NBA-Team Cavaliers Als Cleveland vier Trainer in einer Saison verschliss

82 Spiele, vier Trainer, ein planloser Clubbesitzer: Die Geschichte der Cleveland Cavaliers ist voll skurriler Anekdoten - aber die Saison 1981/1982 war etwas Besonderes. Im ersten Teil der Cavs-Historie beleuchtet das Basketball-Magazin "FIVE" die Anfangsjahre des Teams.

Forward Nance (r.): Ab 1988 bei den Cavaliers
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Forward Nance (r.): Ab 1988 bei den Cavaliers

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Es ist nicht leicht, ein Sportfan in Cleveland zu sein. Um die Wut der Anhänger nach der Flucht von Basketballstar LeBron James zu den Miami Heat im Juli 2010 zu verstehen, reicht ein simpler Fakt: Seit 1964 wartet Cleveland auf einen Titel in einer der großen US-Sportarten American Football, Baseball, Eishockey und Basketball. 46 Jahre ohne NBA-Ringe, ohne World-Series-Trophäe, ohne Super-Bowl-Triumph oder Stanley Cup.

In keiner US-Metropole warten die Fans länger, nirgends waren die Fans öfter so nah dran - um dann doch noch alles zu verlieren. Wenn dann der wohl beste Athlet einer kompletten Liga seinem Heimatstaat den Rücken kehrt und die Entscheidung auch noch in einer landesweit übertragenen Fernsehshow zelebriert, dann fallen die Reaktionen entsprechend aus. Auf Youtube waren schon kurz nach der TV-Übertragung brennende James-Trikots zu sehen.

Aber so richtig überrascht hat die Katastrophe eigentlich niemanden. Immer wenn ein Team in Cleveland zum sportlichen Höhenflug ansetzt, folgt wenig später der Absturz. So ist auch die Team-Geschichte der Cavaliers voll von Beinahe-Triumphen und knapp verpassten Siegen.

Im Frühjahr 1976 standen die Cavaliers in ihrer sechsten NBA-Saison und vor ihrem ersten Playoffspiel überhaupt.

Gegner war der Vizemeister aus Washington - gierig darauf, die 0:4-Finalpleite gegen Golden State aus dem Vorjahr wettzumachen. Cleveland und Washington gingen mit je zwei Siegen ins fünfte Spiel. Entsprechend elektrisiert war die Stimmung im Richfield Coliseum vor dem wichtigen Heimspiel der Cavs. "Als wir den Court betraten, stampften die Zuschauer so mit den Füßen, dass die ganze Halle bebte", erinnert sich Guard Austin Carr. Sekunden vor dem Ende verfehlte Bingo Smith zwar den Korb, sein Wurf geriet jedoch zur unfreiwilligen Vorlage für Teamkollege Jim Cleamons, der mit der Schlusssirene zum 92:91 einnetzte. Den 2:3-Rückstand egalisierte Washington mit einem Heimsieg im sechsten Spiel, beide Mannschaften trafen sich in Ohio zur entscheidenden Partie.

Das Wunder von Richfield

Auch dieses Spiel wurde durch einen Treffer in letzter Sekunde, den dritten der Serie, entschieden. Dieses Mal war es Cavs-Veteran Dick Snyder, der den Ball hoch ans Brett und zum 87:85 in den Korb legte. Die begeisterten Zuschauer stürmten den Court, die Medien feierten das "Wunder von Richfield", und auch dem letzten Basketball-Fan in Ohio war klar: Die Premiere in der Meisterrunde hatte zwar auf sich warten lassen - doch das Warten hatte sich gelohnt. In der nächsten Runde erwies sich Boston jedoch als zu stark.

1979 verließ Trainer Bill Fitch das Team. Noch wichtiger: Auch in die Führungsriege des Vereins kam Bewegung. Gründer Nick Mileti trat den Verein, mittlerweile in finanzieller wie sportlicher Schieflage, ab. Über Umwege geriet der Club in den Besitz von Ted Stepien.

Chaos-Ära unter Club-Boss Stepien

Der Medien-Mogul versprach bei seiner Übernahme 1980 nicht weniger als die sofortige Playoffteilnahme. Dass die Cavaliers mit einem untalentierten Kader wenig Chancen auf einen Platz in der Postseason haben würden, störte den selbstbewussten Stepien wenig.

Sein Aktionismus - in Kombination mit der Unfähigkeit, talentierte Spieler zu erkennen - sorgte für eine Vielzahl an Transfers, die den Club auf Jahre hinaus schwächen sollten. Als Sinnbild für den Absturz der Cavaliers gilt die Saison 1981/82. 15 Siege bei 67 Niederlagen bedeuteten weit abgeschlagen den letzten Platz in der Eastern Conference. Noch bemerkenswerter war jedoch das Wechselspiel auf der Trainerbank. Don Delaney wurde nach 15 Spielen abserviert, Bob Kloppenburg hielt den Platz für drei Partien warm. Chuck Daly feuerten die Cavaliers nach 41 Begegnungen (und nur neun Siegen). In den letzten 23 Spielen betreute Bill Musselman das Team. Die Cavaliers gewannen zwei.

Stepien zwang schließlich sogar die Liga zur Intervention. Nachdem die Cavs reihenweise Draftpicks im Tausch gegen Bankdrücker verschleudert hatten, führte die NBA (zur Enttäuschung aller anderen Manager) die "Stepien Rule" ein. Diese verbietet es den Clubs, in aufeinanderfolgenden Jahren Erstrunden-Picks abzugeben. Sicher nicht das Erbe, das der 2007 verstorbene Stepien bei seiner Vision von der Zukunft der Cavaliers vor Augen hatte. Noch bei seinem (nur bedingt freiwilligen) Abgang 1983 gab er zu Protokoll: "Ich habe nichts falsch gemacht. Ich habe den Club vor der Pleite gerettet." 66 Siege bei 180 Niederlagen, 15 Millionen Dollar Verlust und fünf verschiedene Trainer - die Bilanz seiner Zeit als Clubchef unterstützt diese Selbsteinschätzung nicht.

Mitte der achtziger Jahre stellte sich langsam wieder sportlicher Erfolg ein. Mit Lenny Wilkens stand von 1986 bis 1993 ein erfahrener, souveräner Trainer an der Seitenlinie. Dazu kamen Spieler wie Mark Price, Brad Daugherty und Ron Harper (alle 1986) ins Team, 1988 zudem der hochtalentierte Forward Larry Nance. Die Cavs hatten nun alle Komponenten eines Playoffteams zusammen. Unglücklicherweise überschnitt sich der Leistungszenit des Teams aus Ohio ziemlich genau mit dem der Chicago Bulls um Superstar Michael Jordan. Schon 1988 scheiterten die Cavs gegen den Konkurrenten aus Illinois - die bitterste Pleite folgte jedoch erst ein Jahr später.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil des FIVE-Artikels über die Teamgeschichte der Cavaliers: Wie Michael Jordan mit einem einzigen Wurf den Weg von gleich zwei Team bestimmte - und wie ein anderer Spieler mit der Nummer 23 Hoffnung nach Cleveland brachte.



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