lackey war einer der Ersten, die den besten Basketballer der Welt unterschätzt haben. 15 Jahre ist das her, der Kanadier trainierte damals eine Highschool-Mannschaft in Toronto. "Eines Tages hörte ich, dass ein NBA-Profi seinen Sohn bei uns anmelden wollte." Dell Curry spielte damals für die Toronto Raptors, das einzige kanadische Team der NBA. Lackey war sich sicher, dass Currys 13-jähriger Sohn ebenfalls groß und athletisch sein musste. "Doch als ich Stephen das erste Mal sah, war ich enttäuscht. Er war so schmächtig und winzig. Ich dachte noch: Wahrscheinlich ist er kein guter Basketballer."

Stephen Curry belehrte seinen Coach eines Besseren. In der folgenden Saison erzielte der kleine Aufbauspieler pro Spiel im Schnitt mehr als 30 Punkte, die kleine Highschool in Toronto verlor mit ihm keine einzige Partie.

Curry hat seitdem nicht aufgehört, die Experten zu überraschen. 2015 führte er die Golden State Warriors zum NBA-Titel und wurde als wertvollster Spieler ausgezeichnet. Es sah so aus, als habe der 28-Jährige sein Limit erreicht. Von wegen. Der Point Guard entwickelte sich noch einmal weiter: In dieser Saison steigerte er seinen Punkteschnitt von knapp 24 auf 30 Punkte pro Spiel und verbesserte seine Wurfquote auf über 50 Prozent - ein überragender Wert für einen Spieler, der vor allem aus der Distanz wirft und wenige Punkte am Korb erzielt.

Angeführt von Curry stehen die Warriors kurz davor, einen Rekord zu brechen, der für die Ewigkeit gemacht schien. 72 Siege in 82 Spielen, so lautete die Bilanz der Chicago Bulls 1995/1996. Michael Jordan, Scottie Pippen, Dennis Rodman - das Team, das drei Meisterschaften in Serie gewann, gilt als bestes der NBA-Geschichte. Und nun braucht Golden State nur noch fünf Siege aus sieben Spielen, um die Bestmarke zu knacken. Es wäre eine Sensation.

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NBA: Kreativ wie Magic Johnson, treffsicher wie Air Jordan

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Denn Curry ist kein typischer NBA-Superstar. Er ist längst nicht so groß wie Dirk Nowitzki, Tim Duncan oder Kevin Garnett und auch nicht so athletisch oder sprunggewaltig wie Jordan, LeBron James oder Kobe Bryant. Curry ist 1,91 Meter groß, er wiegt 86 Kilo und schafft gerade mal so einen Slam Dunk. Doch er kombiniert die Grundfähigkeiten im Basketball so gut wie kein anderer Spieler in der NBA-Geschichte: dribbeln, passen, werfen.

"Stephen passt so kreativ wie Magic Johnson, er dribbelt so geschickt wie John Stockton, trifft seine Dreipunktewürfe so sicher wie Reggie Miller und ist so schnell wie Isiah Thomas", sagt sein Highschool-Coach Lackey.

Dazu kommt eine Sache, die Curry einzigartig macht. Seine Wurfbewegung läuft so rasant ab wie bei keinem anderen Spieler in der NBA. Nur 0,3 Sekunden dauert es von der Ballaufnahme bis zu jenem Moment, an dem das Spielgerät Currys Hand verlässt. Der durchschnittliche NBA-Profi braucht mindestens eine Zehntelsekunde länger. Dieser Unterschied mag minimal klingen, er ist aber der entscheidende Grund, warum Curry auch gegen deutlich größere Spieler jederzeit werfen kann.

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Mit seiner Spielweise hat der "Killer mit dem Babyface" - so lautet sein martialischer Spitzname - die NBA revolutioniert. In der aktuellen Saison gibt es mehr erfolgreiche Dreipunktewürfe als je zuvor. Der Rekord liegt bei 55.137 Treffern, bis zum Ende der Hauptrunde könnten es laut einer ESPN-Hochrechnung etwa 58.500 werden. Kein Team hat so erfolgreiche Distanzschützen wie Golden State, mit Klay Thompson spielt auch der zweitbeste Werfer beim Meister. Und in den entscheidenden Schlussphasen spielen die Warriors meist ohne Center, also ohne einen Spieler direkt am Korb, sondern mit fünf etwa gleich großen Spielern, die alle in der Lage sind, Dreipunktewürfe zu treffen.

Das System von Golden State steht und fällt jedoch mit Curry. Um zu erklären, wie intensiv sein ehemaliger Schüler seinen Wurf trainiert hat, erzählt Lackey eine kleine Geschichte. Im Laufe der Highschool-Saison in Toronto beobachtete er seinen besten Spieler, wie dieser im Training plötzlich begann, anders zu werfen. Er stellte seinen Wurf um, vom kindlichen Wurf auf Schulterhöhe zum Erwachsenenwurf über dem Kopf. "'Was machst du da?', habe ich ihn gefragt, 'du machst in jedem Spiel 30 bis 40 Punkte, du brauchst doch nichts zu ändern. Doch Stephen sagte: "Mein Vater meint, dass mein Wurf nicht mehr gut genug ist, wenn ich älter bin. Darum muss ich damit jetzt anfangen.'"

Video: Stephen Curry bei einem Show-Spiel an seiner Highschool

James Lackey

Auch heute arbeitet Curry jeden Tag an seinem Wurf, sagt der NBA-Profi: "Ich mag meine Trefferquote, aber ich will sie noch weiter steigern." 360 Dreipunktewürfe hat er in dieser Saison verwandelt und damit seinen eigenen Rekord von 286 Treffern längst übertroffen.

Nike wollte ihn nicht

Obwohl seine Treffsicherheit auch im College auffällig war, zweifelten Experten lange daran, ob er sich in der NBA würde durchsetzen können. In einem Scoutingbericht von 2008 heißt es, Curry liege in Sachen Explosivität und Athletik "deutlich unter den NBA-Standards", für einen Shooting Guard sei er "extrem klein. Und mehr noch: "Obwohl er in diesem Jahr als Aufbauspieler aufläuft, ist er kein Point Guard, der ein NBA-Team führen kann."

Auch die Sponsoren unterschätzten Curry. Bevor er beim Sportartikelhersteller Under Armour unterschrieb, hatte Marktführer Nike zweimal die Chance, ihn unter Vertrag zu nehmen. Doch der US-Riese verzichtete und musste zuschauen, wie der Newcomer Umsatz und Gewinn Jahr für Jahr um 30 Prozent steigerte. Auch dank Curry stieg Under Armour zur Nummer zwei im US-Geschäft auf.

Sein Highschool-Coach Lackey kann es immer noch nicht fassen, wenn er darauf angesprochen wird: "Ich bin nicht der einzige, der ihn unterschätzt hat. Aber ich war der erste und darauf bin ich nicht besonders stolz."

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