Doping-Dokumentation "Icarus" Wer führt hier Regie?

Grigori Rodschenkow war der Kopf des russischen Staatsdopings. Das wusste der US-Regisseur Bryan Fogel bei seinem ersten Treffen mit dem Wissenschaftler nicht. So wurde seine Dokumentation "Icarus" zur Bühne für einen Verbrecher.
Regisseur Fogel lässt sich untersuchen

Regisseur Fogel lässt sich untersuchen

Foto: NETFLIX

Wer Angst vor Spritzen hat, wird bei diesem Film häufig wegschauen müssen. Wer kein Blut sehen kann, auch. Das gilt allerdings nur für die erste Hälfte der Dokumentation "Icarus" (Netflix, ab dem 4. August) - danach wird man Zeuge, wie der wohl größte Dopingskandal der Sportgeschichte ins Rollen kommt.

Am Anfang des Films steht die Haute Route, eines der schwersten Radsportamateurrennen der Welt, eine Herausforderung über 800 Kilometer. Steile Anstiege und schwierige Abfahrten machen sie zu einer Tour de France der Amateure. Wer hier gewinnen will, muss mehr als nur Hobbysportler sein.

Der US-Regisseur Bryan Fogel begann aus diesem Grund 2014 einen Doping-Selbstversuch und eiferte seinem früheren Idol Lance Armstrong nach. Das Experiment war groß angelegt, mit professioneller Beratung. Fogel wollte herausfinden, wie weit er sich mit illegalen Substanzen verbessern kann, er wollte die Rundfahrt durch die europäischen Berge gewinnen.

Don Catlin, einer der wichtigsten Wissenschaftler im Anti-Doping-Kampf, ist zu Beginn Fogels erster Ansprechpartner bei seinem Experiment. Als ihm das Vorhaben zu "heiß" wird, empfiehlt Catlin Fogel einen früheren Weggefährten: Grigori Rodschenkow, ein ehemaliger Läufer und promovierter Chemiker, der über Jahrzehnte mit Dopingsubstanzen experimentiert hat - und schon immer ein Doppelleben führte: Er ist der frühere Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors.

Grigori Rodschenkow

Grigori Rodschenkow

Foto: DPA

Bei Fogels erstem Kontakt mit Rodschenkow 2014 weiß der Regisseur noch nichts von den Abgründen, die sich bald um seine Bekanntschaft auftun werden. Er weiß nicht, dass Rodschenkow als Leiter des russischen Anti-Doping-Labors zahlreichen heimischen Athleten verbotene Mittel verabreicht hatte, durch die sie dann 33 Medaillen bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi gewinnen konnten. Das alles erfährt Fogel erst aus ARD-Enthüllungen, dem McLaren-Report Ende 2015 und aus häufigen Skype-Telefonaten, die er mit Rodschenkow führt.

Wäre Fogels Rolle die eines Journalisten, man spräche von Reporterglück. Doch Fogel verliert die Distanz zu Rodschenkow, der Filmemacher, dessen bisher größter Erfolg das Off-Broadway-Musical "Jewtopia" war, und der Wissenschaftler werden Freunde.

"Ich habe Sportler vor schlechten Steroiden bewahrt"

Bei allen handwerklichen Schwächen, die der Film hat - er funktioniert auf seine Weise. "Icarus" hat viele Details über das systematische Doping in Russland erst hervorgebracht. Fogels Film erklärt das Vorgehen der russischen Doping-Experten (zum Beispiel mit "Mauslöchern", durch die Dopingproben illegal ausgetauscht worden sind) und zeigt, wie einfach die Vertuschung gelingt. Und er lässt Rodschenkow ausgiebig zu Wort kommen, seine eigenen Verbrechen enthüllen. Die Folge: Rodschenkow wird während der Dreharbeiten in Russland als Verräter gejagt, der Whistleblower flieht zu seinem neuen Freund in die USA. Heute sitzt er im Zeugenschutzprogramm des FBI.

Regisseur Fogel

Regisseur Fogel

Foto: NETFLIX

An vielen Stellen der Dokumentation bekommt man das Gefühl, der Russe ist berauscht von seinem Wissen, seinen Methoden, seinen Errungenschaften. Wenn er erzählt, wie er den russischen Athleten half, ohne Strafen davonzukommen. Das Problem ist die Nähe von Fogel zu Rodschenkow. Der Russe darf die Plattform als selbstgerechter Anti-Doping-Kämpfer nutzen und kann unkommentiert Sätzen sagen wie: "Ich habe Sportler vor schlechten Steroiden bewahrt." Fragen nach Schuldbewusstsein gibt es nicht.

Bereits während ihres ersten Skype-Gesprächs 2014 entsteht eine merkliche Sympathie zwischen Fogel und dem Dopingexperten. Sie plaudern über ihre Hunde und tüfteln an Fogels Experiment. Nach der Haute Route, die für Fogel mit einer Enttäuschung endet, trinken sie in Moskau Wodka. Als Rodschenkow ins Visier der russischen Regierung gerät, die einen Verantwortlichen für den Skandal präsentieren will, verhilft ihm Fogel zur Flucht nach Amerika.

Vom Regisseur zum Anwalt eines Verbrechers

Spätestens jetzt beschleicht einen das Gefühl, Rodschenkow habe die Filmregie übernommen. Fogels Rolle besteht vor allem darin, seinen neuen Freund zu schützen. Den Gipfel erreicht diese Rolle bei einem Termin mit ausgewählten und ziemlich aufgebrachten Mitgliedern des IOC. Der Russe hatte sie über Jahre vorgeführt, doch nun müsse man Rodschenkows Rolle als Aufklärer anerkennen, sagt Fogel. Auf die Frage eines IOC-Mitglieds, ob "er", Rodschenkow, sich schuldig fühle, fragt Fogel schlicht: "Wer?"

Man würde gern wissen, was Catlin über die Arbeit seines früheren Freundes Rodschenkow denkt. Der 79-Jährige jagte Jahrzehnte lang Dopingsünder. Den früheren Radprofi Lance Armstrong hatte Catlin 50-mal auf Doping getestet - immer fiel das Ergebnis negativ aus. Im sportlichen Ruhestand, 2013, gestand Armstrong die jahrelange Einnahme von leistungssteigernden Mitteln dann selbst in einem TV-Interview.

Der Wissenschaftler hätte Armstrong nie überführen können. Catlin wirkt darüber nicht verbittert, als er Fogel davon erzählt. Aber Catlins Anti-Doping-Kampf ist auch deswegen so aussichtslos, weil es Fachleute wie den russischen Dopingkollegen gibt. "Icarus" zumindest erweckt den Anschein, Rodschenkow sei als Held aus der Geschichte hervorgegangen.

"Icarus": Ab 4. August bei Netflix

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