NBA-Team Cleveland Cavaliers Alptraum Nummer 23

NBA-Legende Michael Jordan hat viele Gegner gedemütigt - doch kaum ein Team musste so leiden wie die Cleveland Cavaliers. Im zweiten Teil der Cavs-Historie beleuchtet das Basketball-Magazin "FIVE" einen Wurf, der den Club aus Ohio mitten ins Herz traf.

Bulls-Guard Jordan (l./im Februar 1992): Nemesis der Cleveland Cavaliers
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Bulls-Guard Jordan (l./im Februar 1992): Nemesis der Cleveland Cavaliers

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Dies ist der zweite Teil des "FIVE"-Artikels über die Teamgeschichte der Cleveland Cavaliers. Zum ersten Teil gelangen Sie hier.

Sogar der Reporter der "Chicago Sun Times" verlor für einen Augenblick die Beherrschung. Hinter dem Anschreibetisch sprang Lacy J. Banks auf, riss beide Arme in die Luft und führte ein Tänzchen auf. Journalistische Distanz hin oder her, plötzlich war er nur noch Bulls-Fan. Auf dem Platz drehte Chicago-Trainer Doug Collins Ehrenrunden, herzte Spieler, Betreuer und Kameramänner - und sprang schließlich mitten in die Jubeltraube seiner Profis. Auf den Rängen des Richfield Coliseums dagegen herrschte eisige Stille. Die Szenen am Abend des 7. Mai 1989 waren mehr als nur der Jubel der Bulls über eine gewonnene Playoffserie. Hier entschied sich mit einem Spielzug das Schicksal von zwei NBA-Clubs.

Wenige Minuten zuvor: Die Bulls lagen im entscheidenden Spiel der ersten Playoffrunde 99:100 bei den Cleveland Cavaliers zurück. Noch drei Sekunden standen auf der Uhr. Michael Jordan kam nach einem Einwurf an den Ball, hob ab - und stand wie schwerelos in der Luft. Verteidiger Craig Ehlo, einer der besseren Defensivspieler in der NBA, sprang ebenfalls. Landete wieder. Jordan schwebte noch immer, ließ erst dann den Ball los. Sein Schuss über Ehlos ausgestreckten Arm fand den Korb, gleichzeitig dröhnte die Schlusssirene. 101:100 für Chicago - Jordans anschließender Luftsprung mit geballter Faust gilt noch heute als eines der bekanntesten Bilder der NBA-Geschichte.

Es war bei weitem nicht der erster Buzzer-Beater für Nummer 23, wohl aber der bis dahin bedeutendste. "The Shot", wie der Spielzug schon bald genannt wurde, war der erste große Schritt in Jordans Wandlung vom reinen Scorer zum Crunchtime-Spezialisten. Für die Cavaliers dagegen bedeutete die Pleite gegen den Außenseiter aus Chicago den Anfang des Niedergangs. Verletzungen verhinderten im folgenden Jahr die Playoffteilnahme. Mit einem starken Kader startete Trainer Wilkens 1991/1992 einen letzten Anlauf auf die Krone im Osten. Im Conference-Finale setzte es eine 2:4-Pleite - gegen Jordan und Chicago.

In der Folge entwickelte sich das Duell mit den Bulls zur regelmäßigen Demütigung für Club und Anhänger. Immer wieder stand nach der regulären Saison die Playoffteilnahme und fast schon rituell das Aus gegen "MJ" und Co. Chronische Verletzungen von Leistungsträgern wie Point Guard Mark Price und Center Brad Daugherty sorgten für ein jähes Ende der Cavaliers-Renaissance. Es folgte ein Trainerwechsel, der eine neue, radikale Philosophie nach Cleveland brachte.

Die Langeweile vor "King James"

Selbst hartgesottenen Basketball-Puristen dürfte beim Anblick der Cavaliers gegen Mitte der neunziger Jahre ein wenig mulmig geworden sein. Unter Trainer Mike Fratello geriet jede Partie zur Geduldsprobe für die Spieler und erst recht für die Zuschauer. Dabei hielt sich der Coach nur an eine simple Rechnung: Sein Team versagte im Angriff regelmäßig, rangierte am Ende der Scoringliste. In der Saison 1995/96 gelangen nur den Vancouver Grizzlies (89,8 Punkte pro Partie) weniger Körbe als den Cavaliers (91,1). Um trotzdem erfolgreich zu sein, trimmte Fratello die Mannschaft auf bedingungslose Defensivarbeit.

Methodisch, humor- und auch gerne einmal etwas skrupellos unterbanden die Cavaliers jede Form von Tempo-Basketball - beim Gegner und in den eigenen Reihen. Stattdessen beschränkte sich Fratellos Ensemble auf methodische Halbfeld-Offensive und endlose Passstafetten in und aus der Zone. Das Resultat: Nur 88,5 Punkte erzielten die gegnerischen Teams im Schnitt, der mit Abstand beste Wert der Liga.

Michael Jordan und die Chicago Bulls (die die Saison mit der Rekordbilanz von 72 Siegen bei nur zehn Niederlagen beendeten) kassierten als zweitbeste Defensivmannschaft 92,9 Zähler pro Partie. In sechs Jahren als Cavaliers-Trainer führte Fratello seine Mannschaft trotz des teils haarsträubenden Verletzungspechs viermal in die Playoffs. Hier war jedoch stets in der ersten Runde Endstation. 1999 meuterten sogar die geduldigen Fans in Cleveland ob des unansehnlichen Offensivspiels der Mannschaft. Fratello musste gehen. Die folgenden Trainer verlagerten den Fokus weg von der reinen Defensivarbeit. Ohne Erfolg: Bis zur nächsten Playoffteilnahme mussten die Cavs sieben Jahre warten.

Neue Hoffnung dank LeBron James

Erst unter der Führung von LeBron James schafften die Cavaliers die Rückkehr an die Spitze des Ostens. Doch bei allem Talent ihres Small Forwards: Zum ganz großen Wurf reichte es noch immer nicht. Die Finalteilnahme 2007 ließ die Fans wieder einmal hoffen, das 0:4 gegen die San Antonio Spurs traf den Club umso härter. Zwei Conference-Titel (die ersten in Clevelands Geschichte) sollten James' größte Erfolge mit den Cavaliers bleiben.

Im Spannungsbogen hin zum "Summer of LeBron" und der wohl wichtigsten Personalentscheidung in der Historie des Vereins blieb den gebeutelten Cavs-Anhängern die durchaus realistische Chance, dass ihr Idol der Heimat treu bleiben könnte. Doch dann verkündete dieser seinen Wechsel zu den Miami Heat - und ließ die Fans in Cleveland fassungslos zurück. Dabei hätten sie doch wissen müssen: Die Nummer 23 hat den Cavaliers noch nie Glück gebracht.



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