NFL-Kicker Immer kurz vor dem Rausschmiss

Kicker in der NFL gelten nicht als "richtige" Footballer. Sie kommen nur selten aufs Feld, trotzdem werden Fehler kaum verziehen. Einer der wenigen Stars ist Adam Vinatieri, doch selbst bei ihm kann jeder Fehlschuss die Kündigung bedeuten.

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Ein paar Schritte nach hinten, zwei zur Seite, anlaufen, schießen. Und dann hoffen. Hoffen, dass der Ball durch die Stangen fliegt. Für die Kicker in der NFL ist jedes Field Goal eine Bewerbung - gleichzeitig könnte es das letzte vor der Entlassung sein. Held oder Versager, nur ein paar Schritte und wenige Sekunden entscheiden darüber.

Adam Vinatieri gehört eindeutig zur ersten Kategorie. Der 41-Jährige ist schon jetzt eine Legende in der Football-Profiliga. Dreimal gewann er mit den New England Patriots den Super Bowl, 2002 und 2004 entschied er das Finale sogar. Auch mit seinem aktuellen Team, den Indianapolis Colts, hat Vinatieri schon die Meisterschaft geholt (2007).

Dieses Jahr träumt der Kicker wieder vom Titel, im Viertelfinale trifft er in der Nacht auf Sonntag (2.15 Uhr, TV: Sat.1) ausgerechnet auf die Patriots. Dann könnte er an seiner alten Wirkungsstätte erneut zum entscheidenden Mann werden.

Hobbits unter Giganten

Eigentlich scheint sein Job und der seiner Kicker-Kollegen recht simpel. Sie sollen den Football zwischen zwei aufrechten Stangen hindurch schießen. Das passiert nach Touchdowns für einen Extrapunkt - und eben für Field Goals, die drei Punkte zählen. Bei den Extrapunkten beträgt die Distanz 19 Yards (rund 17,4 Meter), bei Field Goals variiert sie zwischen 18 Yards (16,5 Meter) und der Rekordweite von 64 Yards (58,5).

Deshalb ist der Job auch nicht so einfach, wie er auf den ersten Blick erscheint - auch wegen des enormen Drucks. Trainer, Teamkollegen und Fans gehen davon aus, dass jeder Versuch auch ein Treffer ist. Kicker werden deshalb oft ausgetauscht: Ist der eine nicht mehr konstant genug, holt man eben einen neuen.

Auch der Alltag der Kicker ist anders als der ihrer Mitspieler. Sie leben in ihrem eigenen Kosmos, trainieren selten mit dem Rest des Teams, während der Spiele halten sie sich in der Regel abseits ihrer Mannschaft auf. Die meiste Zeit verbringen Kicker mit Warten und mit der immer gleichen Routine, um sich bereit zu machen für den nächsten Schuss. "Ich bin höchstens 60 Sekunden pro Spiel auf dem Feld" sagte Vinatieri einmal der "New York Times". NFL-Spiele dauern im Schnitt rund drei Stunden.

Der Stellenwert der Kicker innerhalb der Mannschaften ist in der Regel ebenfalls nicht hoch, das zeigt sich nicht nur am geringeren Gehalt. Neben ihren durchtrainierten Teamkollegen sehen sie aus wie Hobbits aus "Herr der Ringe". Unter Athleten stellen sich die Fans etwas anderes vor.

Tunnelblick für 1,5 Sekunden

Vinatieri bildet die Ausnahme, er gilt als "richtiger" Footballer, seit er als Rookie 1996 einen Gegner hart tackelte. "Du bist mehr als ein Kicker, du bist ein Football-Spieler", lobte ihn sein damaliger Coach Bill Parcells im Anschluss. "Das bedeutete mir die Welt", sagte Vinatieri einmal dem Magazin "Time".

Neben dem Trainieren des immer wieder gleichen Bewegungsablaufs ist die Psyche für Kicker extrem wichtig. Gehen sie aufs Feld, lastet eine enorme Erwartungshaltung auf ihnen. Der Ablauf muss perfekt klappen, kleinste Fehler haben schon große Wirkung. Der Long-Snapper wirft zum Holder, der den Ball festhält. Der Kicker muss im richtigen Moment anlaufen und optimal treffen. Höchstens 1,5 Sekunden dauert diese Phase, länger können die Teamkollegen die Verteidigung kaum zurückhalten. Wenn es den Gedanken an einen Fehlversuch gibt, ist es schon zu spät. Dann ist auch der Arbeitsplatz in Gefahr.

Vinatieri gilt als der Kicker mit den besten Nerven. "Es gibt niemanden, und ganz sicher keinen Kicker, den ich in Bezug auf mentale Stärke und Konzentrationsfähigkeit vor ihm sehe", sagte New Englands Coach Bill Belichick einmal.

Neben dem Tunnelblick bringt Vinatieri aber auch noch eine weitere wichtige Eigenschaft mit, die ein Kicker haben muss: ein kurzes Gedächtnis. Beim ersten Super-Bowl-Sieg der Patriots 2002 hatte Vinatieri in der ersten Hälfte zwei Field Goals vergeben. Sieben Sekunden vor Spielende sollte er beim Stand von 17:17 den Sieg bringen - aus großer Distanz, 48 Yards Entfernung (43,9 Meter).

Vinatieri lief an und traf.



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JoHe 11.01.2014
1. Football ist an sich kein richtiger Sport...
...da gibts einen der nur werfen kann, dann ein paar die dick sind und die anderen aus dem Weg schieben sollen und evtl. den ein oder anderen Athleten der dann sogar mal bisschen laufen muss. Alle Spielzüge sind nach wenigen Sekunden vorüber. Urlangweilig, verstehe bis heute nicht, wie so viele Menschen jedes Jahr den Super Gääähhn Bowl anschauen können. Ein Sport nach dem Geschmack der Amis: Da kann man mal zwischendurch Hotdogs und Bier holen, aufs Klo gehen und verpasst nix. Da is mir der Kicker sogar noch liebste auf dem Feld, der spielt zumindest fast Fussball ;)
frank_w._abagnale 11.01.2014
2. Was die Wenigsten wissen.
Sogar die alte Schalker-Fußballlegende Manfred Burgsmüller hat nach seiner Fußballkarriere in der NFL als Kicker gespielt. Seine Fähigkeiten als beinharter Bundesligaverteidiger kamen ihm dabei unzweifelhaft zugute.
serienchiller86 11.01.2014
3. cool..
..jetzt weiß ich auch endlich warum die Kicker beim Training den Ball nahezu jedes Mal gleich treffen und ihm eine fast identische Flugbahn geben. Eigentlich eine enorme Leistung. Nichtsdestotrotz, Kicker mögen in manchen Fällen echte Footballer sein, aber sind sie in keinem Fall echte Fußballer ;)
Übersichtsaufnahme 11.01.2014
4. Manfred Burgsmüller
Zitat von frank_w._abagnaleSogar die alte Schalker-Fußballlegende Manfred Burgsmüller hat nach seiner Fußballkarriere in der NFL als Kicker gespielt. Seine Fähigkeiten als beinharter Bundesligaverteidiger kamen ihm dabei unzweifelhaft zugute.
Manfred Burgsmüller war 1. niemals Fußballer auf Schalke (dafür u.a. BVB) 2. immer Stürmer Kann passieren.
karl74 11.01.2014
5. Fussball?
Watching meterosexual men kick a ball in a net is very exciting. Nothing is more thrilling seeing a European soccer player fake a dive.
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